Zeitung Heute : Faust, erster und zweiter Teil

Eine Rangelei nach dem letzten Deutschlandspiel. Eine Untersuchung der Fifa, die sagt: nichts passiert. Doch dann werden alte Bilder neu gesichtet – nun ist Torsten Frings für das Halbfinale gesperrt

Robert Ide

Im Hotel Interconti in Berlin ist nichts normal. Die Fifa hat für die Zeit der Weltmeisterschaft ihre Büros hier eingerichtet, und damit das Hotel nicht nur von älteren Männern bevölkert wird, stehen hübsche junge Frauen mit türkis schimmernden Kostümen an jeder Tür. Selbst in den Arbeitsräumen des Fußball-Weltverbandes soll die WM leicht daherkommen.

Am Montagnachmittag kehrt hier der Ernst ein. 19 Funktionäre der Fifa versammeln sich unter Leitung des Schweizers Marcel Mathier. Die Disziplinarkommission muss entscheiden: Darf der deutsche Mittelfeldspieler Torsten Frings am heutigen Dienstag in Dortmund im Halbfinale gegen Italien auflaufen oder nicht? Nach mehrstündiger Sitzung ergeht das Urteil: Frings wird für das Halbfinale gesperrt. Außerdem muss er 5000 Schweizer Franken Strafe zahlen und ein halbes Jahr auf Bewährung spielen. Aus Sicht der Kommission hat Frings den Argentinier Julio Cruz nach dem Elfmeter-Sieg am Freitag im Berliner Olympiastadion mit der Faust geschlagen. „Diesen Vorgang qualifizierte die Kommission als Tätlichkeit“, heißt es im Urteil.

Fußball ist ein Sport, in dem zuweilen Emotionen obsiegen. Im Viertelfinale spielten die Nerven eine wichtige Rolle, die deutsche Elf schlug Argentinien erst im Elfmeterschießen, schon während der Schusslotterie warfen sich beide Teams giftige Gesten zu. Nach den Glanztaten von Torwart Jens Lehmann rasteten die Argentinier aus, es gab Rangeleien, Schläge, Tritte. Und mittendrin Frings.

Die Welt sah die Jagdszenen im Fernsehen. Italienische Medien analysierten die Bilder genau und erkannten, dass Frings seinen Arm ausfuhr. Dann erfuhr die Fifa davon. Nun fehlt Frings gegen Italien.

Geht es hier um Fußball? Im Quartier der deutschen Mannschaft in Grunewald ist am Montagmorgen angeblich alles normal. „Es nützt nichts, wenn wir jetzt zu Torsten gehen und ihm sagen, dass er sich keine Gedanken machen soll“, erzählt Philipp Lahm. Was aber würde etwas nützen an diesem chaotischen Tag?

Das Drama beginnt am Mittag im Keller des Olympiastadions. Hier hat die Fifa ein Podium für Markus Siegler aufgebaut, den Kommunikationsdirektor. Siegler sitzt im Polohemd da, aber der smarte Schweizer ist nicht locker: „Der Fifa liegt seit Sonntagabend Bildmaterial vor, aus dem ersichtlich wird, dass Torsten Frings einem argentinischen Spieler einen Schlag versetzt hat.“ Am Vortag, gleiche Zeit, selber Ort, hatte Siegler das Gegenteil erzählt. Es gebe kein Verfahren gegen deutsche Spieler. Von wegen!

Im Keller verlieren sich 25 Zuhörer und drei Kamerateams. Wie bei jeder Pressekonferenz der Fifa stehen neben Siegler zwei Wimpel. Auf denen steht „For the good of the game“ und „My game is fairplay“. Es soll um die gute Sache gehen, die Frings kaputtgemacht hat.

