Zeitung Heute : FDP vor der Wahl: Wie befreit

Markus Feldenkirchen

Der Kandidat Günter Rexrodt ist ein Mann mit Vorgeschichte - im doppelten Sinne, mit großer und mit kleiner. In seinem Bundestagsbüro verdichtet sich die ganze Geschichte des deutschen Liberalismus in dieser einen Fahne an der Wand über dem Schreibtisch: Schwarz-Rot-Gold, darauf der österreichische Doppeladler. Einst wehte sie auf dem österreichischen Parlament, damals, als eine politische Idee nach vorne stürmte, in den Revolutionstagen von 1848. Später dann, Anfang der 30er, kurz vor Hitler, hing die Fahne im Demokratischen Club Berlins, in dem Vater Rexrodt verkehrte, ein Linksliberaler in der Weimarer Republik, nach dem Krieg Mitbegründer der LDP in Sachsen-Anhalt. Weil die Mutter im Krieg stirbt, wächst Rexrodt bei der Tante in Arnsberg, Thüringen, auf, macht das DDR-Abitur, geht erst zum Studium nach Berlin-West, zum Vater. "Nicht nur ein liberaler Politiker, ein liberaler Mensch", sagt Rexrodt über den Vater, starrt auf die polierte Tischplatte vor ihm, als habe er Angst, man könne die Regung in seinen Augen sehen.

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Ein wurmendes Gefühl

Am Tag, da Hitler die Macht ergriff, nahm der Vater die Fahne nach Hause. Heute ruht sie an Rexrodts Wand. Ach ja, unten rechts klebt seit kurzem ein runder Aufkleber, blaue 18 auf gelbem Grund. Jenes alberne und doch nicht dumme Symbol der neuen FDP: das Ende liberaler Bescheidenheit, das neue FDP-Zeitalter - in Berlin soll es beginnen. Mit Rexrodt. So viel zum ersten Teil der Vorgeschichte.

Der zweite, sehr persönliche Teil handelt von einer der erstaunlichsten Wenden einer politische Karriere. Oder wie darf man das nennen? Comeback? "Ich war ja nie weg vom Fenster." Erfolgsphase? Ja, nennen wir es Erfolgsphase. Woher dieser Erfolg kommt? Wenn man mit Günter Rexrodt über seine Vergangenheit redet, die Zeit als Bundeswirtschaftsminister, 1993 bis 1998, hat man das Gefühl, der Mann habe noch etwas richtig zu stellen, etwas zu beweisen. Rexrodt ist einer, dem oft Unrecht getan wurde. Denkt er jedenfalls. Und so ist der Berliner Wahlkampf gleichzeitig ein persönlicher Kampf gegen dieses wurmende Gefühl. Denn das weit verbreitete Urteil über seine Ministerzeit lautet: Rexrodt mag zwar vieles gut gemeint haben, umgesetzt aber hat er nichts. Außerdem fehlte Rexrodt damals der Rückhalt der eigenen Fraktion, auch von FDP-Landesfürsten, die sich für kompetenter hielten als er. Auch das wurmt, heute noch. In der Rückschau auf seine Ministerzeit jedenfalls bleiben vor allem schöne Rexrodt-Sätze haften wie "Wirtschaft findet in der Wirtschaft statt".

Rexrodt holt tief Luft, macht dann seine Gegenrechnung auf: Öffnung der Telekommunikationsmärkte - "von mir maßgeblich vorangebracht". Öffnung der Ernergiemärkte - "mein Werk". Ladenschlussgesetz - "der große Durchbruch unter mir". Na bitte. Er sagt das sehr laut, fast gereizt, scharf und klar. In der Bilanz könne er es mit jedem anderen liberalen Wirtschaftsminister aufnehmen. "Mit jedem!" Wenn ihm etwas wirklich wichtig ist, sagt er es mindestens zweimal.

