Zeitung Heute : Fauler Kern

Thomas de Padova

Der umstrittene Garchinger Forschungsreaktor ist eingeweiht. Wissenschaftler sehen in ihm eine Errungenschaft, weil mit dieser Technik Krankheiten geheilt werden können. Umweltschützer befürchten den Wiedereinstieg in die Atomenergie. Was wäre, wenn diese Art Reaktor Schule machte?

Die Forscher in Bayern atmen auf. Sie haben sich durchgesetzt. Gegen Bürgerinitiativen, gegen das Bundesumweltministerium und auch gegen internationale Bedenken, dass in Garching ein Forschungsreaktor entsteht, der mit waffentauglichem Uran arbeiten soll. Die Planer des Reaktors hätten die internationale Abrüstungspolitik viele Jahre ignoriert, schimpfte Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) noch vor einem Jahr. Bei der feierlichen Eröffnung des Forschungsreaktors am Mittwoch sagte sein Kabinettskollege, Bundesinnenminister Otto Schily (SPD), er teile die Bedenken nicht. Der Reaktor beflügele „mit seiner enormen Leistungsfähigkeit die Spitzenforschung“ in Deutschland.

Diese Spaltung war programmiert. Sie geht mitten durch den Kern des Reaktors. In Garching hat man sich dafür entschieden, das Herz der Anlage so klein und kompakt wie möglich zu gestalten und einen sehr dichten Brennstoff zu verwenden: aus hoch angereichertem und damit waffentauglichem Uran. Zerfallen die Uranatome, setzen sie Neutronen frei. So entsteht ein Neutronenstrahl, mit dem sich Werkstoffe und biologische Substanzen durchleuchten lassen.

Bayern hat für diese Forschung aufgerüstet – viele Länder dagegen verzichten inzwischen auf den Einsatz von waffentauglichem Uran in der Wissenschaft. Mit gewissen Einbußen. Aber in der Vergangenheit wurden Forschungsreaktoren in einigen Staaten dafür missbraucht, in militärische Nuklearprogramme einzusteigen. Ein Weg, dies zu verhindern, wäre, waffentaugliches Uran ganz aus der Neutronenforschung zu verbannen.

Auch die Bayern müssen später umrüsten. Sie haben die Genehmigung nur mit der Auflage erhalten, das Uran bis 2010 durch einen anderen Brennstoff zu ersetzen, den es nun zu entwickeln gilt. Die TU-München hat ihr forsches Vorgehen zudem mit einer mehrjährigen Verzögerung bezahlt. Ihr Reaktor kommt für wirkliche Spitzenforschung mittlerweile zu spät. Ein solcher Reaktor wie in Garching wird vermutlich nicht noch einmal gebaut werden.

Die Neutronenforschung hat sich längst weiterentwickelt. Und zwar an den Forschungsreaktoren vorbei, hin zu den Neutronen-Spallationsquellen, die ohne Uran arbeiten. Beschleunigte Partikel zertrümmern dabei Kerne und erzeugen so in kurzen Zeitabschnitten deutlich mehr Neutronen. Deutsche Spitzenforscher werden über kurz oder lang nicht nach Garching oder Grenoble fahren, sondern in die USA oder nach Japan. Dort wird jene Spitzentechnik gebaut, für die hier das Geld fehlt.

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