Fatih Akins „Soul Kitchen“ : Du bist, was du isst

In Fatih Akins Neo-Heimatfilm „Soul Kitchen“, der schon auf dem Filmfest in Venedig gefeiert wurde, ist die Taverne wiederauferstanden. In Hamburg-Wilhelmsburg.

Christina Tilmann

Heimat ist, wo man zusammen isst. Das findet auch die Stammkundschaft des „Soul Kitchen“. Pizza, Fischfrikadellen, Hacksteak Hawaii und überbackene Nudeln. Dass jede Gewerbeaufsicht die Küche wegen erhöhten Schmuddelfaktors schließen würde: egal. Hauptsache, man is(s)t unter sich.

In seiner Studienzeit war für Fatih Akin die Taverne seines Freundes und Hauptdarstellers Adam Bousdoukos in Hamburg-Ottensen so eine Heimat. Wenn man Glück hatte, kochte Adams Mutter echt gutes griechisches Essen. Aber die Stammkundschaft wollte lieber „Pommes, Plastikfische und ihre beschissenen frittierten Calamares“. Inzwischen hat Adam seine Taverne verkauft.

In Akins Neo-Heimatfilm „Soul Kitchen“, der schon auf dem Filmfest in Venedig gefeiert wurde, ist die Taverne wiederauferstanden. Allerdings in Wilhelmsburg. Und Adam Bousdoukos spielt den glücklosen Restaurantbesitzer Zinos mit Bandscheibenvorfall, der hin- und hergerissen ist zwischen der Liebe zu seiner Freundin aus gutem Hause, die sich gerade für einen Korrespondentenjob in China bewirbt (langbeinig-blonde Entdeckung: Pheline Roggan), und der Verantwortung für seine Crew, der sich auch noch sein auf Freigang aus dem Knast entlassener Bruder Illias (großartig komödiantisch: Moritz Bleibtreu) hinzugesellt. Als dann noch der cholerische Sternekoch Shayn (Birol Ünel, unvergesslich aus „Gegen die Wand“) zur Truppe stößt, ist die Katastrophe programmiert.

Der Film ist ein uralter Plan von Akin, das Drehbuch blieb lange liegen, als nach dem Erfolg von „Gegen die Wand“ leichtere Kinostoffe erst mal nicht auf der Agenda standen. Er habe sich mit seiner Komödie schwerer getan als mit allem zuvor, kokettiert Fatih Akin im Gespräch. Vielleicht auch deshalb, weil in „Soul Kitchen“ so viel eigenes, vom Verschwinden bedrohtes Hamburg eingeflossen ist, vom Mandarin-Casino über die Astrastube an der Sternschanze bis hin zum Karstadt-Gebäude in Altona. Und das Ganze ist unterlegt mit viel guter Musik: Im Presseheft gibt jeder Darsteller sein Lieblingsstück an, für Fatih Akin ist Hamburg die Stadt mit der besten Soulmusik jenseits der USA. Vor allem aber ist „Soul Kitchen“ eine Hommage an gutes Essen in guter Gesellschaft. Eine Party in Wilhelmsburg würde man auf jeden Fall besuchen. Auch gerne an Weihnachten. Herzwärmendes Heimatmärchen.

„Soul Kitchen“, D 2009, 99 Min., R: Fatih Akin, D: Adam Bousdoukos, Moritz Bleibtreu, Birol Ünel, Anna Bederke

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