FDP : Alles nichts, oder?

Am Samstag wird Christian Lindner zum FDP-Parteichef gewählt. Was, wenn er den Wiederaufstieg nicht schafft? Dann ist der politische Liberalismus am Ende.

Platz für den neuen Vorsitz. Philipp Rösler wird am Samstag seine letzte Rede halten. Ein wenig Rückschau, ein bisschen Abrechnung, das ist wohl zu erwarten. Foto: Stratenschulte/dpa
Platz für den neuen Vorsitz. Philipp Rösler wird am Samstag seine letzte Rede halten. Ein wenig Rückschau, ein bisschen...Foto: dpa

Manchmal kommt noch einer vorbei von der FDP, oben im Saal 3N039 unter der gläsernen Kuppel des Reichstages. Steckt verschämt den Kopf rein, als wollte er sich davon überzeugen, dass da wirklich keiner mehr ist, im Fraktionssaal. Auch prominente Gesichter hat man das schon tun sehen. Psychologen kennen das: Menschen kommen abends oder am Wochenende, in aller Stille auf jeden Fall, an die Orte ihres Versagens zurück. Sie hoffen, dort etwas Verlorenes wiederzufinden, das ihnen Trost bringt.

Der Saal 3N039 im Reichstag ist der Ort eines Traumas, jedenfalls für die Liberalen. Hier feierten sie im September 2009 ihren glorreichen Sieg. Fast 15 Prozent der Wähler hatten sie in den Bundestag und in die Bundesregierung gewählt, Guido Westerwelle ließ zusätzliche Stühle heranschleppen, damit all die neuen Abgeordneten überhaupt Platz fanden im Saal. Doch dann wurde erst Westerwelle abgesägt, und schließlich kam es zu dem jammervollen Treffen Ende September, vor zwei Monaten also. Es war das letzte Treffen der FDP im Raum 3N039. Seitdem ist die Partei nicht mehr im Bundestag vertreten.

Nach Walther Rathenau ist der Saal benannt, in dem die FDP ihre größten Triumphe und die bittersten Niederlagen erlebte. Rathenau, der Industrielle, AEG-Erbe, früher Liberaler. Aber auch bekennender Planwirtschaftler, Vorbild des Kommunisten Lenin. Nun soll bald die Linksfraktion hier in den Saal 3N039 einziehen oder vielleicht die Grünen.

„Freiheit bewegt“, steht auf einem Schild, das jemand in der Ecke vergessen hat und das einst als Hinweis auf die politische Dynamik der FDP galt. Noch ein paar Tage, dann wird es jemand abholen und in einem dunklen Keller lagern. Dann ist erst mal endgültig Schluss mit politischer Dynamik hier im Bundestag.

Erst mal? Heißt das: Warten auf bessere Zeiten, warten auf den Wiedereinzug im September 2017?

Einer, der sich mit dieser Frage beschäftigt, sitzt seit ein paar Wochen regelmäßig im Kaffee „Einstein – UdL“, wie das namhafte Restaurant in Berliner Politikkreisen genannt wird. Christian Lindner ist Chef der FDP in Nordrhein-Westfalen und in ein paar Tagen wohl der ganzen FDP. In seiner Düsseldorfer Zentrale gibt es im Augenblick nicht so viel zu tun, weshalb er oft in Berlin unterwegs ist. Er trifft andere Politiker, er spricht mit Lobbyisten und mit Journalisten. Er führt Interviews und berät sich. Er sammelt Unterstützer, er testet an den Profis seine Ideen für den Wiederaufstieg der FDP.

Gelingt Christian Lindner in vier Jahren mit der FDP nicht der Einzug in den Bundestag, sucht er sich woanders einen Job. Mit der FDP ist es dann ohnehin zu Ende und Politik auch nichts mehr für ihn. Alles oder nichts. Das ist Lindners Herausforderung. Wie er das so sagt, klingt es spielerisch, ein bisschen jungenhaft, unernst. Aber andersherum: Es ist etwas sehr Wahres daran. Gelingt es diesem jungen Mann, die FDP vier Jahre lang im Gedächtnis der Deutschen wachzuhalten und sie im Herbst 2017 über die fünf Prozent zu heben, dann wird man ihm im Saal 3N039 ein Denkmal aufbauen.

