Zeitung Heute : Fast wie im richtigen London

Vor einem Jahr erschütterten Bomben Englands Hauptstadt. Am selben Tag erschien Chris Cleaves Roman „Lieber Osama“, die Geschichte eines Bombenanschlags auf das Stadion von Arsenal. Ein Rundgang an die Schauplätze, die den Autor inspirierten.

-

Von Ulf Lippitz Weavers Fields, ein Park im Londoner East End. Pakistanische Mädchen scherzen neben englischen Jungs, Bikini-Mädchen sonnen sich neben verschleierten Araberinnen. Der Park ist für Schriftsteller Chris Cleave das Traumbild einer multikulturellen Gesellschaft, das manche inzwischen ein Trugbild nennen. Spätestens seit dem 7. Juli vergangenen Jahres, als vier junge britische Muslime drei Bomben in der Londoner U-Bahn und in einem Bus am Tavistock Square zündeten, 56 Menschen starben und Hunderte verletzt wurden.

Chris Cleave hat so ein Verbrechen vorausgesehen. In seinem Roman „Lieber Osama“ beschreibt er die Folgen eines fiktiven Bombenanschlags auf das Fußballstadion des FC Arsenal. Was er vor einem Jahr nicht vorausgesehen hat: dass sein Buch am selben Tag in den britischen Buchläden stehen würde, an dem tatsächlich Bomben explodierten. Und jetzt, Ende Juli, erscheint es auf Deutsch, ein Jahr nach der Tragödie.

Chris Cleave feierte am Abend des 6. Juli 2005 noch die Veröffentlichung des Buches, um vier Uhr morgens lag er im Bett, um acht Uhr musste er aufstehen und den eineinhalbjährigen Sohn in die Krippe bringen. Eine Stunde später zündeten die Sprengsätze. Cleave fühlte sich wie in einem realen Traum über sein Buch gefangen. Er versuchte vier Stunden lang vergeblich, seine Frau am Mobiltelefon zu erreichen, wandelte sich in dieser Zeit zu einem Befürworter der Todesstrafe und kriegte sich erst wieder ein, als er seine Frau endlich ans Telefon bekam.

Wie zum Hohn hingen die Werbeplakate für Cleaves Buch in den U-Bahn-Stationen: Eine Luftaufnahme von London, man sieht Rauch aufsteigen, darüber prangen die Worte „What if“ – was wäre wenn? Am 8. Juli wurde damit begonnen, die Plakate sofort wieder abzuhängen, „Lieber Osama“ verschwand aus den Schaufenstern der Handelsketten in die hinteren Regale. 15 ausländische Verlage kauften trotzdem die Lizenzen, die Produktionsfirma Archer Street („Bridget Jones“) sicherte sich die Filmrechte – und die britische Taschenbuchausgabe in diesem Frühling verkauft sich ausgezeichnet. „Es sind jetzt 20 000 Exemplare pro Woche“, sagt Cleave mit hörbarem Stolz.

Das Buch ist auch eine Geschichte über die Menschen im East End. Die Hauptfigur ist eine Frau aus der weißen Unterschicht. Sie haust in einer Sozialwohnung in Bethnal Green. So heißt das Viertel, in dem Weavers Fields liegt, Cleaves Lieblingspark. Er selbst wohnt nicht hier, sondern im Westen der Stadt, aber sein Bruder hat eine Wohnung, vielleicht 100 Meter Luftlinie vom Park entfernt. „Sehen Sie sich die Menschen hier an“, sagt Cleave, als er über den akkurat geschnittenen Rasen schaut. In seiner Stimme schwingt Begeisterung mit, wie sie seine Landsleute momentan nur für die Beine Wayne Rooneys aufbringen.

Angehörige aus 40 Nationen leben in Bethnal Green zusammen, erzählt er. Meist friedlich wie die unterschiedlichen Gruppen im Park – auch wenn am Eingang Schilder warnen, dass Einbrecher und Autodiebe in der Umgebung ihr Unwesen treiben. Chris Cleave lächelt. Er, der Prototyp eines Engländers – rundes Gesicht, noble Blässe, kurze rote Haare, untersetzte Figur – hält den grünen Schmelztiegel für das Gesicht eines neuen Englands.

