Zeitung Heute : Faustrechte

Am Samstag verloren die Homosexuellen in Moskau gegen eine Übermacht – Chronologie der Ereignisse

Andrea Rehmsmeier[Moskau]

Tanja mag Mädchen, deshalb hockt sie am Samstag mit ihrer Kamera auf einem Blumenkübel vor dem Moskauer Hotel Swissôtel. Drinnen erklären sich Politiker aus Westeuropa solidarisch mit den Homosexuellen in Russland. Der Bundestagsabgeordnete Volker Beck sagt, dass der Kampf um die Rechte der Schwulen und Lesben ein Kampf um die Demokratie sei, und die Organisatoren des Festivals „Gaypride Moskau“ danken für das große Interesse.

Tanja betrachtet unterdessen durch ihr Objektiv die Szenerie draußen: Das Swissôtel, die patrouillierenden Sicherheitskräfte des Hotels, die breitbeinig dastehenden Männer der staatlichen Spezialeinheit Omon. Allmählich verlassen die aus Westeuropa angereisten Journalisten das Hotel. „Wer war da?“, spricht Tanja sie an. Die Journalisten berichten ihr von Kollegen aus Deutschland, Frankreich, England, Italien, Skandinavien, vom Europaparlament. „Ach, die bringen doch nichts. Ich meine, wer war von den Russen da?“ Die Journalisten zucken mit den Schultern. Abgesehen von den beiden Vertretern zweier kleiner russischer Parteien, die nicht einmal in der Duma sind, war von den Russen niemand da.

Tanja ist 22 Jahre alt, dass sie lesbisch ist, versteckt sie nicht. Doch die Gaypride-Aktion unterstützt sie nicht: „Das hier ist Russland“, sagt sie. „Und wo Sprengstoff liegt, sollte man nicht mit Zündhölzern spielen.“ Sie nimmt damit vorweg, was Russlands Außenminister zwei Tage später, am Montag, sagen wird: Was die Rechte Homosexueller angehe, herrschten in Europa und Russland unterschiedliche Meinungen. „Jedes Land hat seine eigenen Gesetze.“

Tanja führt ihr Leben lieber im Stillen. Im Studentenwohnheim kann sie ihre Freunde treffen. Im Stadtzentrum kennt sie alle Kellerkneipen, in denen es normal ist, dass sie eine Frau im Arm hält, wenn die Band ein langsames Lied spielt.

Die Szenen, die sie an diesem Nachmittag vor dem Denkmal des Unbekannten Soldaten fotografiert, zeigen ein anderes Gesicht der Stadt. Die Moskauer Stadtverwaltung hatte die angekündigte Kundgebung der Homosexuellen verboten, aber die wollten dennoch Blumen am Denkmal des Unbekannten Soldaten niederlegen – als Protest gegen Faschismus, Schwulenhass und Rassismus.

Noch bevor die erste Blume niedergelegt ist, verwandelt sich die kleine Mahnwache in eine überwältigende Machtdemonstration derer, die sich „Russisch-orthodoxe Bürger“, „Bewegung gegen illegale Immigration“ oder „Nationalpatrioten“ nennen: schwarz gekleidete Männer mit langen Bärten, die Ikonen tragen und Kirchenlieder singen. Tanja fotografiert auch alte Frauen, die liturgische Verse rezitieren, Homosexuelle „Satanskinder“ nennen und ihnen ihre Ikonen entgegenstrecken. Als die Miliz die Menge vom Denkmal wegdrängen will, versinkt der Platz im Chaos. Plötzlich ist ein Trupp Schläger in der Masse, junge Männer, die sich auf die Organisatoren der Kundgebung stürzen wollen. Die Sicherheitskräfte der Omon verhindern das, dennoch haben die homosexuellen Aktivisten den Kampf um den Platz in wenigen Minuten verloren. Wer nicht von der Miliz abgeführt wurde, hat sich in der Menge unsichtbar gemacht. Tanja wird von einem Mann in Kosaken-Uniform gestoppt, der sie für einen Jungen hält. „Du verdammter Schwuler“, zischt er und drückt sie gegen eine Hauswand. „Was nehmen Sie sich gegenüber einem Mädchen heraus, sie unverschämter Kerl“, kreischt sie.

Währenddessen hat sich ein seltsamer Zug formiert, der von den Sicherheitskräften der Omon vom Denkmal des Unbekannten Soldaten die Prachtstraße Twerskaja entlang geleitet wird: An Banken, Boutiquen und Restaurants vorbei ziehen Nationalisten, Extremisten, Priester der russisch-orthodoxen Kirche und singende alte Frauen. Jugendliche skandieren „Kinderschänder in die Gaskammer!“.

Vor dem Denkmal des Stadtgründers Jurij Dolgoruki hält ein Duma-Abgeordneter eine kleine Rede. „Sehr geehrte Pressevertreter“, spricht er in die Mikrofone der westlichen Welt. „Wie Sie sich heute überzeugen können, findet Ihr liberales Gesellschaftsmodell bei uns in Russland keinen Anklang. Wir werden unsere Straßen nicht der schwulen Mafia überlassen.“ „Ruhm Russland!“, brüllen sie hinter ihm. Aus der Menge hebt sich ein Arm zum Hitlergruß. Die Gegenkundgebung zweier Festival-Organisatorinnen geht im Wutgeheul unter. Milizionäre zerren die beiden in den Polizeiwagen.

Dort, wo weder Miliz noch Omon in der Nähe ist, kann sich die Stimmung entladen. „Da ist einer!“, schreit jemand aus der Menge, der glaubt, einen Schwulen erkannt zu haben. Der rennt um sein Leben, eine Seitenstraße hinunter, hinter ihm der Mob. Auch ein Nordafrikaner, der gerade aus einem Restaurant tritt, bekommt eine Faust ins Gesicht.

Von diesen Szenen gibt es viele an diesem Nachmittag. Auch Volker Beck wird zunächst verhaftet, nachdem er in einer Rangelei verletzt worden war. Doch irgendwann legt sich der Tumult, und Tanja lässt ihren Fotoapparat sinken. „Willkommen in Russland!“, ruft sie den ausländischen Journalisten zu. IhreFreundin Aleksandra kichert schrill. Die beiden zünden sich Zigaretten an und laufen die Twerskaja zurück zum Denkmal des Unbekannten Soldaten. Aleksandra schlenkert ihr Handtäschchen. Die Jungen mit den kahlen Köpfen bemerken sie nicht.

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