Wer Christian Lindner kennt, den liberalen Jungstar mit der außergewöhnlichen rhetorischen Begabung, wer ihn beobachtet hat auf seinem Weg aus Düsseldorf an die Spitze der FDP, der weiß, Lindner wollte immer hoch hinaus. Generalsekretär unter Westerwelle und erst recht unter Philipp Rösler, waren notwendige Schritte für den 34-Jährigen. Im Blick hatte der Mann mehr. Nur vorne im rauen Wind der Öffentlichkeit, da wollte Christian Lindner nicht so gerne stehen. Als Guido Westerwelle gestürzt wurde, lehnte er das hohe Amt des Vorsitzenden ab, obwohl erfahrene Liberale ihm und nicht Philipp Rösler mehr Chancen auf Einigung der damals schwer zerstrittenen Partei eingeräumt hatten. Lindners Begründung war, er sei noch zu jung und unerfahren. Manche sagen jedoch, er habe scharf kalkuliert und schnell gesehen, dass die FDP nicht mit einem jungen Chef allein aus ihrem Tief zu retten war.

Rösler wäre in dieser Story ein Übergangsvorsitzender gewesen, den Lindner in besseren Zeiten gestürzt hätte. Nicht sehr schmeichelhaft für die große Hoffnung Lindner, aber letztlich: Was nützt einem Ritterlichkeit schon in so rauen Zeiten wie diesen?

Und die Zeiten sind bekanntlich sehr rau für einen FDP-Mann. Lindner muss nun selbst Hand anlegen und beweisen, ob er mehr draufhat, als einen Saal voller Menschen mit klugen Sätzen und seinem charmanten Lächeln zu beeindrucken. An diesem Samstag will er sich beim Parteitag in Berlin an die Spitze der AP-FDP, der außerparlamentarischen FDP, wählen lassen. Vier Jahre bis zur nächsten Bundestagswahl sind eine lange Zeit. Lindner wird Ausdauer haben müssen. Die Mitarbeiter der FDP sind frustriert, Geld fehlt an allen Ecken und Enden. Am Samstag dürfte er trotzdem sagen: „Ich nehme die Herausforderung an.“

Hat er, hat die FDP eine Chance?

Wenn sie es schafft, in den Landtagswahlen und bei der Europawahl, die es bis 2017 noch gibt, erfolgreich zu sein und damit regional von sich reden zu machen, dann hat sie eine Chance. Wenn nicht, wenn sie weitere Mandate verliert, wenn sie auch in den Lokalnachrichten irgendwann nicht mehr vorkommt, dann wird sie bis 2017 Mitglieder und Anhänger verlieren. Daran kann auch Christian Lindner nichts ändern.

Kaum jemand hat auf die Zukunft der FDP so großen Einfluss wie ein großer etwas massiger Mann mit bulligem Kopf, der in Dresden wohnt und jahrelang Politik vom Motorrad aus gemacht hat. Ein Gegen-Lindner gewissermaßen. Freiheit, das hatte für Holger Zastrow nicht sehr viel mit der intellektuellen Kraft des Wortes zu tun. Zastrows Freiheit roch immer nach frischer Luft und Motorenöl. Noch heute fahren die Ost-Liberalen um Zastrow jedes Jahr auf ihren schweren Maschinen durchs Land, um für die FDP zu werben. Zastrow in Sachsen ist der einzige Liberalenchef, der noch in einer Landesregierung sitzt. Im kommenden Jahr wird in Sachsen gewählt, dann wird man sehen, ob die 4,8 Prozent bei der Bundestagswahl ein einmaliger Ausrutscher waren oder die Deutschen von der FDP nun endgültig die Nase voll haben.

Zastrow ist seit Beginn an der Kopf der in den 90er Jahren entstandenen sächsischen FDP. Und wenn der Mann mit kräftiger tiefer Stimme einen seiner sehr marktliberalen Sätze sagt, dann widerspricht in Dresden noch heute niemand so schnell. Zastrow ist gegen den Mindestlohn und für Steuersenkungen, und er sagt das auch sehr laut. Zastrow ist so etwas wie ein Westerwelle für die Ossis. Er spitzt zu.