Aus der Tiefe des Parks saugt er Geschichten auf. Teile der Handlung spielen gleich um die Ecke, an der Bethnal Green Road, der ärmlichen Verkehrsschlagader des Viertels, und der nur drei Blöcke entfernten Columbia Road, wo Yuppies in luxus-sanierten Reihenhäusern leben. Um die Sprache seiner Heldin authentisch zu imitieren, hat Cleave eine spezielle Methode entwickelt. Er stöpselt sich Kopfhörer ins Ohr, ohne ein Gerät anzuschließen, setzt sich mal auf einen Rasen, mal in die U-Bahn, mal in einen Bus und lauscht. Keine Spionage, sondern Recherche. Chris Cleave kommt aus der Mittelschicht. Mit einem Tagesticket für den Nahverkehr und den Kopfhörern in der Hosentasche nähert er sich der Arbeiterklasse, ihrer Art zu reden und zu handeln.

Er erzählt, wie er einmal eine Clique Jungs im Bus belauscht hat, gerade 20 Jahre alt, Kinder aus Arbeiterklasse-Familien, die vom Zentrum nach Hause ins East End fuhren. Sie erzählten von der letzten Wochenend-Party, einer Art illegalem Rave irgendwo in einem halb verfallenen Gebäude. Die Polizei kam, stoppte die Musik und wollte alle mit aufs Revier nehmen. Die Jungs flüchteten und prahlten damit im Bus. Cleave wäre wohl brav mit zur Polizei gegangen. „Das ist der Unterschied zwischen der britischen Mittel- und der Unterschicht“, sagt er. Die eine Hälfte vertraut der Polizei blind, die andere rennt vorsichtshalber weg.

Und seit den Anschlägen? Hat Cleave eine Veränderung festgestellt bei seinen Exkursionen durch die Stadt? Er glaubt, dass London ruhiger geworden ist. Cleave erinnert sich, wie er die U-Bahn vom geschäftigen Holborn ins triste Mile End genommen hat, vom West ins East End, oder den Bus mit der Nummer 72, der die Bethnal Green Road entlang fährt, in der indische, pakistanische und kurdische Geschäfte friedlich koexistieren, in der an manchen Ecken sogar Aufkleber von Osama Bin Laden hingen, wie er im Frühjahr 2004 den Menschen zugehört hat, wie aus allen Mündern die Worte „Irak“ und „Krieg“ kamen. „Die Menschen sprachen plötzlich wieder über Politik“, erzählt Cleave. „Und je näher man den Arbeitern kam, umso weniger abstrakt wurde dieser Krieg. Wenn man aus der Arbeiterklasse stammt, wird man entweder Fußballer oder geht zur Armee, um Geld zu verdienen. Die Armee ist einer der größten Arbeitgeber und Killer der Arbeiterklasse.“

Eine Episode hat er klar vor Augen. Er saß im 72er-Bus, zwei Reihen vor ihm ein vielleicht achtjähriger Junge mit seiner Mutter, ein „typischer Rotschopf“, wie Cleave sagt. „Er fragte plötzlich seine Mutter: Werden wir den Krieg gewinnen? Die Mutter überlegte lange, dann sagte sie: Ich weiß nicht. Der Junge musste schlucken und wurde ganz still.“

Und heute? Chris Cleave ist am Morgen mit dem Pendlerzug aus Westlondon zur Liverpool Street im Osten gefahren. Der Waggon war voller Kinder, zehn Jungs, die sich darüber stritten, wer von ihnen David Beckham sein dürfte, wenn sie nachher Fußball spielen würden. Die Erwachsenen spekulierten, wer auf der WM-Party der Beckhams eingeladen ist. „Sie wären unsere Royals, wenn wir welche wählen dürften“, sagt er.

