Fastfood : Atomarer Toast aus der Türkei

Stark am Glas: Tagesspiegel-Kolumnist Helmut Schümann.
Stark am Glas: Tagesspiegel-Kolumnist Helmut Schümann.Foto: Tagesspiegel

Dass am Anfang das Wort war, ist unbestritten. Von Anfang an aber war das Wort nicht eindeutig. Schon Adam und Eva und Gott hatten beim schlichten Wort „Apfel“ unterschiedliche Assoziationen, was bekanntermaßen zu mannigfachen Vergnügungen, aber auch zu einer großen Verwerfung führte. So ein Interpretationsspielraum hat sich bis heute gehalten. Sagt der eine: „Schau mal, der süße Hund“, denkt der andere: „Was für ein hässlicher Köter“. Bekommt der Mediziner den ungesunden Lebensstil nicht mehr repariert, wird er zum Quacksalber, obwohl er ansonsten als Arzt gefeiert wird. Oder Doktor. Wobei die Assoziationsketten von Doktor und Doktorvater und Doktorand seit den zurückliegenden Tagen neu überdacht werden sollten. Es ist wie mit Mallorca. Ganz früher sagten die Leute: „Oh, Eiland in der Sonne, Mallorca, du Schöne.“ Heute sagen sie: „Geh mir wech mit Malle!“ Alles ist im Wandel. Wandel, das war früher auch mal ein schönes Wort, der Wandel vom Winter zum Frühling zum Beispiel, Wandel war neu, war positiv. Heute wird Wandel zumeist in Verbindung mit Klima genannt. Absolut negativ.

In der Türkei gibt es seit 2005 eine Fastfood-Firma, die Toast produziert und nach Deutschland expandieren will, Toast mit Hühnchen oder mit Würstchen, mit Ketchup, Mayonnaise und Senf. Die Firma heißt: „Atom Toast“!

Ja, Atom ist eben nicht überall negativ besetzt. War es bei uns auch nicht immer. In den sechziger Jahren, als wir alle noch blind technikhörig und heillos zukunftsorientiert waren, da spielte bei 1860 München ein junger Mann Fußball, Otto Luttrop. Und weil er einen harten Schuss hatte, wurde er Atom-Otto genannt. Das war durchaus eine Ehrenbezeichnung, weil die Unwissenden dieser Zeit Atom noch mit Stärke, Kraft und Macht verbanden. Oder besser: die Ignoranten, die Hiroshima und Nagasaki vergessen hatten. Und ein bisschen weiter südlich von Atom-Otto in München rutschten die Menschen auf Atomic-Ski zu Tal. Weil sie vielleicht nicht vergessen hatten, aber glaubten, friedlich gleite es sich atomar schnittiger den Berg hinunter. Wenn es noch eines Beweises bedurfte, dass die Türkei irgendwie noch ein wenig in der Vergangenheit festhängt, die Fastfood-Leute von „Atom Toast“ liefern ihn. Ihr Geschäftsführer Murat Özkaya hat allerdings der „Süddeutschen Zeitung“ für die Expansion nach Deutschland eine Namensänderung angekündigt. Aus „Atom Toast“ wird in Deutschland schlicht „Atom“. Wohl bekomm’s.Helmut Schümann

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