Die Bilder sind unklar. Eine Hand ist zu sehen – die von Frings? Sie geht in Richtung eines argentinischen Gesichts – dem von Cruz? Zweifelsfrei ist erkennbar, dass Frings im Pulk der Emotionen steht. Und wenn er Cruz nicht getroffen hat, wie der selbst sagt? „Auch wenn ein Gegenspieler beim Foul keinen Schmerz fühlt, ist es ein Foul“, sagt Siegler. Es scheint, als wolle die Fifa Härte zeigen.

Leicht ist das nicht. Erst am Sonntag um 19 Uhr 23 hatte die Fifa den DFB von ihrem Verfahren unterrichtet und ihm eine Erklärungsfrist bis Montag, 13 Uhr, gesetzt. Nun muss Siegler, der lieber Auslosungsshows moderiert, harte Fragen beantworten. Von wem wurde die Fifa auf die Bilder hingewiesen? „Nicht von italienischer Seite. Es handelt sich um das offizielle Bildsignal.“ Warum hat die Fifa die offiziellen Bilder nicht gleich analysiert? „Es kann passieren, dass man im ersten Moment nicht alles sieht.“ Wie kam es zum Umdenken? „Ich habe darauf ausreichend geantwortet.“ Wer hat die Bilder bei der Fifa zuerst gesehen? „Die richtigen Leute.“ Die Pressekonferenz ist spannend wie ein Elfmeterschießen. Denn einer verliert langsam die Nerven.

Vielleicht ist das normal nach diesem Drama, dem Spiel an der Pulsschlaggrenze, dem Elfmeterschießen, dem Tumult. Erst trat der nicht eingesetzte Verteidiger Leandro Cufre den jubelnden Per Mertesacker in den Unterleib. Dann landete Maxi Rodriguez einen Faustschlag gegen Bastian Schweinsteiger. Teammanager Oliver Bierhoff stürmte auf den Rasen, „um zu schlichten“, wie er sagt. Auch DFB-Sprecher Harald Stenger warf sich ins Getümmel. Wort folgte auf Wort. Auch Faust auf Faust?

Im Kongresszentrum ICC lachen sie am Nachmittag noch. Hier residiert der DFB, hier spricht Harald Stenger. „Ich werde nicht gesperrt, nur weil ich Oliver Bierhoff das Leben gerettet habe“, scherzt Stenger. Er tritt auf das Podium, das mächtiger ist als das der Fifa. Statt Wimpeln stehen rechts und links zwei Mercedes-Limousinen. 200 Journalisten sind dabei, 30 Kamerateams, einige live. Alles ist bereit für lustige Fragen zum Halbfinale; Michael Ballack sitzt in kurzen Hosen oben und sagt, dass er „Freude auf den Ball verspüre“. Doch dann kommt das Thema, mit dem sich laut Ballack „niemand im Team beschäftigt“. Natürlich wundert sich der Kapitän, dass nach abgeschlossenem Verfahren „alles neu hochkommt“. Aber wenn Frings gesperrt wird, spielt ein anderer. „Wir nehmen es, wie es kommt“, sagt Bundestrainer Jürgen Klinsmann und versucht ein Lachen. Einem perfekten Planer wie ihm passt es nicht, dass Justiziare über seine Aufstellung entscheiden. „Es ist schade, dass etwas aufgerollt wird, was von den Argentiniern ausging“, sagt Klinsmann. „Ich habe Torsten Frings gesagt, er soll locker bleiben.“ Wenn es so leicht wäre.

Deutschland hat eine begeisternde WM in Deutschland gespielt. Torsten Frings hat gegen Argentinien eine seiner besten Leistungen gezeigt. Er schaltete Spielmacher Juan Roman Riquelme aus. Nun sollte Italiens Regisseur Francesco Totti dran glauben. Von wegen!

Die deutsche Mannschaft landet am Montagabend in Dortmund, als sie die Nachricht von der Sperre erreicht. „Wir sind enttäuscht“, sagt Oliver Bierhoff beim Abschlusstraining. Das Spiel kann beginnen. Der Ernst ist zurück.

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