Der Irak-Krieg ist in den Hintergrund gerückt, die Anschläge vom 7. Juli auch, nach der schrecklichen Explosion verschwanden die Osama-Sticker ganz schnell. Die Teenager in Londoner U-Bahnen reden wieder von Fußballern wie Popstars, von Fernseh-Sendungen und Mobiltelefonen. „Und wenn sie darüber reden, verstehe ich kein Wort. Ich fühle mich, als wäre ich 100 Jahre alt“, sagt Cleave und lacht.

Er sitzt im „Lounge“, einem winzigen Café an der Bethnal Green Road, der Park ruht hinter der gegenüber liegenden Häuserzeile. Es gibt Cappuccino, frische Waffeln und W-Lan Anschluss. Neben dem Lokal reihen sich ein Imbiss, eine Immobilienagentur, eine Schneiderei und ein Zeitungsladen aneinander. Von der Immobilienagentur abgesehen, sieht jedes Geschäft wie ein Schlachtfeld aus. Kundenservice heißt hier, präsent zu sein und aus den Kisten oder Frittiergeräten das Gewünschte herauszuholen. „Es ist mir ein Rätsel, wie die Läden überleben“, sagt Cleave.

Bethnal Green steht vor einem Wandel. Bis Ende des 19. Jahrhunderts galt das Viertel als schlimmster Slum Londons, die Gangster-Brüder Kray hielten in den 60er Jahren von hier aus ganz London in Atem, Chris Cleave kam in den 90er Jahren nur her, um an der Bethnal Green Road Drogen für Techno-Partys zu kaufen. Seit dem Millennium drängen Designer, Banker und Makler in die Gegend, die alten Bewohner ziehen immer weiter ostwärts. Das Sorgenkind der Stadtverwaltung ist im Begriff, ein Bezirk mit hohen Einkommensunterschieden und überschaubaren Risiken zu werden. Doch als Cleave das Wort „Drogen“ erwähnt, dreht sich ein mächtiger schwarzer Mann im Lounge um und schaut ihn fünf Minuten unverwandt an. Die Luftlinie beträgt zwei Meter. Es ist Zeit zu gehen.

Auf dem Bürgersteig feilschen inzwischen pakistanische Frauen mit den Händlern um Stoffpreise, Pubs öffnen ihre Türen für Mittagsgäste, Autos mit kleinen England-Fahnen sausen vorbei. In den Geschäften diskutieren Männer in unbekannten Sprachen, nur das Wort „Beckham“ ist zu verstehen. König Fußball herrscht in der Barnet Grove, wenn man von der Bethnal Green Road nördlich einbiegt und eine demographische Grenzwanderung unternimmt. Zuerst dominieren städtische Sozialbauten mit unzähligen England-Fahnen, dann piekfein sanierte Reihenhäuser ohne Beflaggung.

Im sozial schwachen Teil steht das Hochhaus, in dem Cleaves fiktive Heldin wohnt – eine Frau ohne Namen, die ihren Mann und ihren Sohn beim Attentat verliert. Es ist ein brauner Ziegelsteinkasten, weiße Streben sollen die Wucht des Elfgeschössers wohl mindern, Farbe platzt von den Streben ab, Florida Street steht an der Ecke.

Schräg gegenüber hocken drei junge Männer in einem offenen Auto. Sie hören laute Hip-Hop-Musik. Ein Mann lehnt auf der Fensterbank im Erdgeschoss. Chris Cleave fühlt sich bemüßigt, Verhaltensratschläge zu geben. „So, und jetzt verstecken Sie den Fotoapparat“, sagt er. „Sonst kommt der Typ raus und schlägt sie zusammen.“ Er hält kurz inne. „Das ist ein Drogendealer“, erklärt er dann.

Er muss es wissen. Der Schriftsteller hat den Ganoven tagelang beobachtet. Er saß einen Block entfernt, hinter Fensterglas, in der Wohnung seines Bruders, schrieb den Roman und schaute immer mal wieder hinunter, dorthin, wo aus dem Fenster Geld gegen Päckchen getauscht wurde. Nein, er ist nie zu dem Typen gegangen. Die Tage sind vorbei, als er mit einer Gruppe Techno-Fans durch England zog, Ecstasy konsumierte – und echten Kontakt zu den Menschen aus der so genannten Unterschicht hatte.

