Zeitung Heute : Fast wie im richtigen Leben

Keine Klassenzimmer, selbstständiges Lernen, ständig ansprechbare Lehrer, Austausch mit der Uni: Die Australian Science and Mathematics School in Adelaide gilt als absolute Vorzeigeschule

Tilmann Warnecke

Als Michael das erste Mal an seiner neuen australischen Schule ankam, dachte er: „Falsche Adresse. Das hier kann keine Schule sein.“ Da war der 17-Jährige gerade frisch aus dem niedersächsischen Stadthagen für ein Austauschjahr in Adelaide gelandet. Ihn irritierte nicht nur, dass er erst mal über den Campus einer großen Uni laufen musste, um die „Australian Science and Mathematics School“ zu erreichen. Oder dass er Labore wie in einem High-Tech-Institut sah. Auch sein Klassenzimmer suchte er vergeblich: Die Schule hat keine. Stattdessen eine riesige offene Halle , in der sich mehrere hundert Schüler so locker verteilen wie sonst Klamotten auf dem Boden eines Teenagerzimmers. Eine Geräuschkulisse wie auf einem wuseligen Bahnhof. „Hier konzentriert zu lernen schien mir unmöglich“, sagt Michael.

Das denken viele, die zum ersten Mal die Australian Science and Mathematics School (ASMS) betreten, sagt Direktor Jim Davies. Und noch jeder sei vom Gegenteil überzeugt worden. Die staatliche Schule gilt als das Vorzeigeprojekt auf dem fünften Kontinent. Ein Projekt aus der Not geboren, einer Not, die auch Europa und die USA kennen. In einer hochtechnologisierten Welt, in der Ingenieure, Computerspezialisten und Naturwissenschaftler händeringend gesucht werden, nehmen Jugendliche immer öfter reißaus, wenn sie die Worte Mathematik, Chemie, Physik nur hören. In Australien etwa haben sich die Studienanfängerzahlen in den Naturwissenschaften in den letzten zwanzig Jahren halbiert – in Deutschland sieht es nicht anders aus.

Doch auf dem sonnigen Campus in Adelaide können Teenager die Lust an der Naturwissenschaft und am Lernen im Allgemeinen wiederentdecken. 450 Zehnt- bis Zwölftklässler aus Australien und dem Ausland werden unterrichtet. Das Lernprinzip sei einfach, sagt Davies. Es heißt „the real life“. Schule soll sein wie das richtige Leben.

Dazu gehört, dass die Schüler im Unterricht möglichst viel tun und der Lehrer möglichst wenig macht. „Wenn sich Jugendliche treffen, reden sie viel, sind laut und hampeln gerne rum. In der Schule zwingen wir sie normalerweise dazu, den Mund zu halten und starr nach vorne zu gucken. Es ist eigentlich logisch, dass das nicht funktionieren kann“, sagt Davies. An der ASMS lernen die Schüler selbstständig in Kleingruppen. Das sieht so aus: Michaels Lehrer vergibt am Anfang der Stunde Aufgaben für sechs Gruppen. „Denkt daran, ihr müsst in einer Woche fertig sein und die Ergebnisse präsentieren“, sagt der Lehrer. Die Schüler reagieren. Michael klappt seinen Laptop auf, fünf Mitschüler diskutieren mit. Gruppenarbeit muss aber nicht sein. Wer will, kann sich zurückziehen. Oder in einem der „Studios“ genannten Labore Versuche durchführen. Eine Woche lang suchen die Schüler dann selbst nach Ergebnissen. Der Lehrer hält sich im Hintergrund – aber wann immer die Schüler ihn ansprechen wollen, ist er zur Stelle.

Um dieses Lernkonzept umzusetzen, bauten die Australier für umgerechnet acht Millionen Euro eigens ein neues Schulgebäude. Die Klassenzimmer wurden durch „Learning commons“ ersetzt: Große, auf einer Etage fließend ineinander übergehende Räume, die jenen Eindruck einer riesigen Halle entstehen lassen. Das Lehrerzimmer wurde abgeschafft. Jede Lehrer hat nur eine Nische als Rückzugsort. Ohne Tür versteht sich, er soll ja jederzeit ansprechbar sein.

„The real life“ bedeutete für Davies auch, den Lehrplan völlig umzukrempeln, bevor die ASMS 2003 startete. „Die Schüler gucken TV-Krimiserien wie ’CSI’, in denen DNA-Tests vorkommen. Sie hören Musik auf MP3-Playern. Sie haben also mit Naturwissenschaften zu tun. Diese Lebenswirklichkeit muss sich im Lehrplan widerspiegeln“, forderte Davies von seinen Kollegen. Die alten Fächer Physik, Chemie, Biologie lernen die Schüler und Schülerinnen – die Hälfte der Jugendlichen sind Mädchen – nicht mehr. Einheiten wie „Die Erde und der Kosmos“, „Abstraktes Denken“, „Nanotechnologie“ oder „Nachhaltige Zukunft“ stehen jetzt auf dem Lehrplan. Die alten Fächer kombiniert mit neuen Inhalten, versetzt mit kulturwissenschaftlichen Fragen. Oft gehen Michael und seine Mitschüler über den Campus zur benachbarten Flinders University, wo sie von Wissenschaftlern unterrichtet werden. Vor Unidozenten benotete Vorträge zu halten, gehört zu den wichtigsten Leistungstests für die Schüler.

An das selbstständige Arbeiten habe er sich erst gewöhnen müssen, sagt Michael. Der Anspruch sei hoch, viel höher als an seinem deutschen Gymnasium. Inzwischen motiviere ihn das aber sehr. Ähnlich mitreißend fänden das aber nicht alle Mitschüler. „Auch hier gibt es einige, die wenig machen und sich nur so durchhangeln.“ Dennoch: Der erste Schüler-Jahrgang erzielte bei den australischen Abschlussexamina, deren Ergebnisse über den Zugang zur Uni entscheiden, überdurchschnittliche Noten. Das Lernkonzept scheint aufzugehen.

Es könnte aber auch daran liegen, dass die Teenager, die zur ASMS kommen, sorgfältig ausgesucht werden: Sie müssen vorher in Tests zeigen, dass sie sich fürs selbstständige Lernen eignen. Unter den Lehrern gibt es deswegen auch nachdenkliche Stimmen. Man müsse akzeptieren, dass es andere Jugendliche gebe, die mit streng vorgegebenem Lehrstoff besser lernten. Mit der großen Freiheit, die an der ASMS für die Schüler herrscht, kommen die womöglich gar nicht zurecht.

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