Zeitung Heute : Fehler in der Leitung

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Von Antje Sirleschtov

Freunde theatralischer Inszenierungen wissen: Wer weiter hinten sitzt im Parkett, dem erschließt sich das gebotene Stück am besten. Ludwig Stiegler war dieser Tage an der deutsch-tschechischen Grenze unterwegs. Von dort aus nahm der SPD-Vize-Fraktionschef wahr, welches Schauspiel sich in Berlin zwischen Finanzministerium, Kanzleramt und CDU-Wahlkampfzentrale abgespielt hat – und nannte es „eine Seifenoper“. In der Hauptrolle die Politik.

Den Stoff freilich lieferte das Unternehmen selbst. Durch riskante und teure Investitionen und den gleichzeitigen Crash des internationalen Marktes war es in schweres finanzielles Fahrwasser geraten. Je höher der Schuldenberg wuchs, umso tiefer sank der Kurs der T-Aktie. Dann genehmigte sich der Vorstand, an dem der Bund 43 Prozent der Anteile hält, auch noch eine Gehaltserhöhung um fast 90 Prozent. 2,8 Millionen wütende deutsche Kleinaktionäre mussten mit ansehen, wie ihr Vermögen immer mehr in sich zusammenschrumpfte. Und die Politiker? Sie ahnten bereits im Frühsommer, dass aus fast drei Millionen enttäuschten Aktionären im Herbst schnell enttäuschte Wähler werden könnten.

Nun hätte nicht nur die amtierende Bundesregierung, sondern auch die Union, die ab Herbst Deutschland regieren will, wissen können, dass ein international agierendes Unternehmen wie die Telekom keine politische Einmischung vertragen kann. Und schlimmer noch: dass die Anleger auf der ganzen Welt gerade zu verschreckt werden könnten von Ratschlägen der Wahlkämpfer über die Qualität eines Vorstandes. Am vernünftigsten wäre es wohl gewesen, Finanzminister Hans Eichel hätte seinen „beinharten Kurs“ durchgehalten, sich komplett aus dem Unternehmen heraus zu halten, sagt zum Beispiel Meinhard Miegel, Chef des Bonner Instituts für Wirtschaft und Gesellschaft jetzt. Und auch die Union hätte nicht seit Monaten sticheln sollen, dass sich Eichel nicht um die Kleinaktionäre sorgt.

Angegriffen und verwirrt

Dann, meint Miegel, „wäre das Thema im Wahlkampf nicht so hoch gekocht“. Doch die Verlockung war wohl zu groß. Vor zwei Wochen mahnte Kanzlerkandidat Edmund Stoiber (CSU) in einem Interview den Kanzler eindringlich, sich endlich zu kümmern um die Sache, von der jetzt im Rückblick Fraktionschef Friedrich Merz (CDU) sagt, dass sich die Regierung lieber herausgehalten hätte. Eine „wunderbare Falle“, lobte sich Stoibers Wahlkampfchef Michael Spreng am vergangenen Sonnabend beim Sommercamp der Jungen Union in der Nähe von Paderborn. Die SPD sei „angegriffen und verwirrt“ worden. Und nun, da Ron Sommer unter dem Druck der öffentlichen Diskussion zurückgetreten ist und ein Mann die Telekom führt, der von sich selbst zuerst sagt, er sei „72 Jahre alt“, da beglückwünschen sich die Mitstreiter von Stoiber über die „gelungene Wahlkampfaktion“ (Spreng). CSU-Landeschef Michael Glos entlarvt die Bundesregierung genüsslich als „Mobber des Telekom-Chefs". Und CDU-Vize Christian Wulff erkennt zufrieden, dass „der Bundeskanzler kopf- und planlos“ sei.

Die SPD-Oberen platzieren sich derweil zwischen Kraftausdrücken und Selbstzerfleischung. „Taktische Winkeladvokaten“, nennt Parteigeneralsekretär Müntefering die Unions-Gegner und wirft ihnen „Heuchelei“ hinterher. Und SPD-Vorstandsmitglied Hermann Scheer beschimpft die eigenen Spitzenleute Schröder und Eichel, sie hätten sich „auf offenem Felde einschüchtern lassen". Einen „politischer Fehler“ nennt Scheer das Verhalten von Kanzleramt und Finanzministerium. Weil man nicht offensiv gehandelt sondern sich „andauernd in der Defensive“ versteckt hätte.

Doch warum ließen sich Gerhard Schröder und sein Finanzminister in diese Falle locken? Experten finden, dass es nicht so schwer gewesen wäre, die Verantwortung des Bundes wahrzunehmen und dennoch inhaltliche Einmischung zu vermeiden.

Keine schädlichen Gerüchte

Statt dessen boten Kanzleramt und Finanzministerium der Öffentlichkeit ein tagelanges Spiel der Gerüchte und halbherzigen Dementis. Vielleicht hätte sich Hans Eichels Staatssekretär Manfred Overhaus am Dienstag nicht auch noch per Telefon in die Aufsichtsratssitzung einschalten lassen, sondern Aufsichtsrats- und Vorstandschef lieber zu einem moderierenden Gespräch mit dem Minister einbestellen sollen. Dann wäre die Verantwortung für das Unternehmen im Aufsichtsrat geblieben, und es hätte keine schädlichen Gerüchte über Druck aus dem Ministerium gegeben, der Ron Sommer zum Rücktritt brachte. Eichel hätte seinen Staatssekretär aus dem Urlaub heraus diesen Vorschlag machen können. Auch aus dem Kanzleramt wären solche Signale zu erwarten gewesen. Es könnte, ja es soll sie sogar gegeben haben. Doch den Akteuren entglitt die Regie. Nun treffen sich alle, als ob sie selbst nicht dabei gewesen wären, zum gemeinsamen Verriss der „Seifenoper". Meinhard Miegel resümiert: „Alles ist total schief gegangen."

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