Heute lebt er im „Nappy Valley“, dem Tal der Windeln, so nennt er die westlichen Stadtteile Clapton, Richmond und Kingston. Junge Familien mit Kindern ziehen dorthin, um beschaulich zu leben. „Ich bin feige“, gibt Cleave zu. Er braucht nicht die Gefahr eines Autodiebstahls zu spüren, um sich am Puls der Zeit zu fühlen. „Die Menschen, die in Bethnal Green leben, haben keine Autoversicherung mehr“, sagt er. „Die Prämie wäre zu hoch.“ Ständig sind die Scheiben eingeschmissen, die Radios weg, manchmal das ganze Auto.

Trotzdem, meint er, habe die Polizei hier heute einen besseren Ruf als früher. Als er vor zwei Jahren in den roten Doppelstockbussen saß, hörte er die Menschen klagen — während sie von der Bethnal Green in die Cambridge Heath Road einbogen, an der Bahntrasse Richtung Flughafen Stansted entlang fuhren und draußen vor den Häusern die zum Trocknen aufgehängte Wäsche im schmutzigen Wind flatterte. „Die Polizei erschien nicht mehr, wenn im Haus nur eingebrochen und niemand erstochen wurde“, erzählt Cleave. „Die Opfer bekamen eine Fall-Nummer, am nächsten Tag rief eine Behörde an und fragte, ob sie körperlich in Ordnung seien, aber das war’s.“

Respekt erwarb sich die Polizei nach den Anschlägen vom 7. Juli. In Pubs, im Park, in den Bussen redeten die Menschen darüber, wie toll die Polizei gearbeitet habe, dass innerhalb von fünf Minuten der Notfallplan stand, dass die Polizisten zusammen mit den Sanitätern bis zur körperlichen Erschöpfung aufblieben. Die nationale Sicherheit glauben Londoner seitdem in guten Händen – die Kleinkriminalität nicht.

Etwas hat sich noch geändert: die Toleranz gegenüber Muslimen. Jeder Londoner kann eine Anekdote erzählen, wie er nach dem 7. Juli nicht in die U-Bahn einstieg, weil neben ihm ein bärtiger Araber verdächtig aussah. Chris Cleave hat einen indisch-stämmigen Freund, Mike. „Es war eine schlimme Zeit für jeden Menschen, der einen Rucksack und eine dunklere Hautfarbe hatte“, erzählt er, „Mike ist manchmal zu faul, sich zu rasieren, er ist ständig unterwegs mit einem Rucksack. Passagiere verließen den Wagen, wenn er einstieg. Er fand es komisch, weil er in den ersten Wochen nach dem Anschlag garantiert immer einen Sitzplatz finden konnte.“

Chris Cleave glaubt, dass die Menschen inzwischen nicht mehr an die Attentate denken. „In London ist jeder damit beschäftigt, genug Geld zu verdienen, um eines Tages wieder aus London wegzuziehen.“ Wenn er die Menschen im Bus reden hört, entdeckt er jedenfalls keine Besorgnis mehr. „Die Londoner waren nervös, als wir in den Irak einmarschierten. Sie waren nervös im letzten Jahr wegen eines möglichen Anschlags. Sie sind dieses Jahr nervös, weil wir trotz eines verregneten Mais ein Wasser-Problem haben.“ Der Grundwasserspiegel liegt so niedrig wie seit Jahren nicht mehr. Eine Dürre, sagen die Behörden und fordern die Londoner auf, ihre Gärten nicht zu wässern.

Cleave gähnt. Gerade ist der zweite Sohn geboren, er schreit Nächte durch, außerdem hat er vor zwei Tagen ordentlich gebechert. Das stellt sich heraus, als er die Freundin seines Bruders an der Bethnal Green Road trifft - und sie ihn mit den Worten begrüßt: „Hattest du auch diesen furchtbaren Kater?“ Er nickt, es scheint ihm peinlich, dass man mithört – und das bei jemandem, dessen Obsession das Belauschen anderer Leute ist.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben