Zeitung Heute : Fast wie im richtigen WG-Leben

Michael Burucker

Lachen, lieben, mobben, klagen - in den TV-Knast kommt BewegungMichael Burucker

Es ist passiert. Am 21. Tag ihrer freiwilligen Isolationshaft kletterte Container-Häftling Kerstin über die Bettenleiter zu Häftling Alex ins Oberbett des "Jungens-Zimmer". Darauf hatte nicht nur der stressgeplagte Finanzcontroller des Senders gewartet. Die Kameras im "Big Brother"-Haus hielten unbeirrt - oder schienen sie nicht doch etwas verlegen? - auf eine schwer erkennbare Szenerie: Eine karierte Bettdecke, im Stockdunkel der Schlafzelle vom Infrarot der Nachtsichtkamera nur schemenhaft, irgendwie schwarz-grünlich flimmernd erfasst - sie bewegte sich! Rückschlüsse auf die Aktivitäten unter der Decke ließen die Bilder nicht zu, zumal die Regie die Bettdeckenstory immer nur blitzartig zwischen unverfänglichen Frühlingsszenen vor dem Hühnerstall aufblitzen ließ.

Immerhin fand Häftling Jürgen über der Flottheit des Hahns beim Begatten der Henne selbstkritisch zu sich: "Der macht es wie ich". Kerstin übrigens beteuerte nach ihrem Wiederauftauchen gegenüber WG-Genossin "Manu" beim Sonnenbad auf dem Hühnerhaus, es sei nichts passiert, aber Alex sei irgendwie süß. Sie charakterisierte Alex so einfühlsam und wortgewandt, aber auch so distanziert, dass uns ein Bericht der "Bild am Sonntag" wieder einfiel, der behauptete, Kerstin und der ebenso dominante Mitbewohner Jürgen seien Schauspieler, die die Aufgabe hätten, in die potenziell lahmende Gruppendynamik Pfeffer zu streuen. Hat sich Kerstin womöglich der Quote wegen Macho Alex hingegeben, der bisweilen an Jack Nicholson erinnert? Wäre dem so, stünde ihr der nette Jürgen in nichts nach. Wohlwissend, dass die hübsche Manuela einen farbigen Freund hat und sich deshalb diesen Ausdruck verbietet, benutzte er in einer WG-Diskussion über das Bettverhalten von "rassigen Südländern" das Wort "Neger". Ergebnis: Zum ersten Mal überkamen einen Kandidaten - Manuela - in dem "Sprechbox" genannten Beichtstuhl, dem einzigen Draht zur Außenwelt, die Tränen. Währenddessen lief der treuherzige "Zladi" Zlatko, der freimütig bekannte, nicht zu wissen, wer Shakespeare ist, nur noch mit einem Regenwetter-Gesicht herum und stieß in der Sprechbox dunkle Drohungen gegen Mitbewohner aus. Ich raste aus "wie ihr es wollt", mutmaßte der Shakespeare-Muffel.

Doch gieren wir nach dem Hauen und Stechen im Human-Biotop, nach dem weiblichen Nackedei hinter der gläsernen Dusche oder den Silhouetten in der schummrigen Schlafbox? Wahrscheinlich unterliegen da die Medienwächter ebenso wie die Quotenjäger einem Missverständnis. Es ist weniger die Sensation, die reizt, sondern die Alltäglichkeit und das Wiedererkennen eigener Verhaltensweisen. Deshalb irrten Kritiker, die die anfänglich sinkende Quote als Quittung für das nicht eingelöste Versprechen von Sex and Crime interpretierten. Mit Anfangsschwierigkeiten hatte bis jetzt jede erfolgreiche Daily Soap zu kämpfen, die auch nichts anderes tut, als Banalität, freilich unendlich geschwollener, abzubilden.

Das Quotentief markierte die Phase des Fremdelns. Nach dem allmählichen Kennenlernen der Figuren stellt sich Identifizierung ein. Die hat sich mittlerweile hergestellt. Nicht etwa über Orgien und Schlammkämpfe, sondern über die ganz alltäglichen Reibereien, mit der die Spezies Mensch ihre Rangordnung bestimmt. Im Gegensatz zu allen Befürchtungen werden die hier noch ziviler ausgetragen als in der Realität, weniger weil sich die Beteiligten beobachtet fühlen, sondern weil die Situation sie zwingt, die eigenen Verhaltensweisen wie in jeder Gemeinschaft ständig zu reflektieren.

Im Selbstgespräch in der "Sprechbox" äußern sich Selbstzweifel und innere Monologe, die den als "Voyeur" verdächtigten Zuschauer bannen, weil er daran eigene Emotionen erkennt, die er so freimütig nie äußern würde. Insofern sind bislang Zlatko, Jürgen, Manu & Co. eher Beweis für ein humanes Miteinander, das die Regeln des Wolfsrudels wohl kennt, sie aber keineswegs so rücksichtslos auskämpft, wie es etwa die täglichen Krawall-Talkshows vom wirklichen Leben erahnen lassen.

Was die Rundum-Beobachtung an Sensation zu bieten hat, ist weniger, wer zu wem ins Hochbett klettert, sondern die Erkenntnis, wie unverbrüchlich die Regeln des Miteinander sind. Erfolgreich sind auch hier nur die Dominanten. Wer grübelt, Schwäche zeigt, wird zwar gemocht, es schützt ihn aber nicht vor der Nominierung als Rauswurfkandidat - siehe Nesthäkchen Jona. Jede Gruppe zerfällt unweigerlich in sich unversöhnlich gegenüberstehende Untergruppen. Dies ist gerade die leidige Erfahrung aller, die je in einer WG gelebt haben. Der Zerfall hat auch bei Big Brother begonnen. Anders als bei einem WG-Krieg jedoch sieht man im TV-Knast Licht und Schatten. Ist der tätowierte Macho nicht auch liebenswert, wenn er selbstvergessen die Katze auf den Schultern balanciert oder erweist sich das reservierte Girlie nicht doch als recht robust, wenn sie nicht ganz so keusche Witze reimt? Man täuscht sich in den Menschen.

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