Zeitung Heute : Fast wie Karratsch

Mörderisches Tempo: PS-Poesie beim Avus-Rennen 1951

Andreas Conrad

Karratsch, der große Rudolf Caracciola, war noch einmal zurückgekehrt. Nach fast 14-jähriger Pause sollte am 1. Juli 1951 endlich wieder ein großes Rennen auf der Avus starten, da war es Ehrensache, dass man die Legende des Rennsports, den Veteranen der großen Zeit der Silberpfeile, eingeladen hatte, der Wiedergeburt der ersten deutschen Rennstrecke als Gast beizuwohnen.

Alle hatten sich auf diesen Freudentag, mit dem ein weiteres Stück Normalität in die geschundene Stadt zurückzukehren schien, gründlich vorbereitet: die Polizei, die mit 1400 Beamten auf den Ansturm der erhofften 200 000 Zuschauer wartete und deren Fachleute sich gemeinsam mit der Rennleitung vom ordnungsgemäßen Zustand der Strecke und der neuen, zum Schutz des Publikums gebauten Betonmauern überzeugt hatten; die Rennsportfreunde, die im Vorverkauf die Karten für die Haupttribünen fast restlos weggeschnappt hatten und schon bei den Trainingsläufen zu Tausenden an der Strecke standen; die Teams der diversen Einzelläufe für Motorräder und Rennwagen; schließlich der Tagesspiegel, der bereits die Vorbereitungen auf diesen Tag der Freude umfangreich begleitet hatte und nun in seiner Ausgabe vom Renntag noch einmal an den 11. Juli 1926 erinnerte: „Als Karratsch vor 25 Jahren siegte“.

Anders als diesmal hatte es in Strömen gegossen, als auf der Avus das erste Rennen zum „Großen Preis von Deutschland“ stattfand, womit die fünf Jahre zuvor eröffnete Strecke mit einem Schlag internationales Renommee gewann. 40 Fahrer aus sechs Nationen waren angetreten, darunter die beiden „Asse“ aus dem Mercedes-Team, Adolf Rosenberger und Rudolf Caracciola, wie der Tagesspiegel noch ein Vierteljahrhundert später schwärmte. Freilich, das Rennen lief nicht ganz reibungslos, es sei sogar „infolge des plötzlichen Regengusses zu Unfällen gekommen“, wie jetzt zu lesen war. „Der Wettlauf mit dem Tode“ – so sei das Rennen damals in der Presse angekündigt worden. Allerdings, dass vier Menschen dieses Rennen verloren hatten, darunter drei Streckenposten in einem Zeitnehmerhäuschen, in das Rosenberger mit seinem schleudernden Wagen gekracht war, stand nicht mehr im Blatt. Ebenso wurde im Tagesspiegel verschwiegen, wie katastrophal der Zustand der Avus 1926 war, mit bis zu zehn Zentimeter hohen Bodenwellen. Mängel, die man auch 25 Jahre später nicht hinreichend behoben hatte. Offenbar sollte nichts die Euphorie des Neubeginns schmälern, keine dunkle Erinnerung die leuchtende Hoffnung trüben. Journalistisch war das bedenklich, es passte aber zur Stimmung der Zeit, und es ist ja dann an diesen sonnigen Julitag 1951 zum Glück nichts passiert.

Über 250000 Zuschauer, nach anderen Angaben sogar 350000, waren gekommen, hatten sogar Eisenbahnbrücken und -böschungen neben der Rennstrecke besetzt, wie der Tagesspiegel-Reporter beeindruckt schilderte. „Pfeifende D-Züge bahnten sich im Schrittempo den Weg durch diese Zaungäste.“

Empfangen wurden die Besucher, darunter der Regierende Bürgermeister Ernst Reuter und die drei alliierten Stadtkommandanten, durch ein kurzes, per Tonband abgespieltes Grußwort von Bundespräsident Theodor Heuss, der das Rennen als ein „sichtbares und hörbares Zeichen“ pries, „wie ungebrochen in allen Nöten die Lebenskraft dieser Stadt geblieben ist“. Ein Autorennen in Berlin war damals immer auch ein symbolischer Akt.

Zugleich war das Rennen von 1951 ein Zeichen dafür, wie eng die beiden deutschen Staaten trotz allem noch miteinander verwoben waren. Beim wichtigsten Lauf des Tages, dem Rennen der Formel-2-Wagen – für den Tagesspiegel damals „die größte und schnellste Klasse des deutschen Motorsports“ –, siegte nicht etwa ein Fahrer aus dem Westen, sondern der „Ostzonenfahrer“ Paul Greifzu aus dem thüringischen Suhl, was als ganz selbstverständlich, keiner besonderen Würdigung wert hingenommen wurde. Stattdessen schwärmte der Reporter über „die süßlichen Dämpfe verbrannten Rizinusöls“ und den „beißenden Mandelgeruch, den der Spezialtreibstoff der großen Wagen ausströmte“, berauschte sich am „mörderischen Tempo“, dem die meisten Wagen nicht standgehalten hätten: Von 29 Fahrern kamen fünf ins Ziel.

Alles in allem ein „grandioses Rennen, das an die Motorenkämpfe der klassischen Avus-Zeiten würdig anschloss“ und das Greifzu auf einem als „BMW-Eigenbau“ beschriebenen Wagen gewann. Der Sieg des „Ostzonenfahrers“ freute auch die Firma Bosch, die sofort im Tagesspiegel in einer Anzeige darauf hinwies, dass Paul Greifzu im Meisterschaftslauf der Rennwagen Formel II „mit Bosch-Zündung und Bosch-Kerzen“ gesiegt habe.

Für den Thüringer bedeutete 1951 den Höhepunkt seiner Laufbahn. Drei weitere Siege konnte er einfahren, beim Rennen auf der Autobahnspinne Dresden, auf der Halle-Saale-Schleife und auf dem Sachsenring vor Weltmeister Hans Stuck. Beim Internationalen Rennen auf dem Nürburgring wurde er immerhin Vierter. Dann verließ ihn sein Glück: Am 10. Mai 1952 verunglückte Paul Greifzu bei einer Trainingsfahrt auf der Autobahn-Rennpiste bei Dessau tödlich. Das Motorradstadion in Stralsund, das Fußballstadion in Dessau und eine Schule in Greifzus Heimatstadt Suhl tragen weiter seinen Namen.

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