"Damals war ich verbittert", sagt er heute. Die schweren Kämpfe in der eigenen Partei. Verbittert. Aber waren es wirklich immer nur die anderen, die ihm das Amt schwer gemacht haben? Er denkt. "Einen Fehler muss ich mir vorwerfen." Immer hat er daran geglaubt, dass man mit Leistung allein Berge versetzen kann. Fehler! Genauso wichtig sind die Biere, die man zusammen trinkt, die Netzwerke, die man knüpft. Sagt er heute. Deshalb ist er inzwischen selbst ein lebendes Netzwerk: Bundestagsabgeordneter, FDP- Schatzmeister, Berliner Landesvorsitzender, Spitzenkandidat, in sieben Aufsichtsräten, bei zweien der Vorsitzende. In Berlin wirbt eine Agentur jetzt mit seiner Wirtschaftskompetenz. "Mister Wirtschaft statt Misswirtschaft", steht auf einem der Plakate, die sie jetzt klebt. Rexrodt breitet darauf einladend die Hände aus, lacht zufrieden - darüber, dass seine Wirtschaftsministerzeit doch noch zu etwas gut ist?

Man könnte noch anders mit ihm werben. Denkbar etwa ein Kinospot: Wie Rexrodt Unter den Linden langflaniert, die Halbbrille vorne auf der Nase balancierend, drei Damen in Kostüm und mittleren Alters winken ihm zu: "Hallo, Herr Rexrodt." Und Rexrodt würde sein Grübchen-Lächeln anknipsen, jovial zurückgrüßen. Es würde nicht mal gestellt wirken. Ja, Rexrodt hat diesen Imagewandel hinter sich: vom arrogant wirkenden Wirtschafts-Adeligen zum Hallo-Herr-Kaiser der FDP, den Charme zur Haltung erhoben.

Mehr Golfclub als Fußgängerzone

Wenn man ihn, der gerade seinen 60. Geburtstag gefeiert hat, schon den "späten Rexrodt" nennen darf, muss man sich den frühen und mittleren Rexrodt etwa so vorstellen: als verbissenen Kämpfer in eigener Mission. Als einen, dem die Aura des Elitären entströmte, überzeugter Träger des weißen Hemdkragens und des goldenen Jackettknopfes, Mann für die Vorstände von Industrie und Banken. Der einstige Vorstand der Citybank konnte den Banker lange nicht ablegen, war immer mehr Golfclub als Fußgängerzone. Dass er intern auch derb und rüde sein konnte, wenn ihm etwas nicht passte, erfuhr nicht jeder. Heute, sagen viele, die ihn gut kennen, sei Rexrodt emotionaler, dichter bei den Menschen. Die Goldknöpfe gibt es noch, auch noch den Hauch Arroganz, aber sonst hat sich viel verändert.

Es gibt zwei Wendepunkte in seinem Leben. Der eine war ein Mückenstich in Afrika, der andere der Sturz der Regierung Kohl. Fast drei Monate lag er im Sommer 1996 mit Malaria im Krankenhaus, eingefangen in Südafrika. Während andere schon um seinen Posten rangen, rang Rexrodt mit dem Leben. Als er gewonnen hatte, merkte er, "dass es nicht selbstverständlich ist, dass wir leben. Schon gar nicht, dass wir erfolgreich leben."

Zumindest der politische Erfolg schien mit der verlorenen Wahl 1998 für Rexrodt beendet. Über die Zeit danach heißt es, dass er von allen Ministern die wenigsten Probleme hatte, seinen Dienstwagen abzugeben. Er gliedert sich ein in die Reihen der FDP-Abgeordneten, macht den haushaltspolitischen Sprecher, wird bescheidener. Und zufriedener. Das politische Programm freilich ist das Gleiche geblieben, auch für Berlin: Liberalisieren. Privatisieren. Fast alles - von der Müllabfuhr bis zur Kunst. Nur in einem Punkt denkt er anders: Die ruinöse Bankgesellschaft, die er in der 80ern als Berliner Finanzsenator miterfunden hat, hält er heute für eine völlig falsche Idee.

