Zeitung Heute : Fast wie im richtigen Leben: "Die Spesenritter" im ersten Programm

Hans Altona

Wir leben in verwirrenden Zeiten. Die große Politik scheint immer mehr nach Gutsherrenart abgehandelt zu werden, Personen werden ausgetauscht, umgetauscht, zurückgegeben und verschoben wie Bauern auf einem Schachbrett. Überzeugungen, Ideen, womöglich sogar Ideale? Ach, was soll das alles, weg mit allem, was den Ablauf stört! Zukunft gestalten! Erlaubt ist, was weiterbringt - wundert sich noch irgendjemand wirklich über ein Wahlvolk, das den Urnen lieber fernbleibt, als sich weiter "von denen da oben" vorführen zu lassen? Jörg Grünlers Politsatire mit dem wunderbaren Titel "Die Spesenritter" könnte aktueller gar nicht sein. Es geht, grob gesagt, um einen Beamten, Buchhalter im Auswärtigen Amt, der seinen Vorgesetzten per Zufall auf die Schliche kommt. Sie haben ein Phantom erfunden, um sich auf dessen Kostenstelle schöne Tage zu machen. Buchhalter Bienbusch aber ist ein unbestechlicher Mann - und die Jagd auf ihn alsbald eröffnet. Ein Stoff aus dem wirklichen Leben.

Harald Juhnke ist Bienbusch, und er spielt diesen kleinen Mann, der sich unvermutet in der großen weiten Welt von Korruption und Vorteilnahme im Amt wiederfindet, mit der Leidenschaft eines Schauspielers, der selbst in Abgründe gesehen hat, die ihn taumeln ließen. Aus einem älteren, schüchternen Herren im besten Pensionsalter wird ein Gejagter, aus einem peniblen Bürokraten ein raffinierter Trickser. Und Harald Juhnke, der endlich wieder einmal mehr sein darf als der komische Onkel von nebenan, der so hübsch berlinern kann, bewältigt die Verwandlung vom Biedermann zum Hassobjekt mit einer Leichtigkeit, als wäre er immer noch der Hauptmann von Köpenick. Am Ende muss er es sogar noch mit einem Killer aufnehmen. "Die Spesenritter" geht weit, trifft aber mitten ins Herz einer Gesellschaft, deren politische Elite ein wenig den Kopf verloren zu haben scheint. Dem NDR kann man ob seines Timings nur gratulieren: Und mit ein bisschen Glück schaffen es "Die Spesenritter" (20 Uhr 15, ARD) zum Lehrfilm für Amtsanfänger. "Wehret den Anfängen" - natürlich jeder auf seine Art.

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