Zeitung Heute : Fatal einfach

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Auf Websites verstecken sich Werkzeugkästen zum VirenBau

Einige Links zu Bluesrock-Größen wie Stevie Ray Vaughn, Grüße an den Freund, noch ein bisschen Privates mehr. Von solchen Websites gibt es Millionen. Zumindest wäre das so, wenn „Virusbuster“ nicht ein ziemlich spezielles Hobby hätte. Er sammelt nämlich Computerviren.

Auf seiner Website bietet der Anonymus Geschäfte mit den Schadprogrammen an. Nach allem, was man erkennen kann, scheint die Sammlung komplett zu sein. Auch die Kontakte von „Virusbuster“ können sich sehen lassen: Da wird über die Zukunft von Mail-Würmern diskutiert – sogar ein eigenes Online-Magazin zum Thema „Viren“ wurde herausgebracht. Einige Bekannte des Sammlers scheinen aktiv an der Erweiterung der Sammlung zu arbeiten.

„Ich bin nicht verantwortlich für irgendwelche Schäden auf deinem oder anderen Rechnern“, schreibt ein Bekannter, bevor seine Seite den Blick auf Anleitungen und Quellcodes für Schadprogramme freigibt. Nur ein paar Klicks weiter finden sich die berüchtigten „Toolkits“, virtuelle Werkzeugkästen, mit denen sich durch ein paar Handgriffe neue Varianten bekannter Viren erstellen lassen.

Das Fatale am Schreiben von Computerviren ist dabei: Es ist viel zu einfach mitzumachen. „Ein Genie muss man nicht sein, um so etwas wie Sasser zu programmieren“, sagt Michael Dickopf vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik. „Man muss eine Affinität zum Thema haben und den Willen, etwas Illegales zu tun.“ Die Programmierer der Würmer, die in den letzten Monaten das Netz verseuchten, hätten allem Anschein nach keine kommerziellen Interessen gehabt. Ihnen sei es um massenhafte Verbreitung gegangen. Geltungsdrang war offenbar das Motiv – Virenprogrammierung, um zu zeigen, dass man es kann.

Anderen die Rechenzeit stehlen

Im Februar und März kam es sogar zu einer regelrechten Schlacht verschiedener Würmer gegeneinander (siehe Text rechts). Die Programme rotteten sich gegenseitig aus, im Quellcode fanden sich Beschimpfungen in Richtung der anderen Seite. Hätten die Schöpfer der Würmer nicht die Computer-Welt unter ihrer Fehde leiden lassen, man hätte dem Ganzen etwas abgewinnen können. Auch der 18-jährige Schüler, den die Polizei als Sasser-Schöpfer präsentierte, sagte, er sei sich der Konsequenzen seines Tuns nicht bewusst gewesen. Gespräche mit Klassenkameraden und bereits existierende Viren hätten ihn dazu motiviert, zur Tat zu schreiten.

Dagegen waren die Vorläufer der heutigen Virenepidemie eher Fingerübungen begabter Computertüftler anzusehen: In den Sechzigern tauchten die ersten Programme auf, die in der Lage waren, sich selbstständig in den Netzen der Großrechenanlagen fortzupflanzen. Benutzt wurden sie dazu, den anderen Nutzern mit Spielchen kostbare Rechenzeit zu stehlen und sie dem eigenen Konto gutzuschreiben. Von dieser Art fehlgeleitetem Spieltrieb scheinen heute noch viele Virenautoren motiviert zu sein. Allerdings lassen sich die Schadprogramme noch zu ganz anderen Dingen gebrauchen: So meldete die Zeitschrift „c’t“, dass es unter den Programmierern von E-Mail-Würmern solche gebe, die Adressen von befallenen Rechnern gegen Bezahlung an Menschen mit kommerziellen Interessen weitergeben, zum Beispiel an Versender von Werbe-E-Mails.

Der Viren-Experte Eugene Kaspersky warnte davor, dass Strukturen des organisierten Verbrechens auf dem virtuellen Markt aktiv werden könnten. Auch wenn jetzt zwei deutsche Virenautoren dingfest gemacht werden konnten – ein Ende der Plage dürfte das kaum bedeuten. „Das ist ein internationales Problem“, sagt Dickopf. „Irgendwo auf der Welt sitzt schon wieder jemand und programmiert.“kko

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