Ausgerechnet jener Mann, der als Wirtschaftsminister am liebsten über das "internationale Parkett" schritt, stapft nun wieder durch den Sumpf provinzieller Politik. Auf in den Straßenwahlkampf, wo er sich als PDS-Verhinderer präsentiert, weil nur mit einer starken FDP eine Regierungsbeteiligung der Sozialisten verhindert werden könne. Sein Anti-Sozialismus ist dabei durchaus glaubwürdig. Hier kommt wieder seine marxistische Erziehung ins Spiel, das DDR-Abitur, der Fahnenappell im FDJ-Hemd, immer montags. Der Geschichtsunterricht, als der Lehrer vom Einmarsch der Wehrmacht nach Polen 1939 erzählte. Dass die Russen von der anderen Seite einmarschierten, dass es einen Hitler-Stalin-Pakt gab, "das wurde schlicht unterschlagen", schimpft Rexrodt. "Eine Verlogenheit war das in diesem System. Eine Verlogenheit."

Mit den anderen Roten, den Wowereit-Roten, hätte er keine Berührungsängste, auch nicht mit den Grünen in einer Ampel. Immerhin hat Rexrodt die Sozis selbst gewählt, bis in die 70er hinein. Aus gesamtdeutschen Gründen, wie er sagt. Willy Brandt, Egon Bahr, die Ostpolitik, Wandel durch Annäherung. Fand Rexrodt klasse. Als Brandt in Warschau kniete, kniete Rexrodt vor dem Fernseher. Aus Bewunderung. Und als Wehner damals Brandt absägte, habe er das als Verlust eines engen Verwandten empfunden. Geärgert hat ihn das.

Wenn man Günter Rexrodt heute ärgern will, muss man ihn fragen, ob er jetzt Lokalpolitiker sei. "Ich bin natürlich Bundespolitker, durch und durch", sagt er dann, Brust raus, Stolz in der Stimme. Als könnte man das vergessen haben. Natürlich muss er jetzt schnell von seiner Liebe zu Berlin reden, von seiner Wurzel Berlin, sonst hat er am Ende so eine Steffel-München-Geschichte am Hals. Aber manchmal sieht man doch so einen Ausdruck in seinem Gesicht, der da sagt: Mir ist das alles zu provinziell. Dann klopft er ungeduldig mit den Fingerkuppen auf die Stuhllehne, legt die Stirn in Ironie-Falten. Wie bei der Vorstellung der "Liberalen Initiative Berlin" kürzlich hoch über den Dächern der Friedrichstraße. Gerade hat die Vorsitzende von "hochprominenten Persönlichkeiten" gesprochen, die sich für die Liberalen in Berlin einsetzen, da muss Rexrodt schmunzeln. Prominenz definiert er offenbar anders. Das hier ist Berlin. Der Blick eine einzige Frage: Was will ich hier eigentlich? Die Antwort heißt: Wirtschaftssenator werden. Das sagt er zwar nicht offiziell, aber sein wissendes Lachen, jedesmal wenn er danach gefragt wird, sagt genau das.

Wie aber kann man sechs Jahre Minister im Bund sein, um die Karriere als Stadtsenator zu beenden? Es gibt Leute, die sagen, Berlin sei die angemessene Dimension für Rexrodt. Andere sagen, dass er das wirklich gerne machen würde. Weil der Ehrgeiz ihn zwar noch treibe, aber nicht mehr zerfresse - weshalb Wirtschaftssenator ein durchaus feiner Posten wäre. Vor drei Jahren habe er das anders gesehen. Aber das hier ist der andere Rexrodt. Irgendwie ist er jetzt frei. Wenn das stimmt, muss das wohl so etwas wie ein Idealzustand sein. Gerade für einen Liberalen.

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