In dieser Woche hat Zastrow angekündigt, er werde am Samstag nicht mehr für die Spitze der Bundes-FDP kandidieren. Es war eine harte Ansage an Christian Lindner. Zastrow will allein und in eigener Verantwortung in den Landtagswahlkampf in Sachsen ziehen. Wer ihn kennt, weiß, dass er den Liberalismus des Christian Lindner für weich und verzärtelt hält und als Salon-Liberalismus verachtet. „Sympathischer“, hatte Lindner unlängst gesagt, wolle er den Liberalismus bei den Menschen machen. Zastrow hat darüber wahrscheinlich nur mitleidig gelacht. Ein Motorradfahrer überzeugt durch Argumente und säuselt den Leuten nichts vor. Lindner übrigens steht auf alte Autos, Marke Mercedes. Mädchenkutschen, würde Holger Zastrow dazu wohl sagen.

Im Zentrum der FDP, dem „Thomas-Dehler-Haus“ in der Berliner Reinhardtstraße, hat die Nachricht von Zastrows bevorstehendem Abschied aus der Parteispitze neue Ängste hervorgerufen. Insgeheim hatten sie hier gehofft, ein glanzvoller Sieg der Sachsen mit anschließender Fortsetzung der schwarz-gelben Landesregierung werde 2014 auf die ganze FDP helles Licht werfen. Nun weiß jeder, dass Zastrow mit den Berlinern nichts zu tun haben will. Wieder ein Schritt in Richtung Zerfall.

Es treten viele aus der FDP aus dieser Tage. Das Budget der Partei muss radikal zusammengekürzt werden. Jeder zweite Mitarbeiter muss mit Kündigung rechnen oder verhandelt schon seinen Ausstieg. Der Rest wird wohl auf Weihnachtsgeld und Mittagessenzuschuss verzichten müssen. Es ist ungewöhnlich still in den Fluren, niemand weiß, wie es weitergehen soll. Hoffnung? Wenn es sie gibt, merkt man nicht viel davon. Draußen an der Fassade hängt ein Plakat. „Liberal sein“, steht darauf, „heißt auch mutig sein.“ Die meisten, die in den Büros der FDP sitzen, sind 50 Jahre und älter. Da hat Mut einen begrenzten Horizont.

Am Samstag, beim Parteitag in Berlin, wird der Noch-Vorsitzende Philipp Rösler seine letzte große Rede halten. Ein wenig Rückschau, ein bisschen Abrechnung, das ist es, was zu erwarten ist. Mancher Delegierte wird seinem Ärger über den vermasselten Wahlkampf Luft machen. Es wird um Überzeugungen gehen und Charakterfragen, und über allem wird als Fragezeichen schweben, wie es weitergehen soll mit dem Liberalismus.

Dass die große Koalition und die linke Opposition im Bundestag in den nächsten Jahren genügend Stoff für Kritik bieten werden, daran knüpfen viele FDP-Mitglieder ihre Hoffnungen. Im besten Fall werden sich die Wähler in vier Jahren an die FDP erinnern und sie zurückholen in den Bundestag. Sicher ist das aber nicht. Beim Arbeitgebertag vor zwei Wochen stand Winfried Kretschmann, der Regierungschef aus Baden-Württemberg, vor den Zuhörern und warnte mit eindringlichen Worten, Union und SPD dürften die Interessen der deutschen Wirtschaft nicht aus den Augen verlieren. „Erst muss erarbeitet werden, was dann verteilt werden kann“, sagte der Grünen-Politiker, und es klang wie aus dem Mund eines FDP-Politikers. Man ahnt: Da wächst liberale Konkurrenz heran.

Und dann die europakritische AfD. Ausgerechnet am selben Tag wie die FDP trifft sich die Partei zum Strategiekonvent in Berlin. Wie viele werden nächstes Jahr bei der Europawahl ihr Kreuzchen nicht bei der FDP, sondern bei der AfD machen, aus Frust oder offener Europa-Ablehnung?

Mehr und mehr offene Fragen türmen sich auf, und viele der jungen FDP-Abgeordneten des letzten Bundestages haben gar keinen Ehrgeiz mehr, für ihre Partei zu streiten. Kein Mandat, keine Diäten, kein Job. Sei es Patrick Döring, heute noch Generalsekretär, oder der Berliner FDP-Mann Martin Lindner, überall wird an alte berufliche Karrierefäden wieder angeknüpft. Man muss die Familie ernähren, es muss ja weitergehen, auch ohne FDP.

Christian Lindner hat einem Magazin vor Jahren einmal gestanden, wer der Held seiner Kindheit gewesen ist: James Bond. Und wie heißt einer seiner beliebtesten Filme? „Sag niemals nie“.

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