Zeitung Heute : Faszination Mensch

Berufe im Gesundheitswesen: Ein Job in der Pflege kann Menschen an ihre Grenzen bringen, doch die meisten würden ihn wieder wählen

Roland Koch

Wenn Markus Kliemann seinen Schichtdienst beendet hat und das Klinikgelände verlässt, möchte er seinen Frust manchmal in die Welt hinausschreien. Am Ende eines Arbeitstages hat der junge Mann kranke Kinder getröstet, nörgelnde Patienten beruhigt, Menschen sterben sehen. Er hat Katheder gelegt, Verbände gewechselt und Intensiv-Patienten gewaschen. Zu Hause angekommen muss er seine Lehrbücher hervorkramen und für die Abschlussprüfung büffeln. Kliemann macht eine Ausbildung zum Krankenpfleger. „Diesen Job hält man nur aus, wenn man ein stabiles soziales Umfeld hat“, sagt er und würde sich dennoch jederzeit wieder für diesen Beruf entscheiden.

Nicht zuletzt die Belastungen sind es, die den derzeitigen Fachkräftemangel bei Pflegeberufen verursachen. Auf dem Arbeitsmarkt für Pflegekräfte sieht es wie in den besten Wirtschaftswunderzeiten aus. In Krankenhäusern, Altenheimen und bei Pflegediensten werden auf Teufel komm raus Mitarbeiter gesucht. Der Arbeitsmarkt in den Pflegeberufen ist in weiten Teilen Deutschlands nahezu leergefegt. Eine Schätzung des Deutschen Instituts für Pflegeforschung (dip) in Köln geht davon aus, dass derzeit 40 000 Stellen in Krankenhäusern, Altenheimen und bei ambulanten Pflegediensten nicht besetzt werden können. Den offenen Stellen stehen lediglich 18 000 suchende Pflegekräfte gegenüber. Und die Situation wird sich verschärfen: In den nächsten Jahren wird der Anteil älterer Menschen drastisch steigen – und damit auch der Pflegebedarf.

In Berlin sieht die Situation derzeit noch anders aus. Hier gibt es teilweise sogar einen Personalüberhang. „Doch Absolventen, die bei uns nicht unterkommen, werden in anderen Bundesländern und im Ausland mit Kusshand genommen“, sagt Beatrice Bitterling, Schulleiterin für Kinderkrankenpflege und Krankenpflege an der Charité. „Dort werden die Arbeitskräfte dringend benötigt.“

Experten befürchten aber, dass sich die Situation auch in Berlin bald ändert. „In einigen Bereichen können Stellen schon nicht mehr besetzt werden“, sagt Marita Bauer vom Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) in Potsdam. „So schlimm wie etwa in München, wo mehrere hundert Stellen nicht besetzt werden können, ist es hier noch nicht. Doch wenn sich die derzeitige Situation so weiterentwickelt, könnten wir auch hier einen Notstand erleben.“

Vor dem oft belastenden Arbeitsalltag schrecken offenbar immer mehr junge Menschen zurück. Denn der Umgang mit Krankheit und Tod ist nicht nur physisch, sondern auch psychisch belastend: Pfleger sind während ihrer gesamten Acht-Stunden-Schicht auf den Beinen, die Schichtarbeit wirbelt das Privatleben durcheinander. Wer eine Familie hat, kann den Beruf deshalb oft nur in Teilzeit ausüben. Die dreijährige Ausbildung ist anspruchsvoll und der Job hinterher nicht gerade fürstlich entlohnt. Berufseinsteiger müssen sich nicht selten mit Bruttogehältern weit unter 2000 Euro zufrieden geben. Die teilweise extremen Arbeitsbelastungen führen außerdem dazu, dass viele Mitarbeiter schon nach wenigen Berufsjahren frustiert das Handtuch werfen, meint Marita Bauer. „Wenn man sich auf einer Station zu zweit um 40 Patienten kümmern muss, kann man seine Berufsideale nur noch vergessen.“

