Zeitung Heute : FDP-Führung: Frau 18 Prozent

Carsten Germis

Am Dienstagabend um Viertel vor elf stoßen Guido Westerwelle und Cornelia Pieper in einem Berliner Lokal auf die neue Führungsspitze der FDP an. Doch nicht nur der frische Spargel und der Weißwein beflügeln die Stimmung des Liberalen. Nach langem Gezerre darum, wer seine Nachfolgerin als Generalsekretär der FDP werden soll, bringt das Essen mit Pieper die Entscheidung. Wenn Westerwelle Anfang Mai in Düsseldorf den glücklosen Wolfgang Gerhardt als FDP-Chef beerbt, will er den Parteitagsdelegierten die 42-jährige Cornelia Pieper als neue Generalsekretärin vorschlagen.

Zwölf Stunden später. Cornelia Pieper tritt mit Westerwelle in der FDP-Zentrale in Berlin vor die Medien, lächelt schüchtern, mit schief gelegtem Kopf, und Westerwelle hört gar nicht mehr auf, die Kandidatin zu loben. Da fragt sich mancher, warum von ihr als möglicher Generalsekretärin in den vergangenen Tagen niemand gesprochen hat, wo doch angeblich so vieles für sie spricht. Seit Mai 1997 ist Pieper stellvertretende Bundesvorsitzende der FDP, seit 1998 stellvertretende Fraktionsvorsitzende im Bundestag, gleichzeitig bildungspolitische Sprecherin der Fraktion. Vor gerade zwei Wochen wurde sie wieder zur FDP-Chefin in Sachsen-Anhalt gewählt.

Sie habe sich "in ihren bisherigen Aufgaben bewährt", sagt Westerwelle. Ihre Nominierung will er als "ausdrückliches Zeichen" an den Osten verstanden wissen, wo die FDP wieder Stimmen gewinnen wolle: "Jetzt fangen wir auch in Ostdeutschland neu an. Die FDP ist eine Partei für das ganze Volk." Pieper nickt."Was wichtig ist in solchen Funktionen", ergänzt Westerwelle, "wir vertrauen uns ganz besonders."

Pieper hat einen Vorteil, der ihr die Kandidatur auf dem Düsseldorfer Parteitag leicht macht: Als stellvertretende Parteivorsitzende kennt sie nicht nur Westerwelle gut, sondern auch die Basis. Und Westerwelles Entscheidung für sie wird von allen mitgetragen, die in der Partei etwas zu sagen haben. Auch der nordrhein-westfälische Landesvorsitzende Jürgen Möllemann, der so gern Kanzlerkandidat der FDP im Bundestagswahlkampf 2002 werden möchte, ließ schnell eine Mitteilung verbreiten, er freue sich "über die Entscheidung von Guido Westerwelle ganz besonders". Wird Pieper in wenigen Tagen zur neuen Generalsekretärin gewählt, wird ihr Posten als stellvertretende Bundesvorsitzende frei. Nachfolger soll Möllemann werden, das hat Westerwelle ihm schon am Telefon angeboten. Vize-Parteichef, das sei durchaus "eine Plattform, die Jürgen Möllemann gut nutzen wird", meint der designierte Parteivorsitzende.

Dass sich der Ehrenvorsitzende der Liberalen, Hans-Dietrich Genscher, aus dem Rheinland ebenfalls stark für Pieper eingesetzt hat, deutet darauf hin, dass die Nordrhein-Westfalen bei der Entscheidung für die neue Generalsekretärin ein gutes Stück mitgewirkt haben. Birgit Homburger, die 36-jährige Bundestagsabgeordnete aus Baden- Württemberg, die bis zuletzt als Westerwelles erste Wahl galt, stieß da nicht auf so viel Wohlwollen. Mit ihrer Heimat im Südwesten war sie manchem Nordrhein-Westfalen wohl zu nah am Möllemann-Rivalen, dem stellvertretenden Ministerpräsidenten Baden-Württembergs, Walter Döring.

Westerwelle hat seinem Amt als Generalsekretär von Parteichef Wolfgang Gerhardt ein sehr pointiertes Profil gegeben und immer wieder Tabus gebrochen, die er für überholt hielt. "Sind die Stiefel, die Guido Westerwelle Ihnen hinterlässt, nicht eine Nummer zu groß für Sie?", wird Cornelia Pieper gefragt. Sie streicht kurz die blonde Haartolle mit der Hand weg und antwortet selbstbewusst: "Ich habe ja deutlich gesagt, dass dieses Amt eine große Herausforderung ist." Dann folgt ein breites Grinsen. "Ich bin mit allen meinen neuen Ämtern immer gewachsen." Ist Westerwelle, der sie geholt hat, also ihr Vorbild? "Ich stehe nicht hier, um irgendjemand zu kopieren. Ich stehe für meinen eigenen Stil." Ein kurzer Blick nach links zu Westerwelle, und Pieper fährt fort: "Der neue Parteivorsitzende braucht eine starke Generalsekretärin, und das werde ich sein." Für einen Moment scheint so viel Keckheit dem Noch-Generalsekretär die Sprache zu verschlagen. Doch dann lacht er fast. Anerkennend bricht es aus ihm heraus: "Das finde ich gut."

Auf eine gemeinsame Strategie für die FDP haben sich die beiden bei ihrem Berliner Spargelessen bereits geeinigt. Als "Partei für das ganze Volk", wie es in ihrem ersten Strategiepapier heißt, müssten die Liberalen in Ostdeutschland einen neuen Start wagen. Das könne nur gelingen, wenn die Partei ihren "unabhängigen und eigenständigen Kurs" fortsetzt. Das Ziel heißt 18 Prozent, bekräftigen Westerwelle und Pieper. Auch Möllemann bekommt an diesem Tag gleich eine Botschaft der neuen Spitze. "Deshalb werben wir nicht für einen anderen Kanzlerkandidaten, sondern für unseren eigenen Spitzenkandidaten und für unser eigenes Führungsteam." Die Landtagswahl im Frühjahr 2002 in Sachsen-Anhalt soll eine Zwischenetappe auf diesem Weg sein. Auch deswegen will Pieper in Halle an der Saale bleiben. Immerhin hat Uwe Lühr, der Anfang der 90er Jahre Generalsekretär der FDP war, bei der Bundestagswahl 1990 in Halle ein Direktmandat für die FDP gewonnen. Davon ist die FDP heute weit entfernt. Mit Piepers Hilfe soll sich das wieder ändern. "Westerwelle ist aus Bonn. Ich bin aus Halle. Wir verstehen uns prächtig", sagt Pieper. Und dann erzählen die beiden von ihrem Essen am Vorabend, mit dem ihre gemeinsame Geschichte begann.

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