Doch gerade die Ideale sind es, die junge Menschen einen Beruf im sozialen Bereich ergreifen lassen. „Der Beruf ist unheimlich abwechslungsreich“, sagt Markus Kliemann. Er hat vor gut zwei Jahren seine Krankenpfleger-Ausbildung begonnen. Heute ist er im dritten Ausbildungsjahr. „Man hat jeden Tag mit anderen Menschen zu tun, muss sich immer wieder auf neue Situationen einstellen.“ Das beanspruche einerseits sehr stark, könne andererseits aber auch eine große persönliche Erfüllung sein. Wesentlich für Kliemanns Wahl ist deshalb auch sein Herzenswunsch gewesen, mit Menschen zu tun zu haben und helfen zu können. Dem pflichten gestandene Kollegen bei. „Es gibt da eine eigentümliche Faszination“, erzählt Judith Heepe, die seit 13 Jahren als Krankenschwester arbeitet. „Ich würde diesen Beruf jederzeit wieder wählen.“

„Wer keinen Spaß am Umgang mit Menschen hat, ist in diesem Beruf zum Scheitern verurteilt“, meint Beatrice Bitterling dazu. „In der Pflege wird ein hohes Maß an Eigenständigkeit und Flexibilität, an Stressresistenz und Beobachtungsgabe – und vor allem an kommunikativen Fähigkeiten vorausgesetzt. Man muss auf einen übellaunigen Patienten genauso gut reagieren können, wie auf einen verzweifelten, auf trauernde Angehörige ebenso wie auf verängstigte.“

Männer sind im Pflegebereich unterdurchschnittlich vertreten. Pflege gilt immer noch als klassischer Frauenberuf. Ein Frauenanteil von 80 bis 90 Prozent ist die Regel. Oft seien es Erfahrungen im Zivildienst, die Männer in diese Berufe führen, meint Beatrice Bitterling. Auch Studienabbrecher aus der Medizin fänden hier eine Alternative.

Bei der Auswahl der Bewerber spielen nicht nur die Zeugnisnoten eine Rolle, großer Wert wird vor allem auf die Persönlichkeit gelegt. „Für die 40 Stellen, die ich vergangenes Jahr besetzen musste, habe ich weit über 200 Gespräche geführt“, sagt Schulleiterin Bitterling. „Manchmal verbirgt sich auch hinter nicht ganz so guten Noten ein Talent für den Beruf."

In der Krankenpflege-Ausbildung muss man allerdings auch intellektuell mithalten können. Neben den mindestens 3000 Praxisstunden, stehen 1600 Stunden Theorie auf dem Lehrplan. Die Auszubildenden müssen sich in Anatomie genauso gut auskennen, wie in Krankenpflege oder Psychologie. Doch immer weniger Schulabgänger erfüllen die Voraussetzungen für diesen anspruchsvollen Job. „Die Leistungen der Bewerber sind in den vergangenen Jahren deutlich schlechter geworden“, sagt Beatrice Bitterling. Einen Großteil der Bewerbungen schickt sie gleich wieder zurück. So ist zwar theoretisch nur ein Realschulabschluss Voraussetzung für den Beruf, faktisch aber überwiegt der Abiturientenanteil. Und selbst bei so hohen Eingangshürden geben schon in der Probezeit bis zu 20 Prozent der Azubis wieder auf. In der Abschlussprüfung fallen immer noch bis zu zehn Prozent durch.

Wer allerdings die Voraussetzungen mitbringt, kann im Pflegebereich nach der dreijährigen Ausbildung in eine vielseitige Karriere starten. „Das kann eine fachliche Weiterbildung sein – etwa im OP-Bereich, in der Psychatrie oder in der Anästhesie", erzählt Beate Niehoff, die Leiterin des Referates Personalentwicklung der Charite.“ Auch im Management kann man eine leitende Aufgabe übernehmen, etwa eine Gruppen- oder Stationsleitung.“ Eine dritte Möglichkeit ist der Ausbildungsbereich, und dieser Weg kann bis hin zu einer Karriere an der Uni führen.

Deutscher Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK), www.dbfk.de .

Teil II der Serie nächsten Sonntag: Ärzte

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