Zeitung Heute : Feier findet am Freitag statt - Die Meinungen über den Bau sind geteilt

Christian van Lessen

Für eines der bedeutendsten Gebäude der deutschen Nachkriegszeit wird am Freitag Richtfest gefeiert: Am Spreebogen ist das Bundeskanzleramt zu stattlicher Größe herangewachsen, und der Innenausbau steht bevor. Über die Wirkung des Bauwerks sind die Meinungen geteilt. Die einen finden es zu massig und zu hoch, die anderen sehen einen repräsentativen und schönen Bau entstehen. Aus den Reihen des damaligen Preisgerichts, das über die Architektenentwürfe zu entscheiden hatte, wird allerdings auch darauf hingewiesen, dass neben dem Kanzleramt das urprünglich geplante Bürgerforum entstehen muss, um den Gebäudekomplex an die benachbarten Bundestagsbauten anzuschliessen. Allein wirke er zu massiv.

"Etwas zu hoch geraten" findet Peter Conradi den Rohbau des Bundeskanzleramtes. Der Präsident der Bundesarchitektenkammer gehörte als führendes Mitglied der Bundestags-Baukommission zu den Preisrichtern, die bei ihrer Sitzung am 12. Dezember 1994 im ehemaligen Staatsratsgebäude die architektonischen Weichen stellten, bis der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl nach einer Überarbeitung die endgültige Entscheidung für den Entwurf der Architekten Axel Schultes und Charlotte Frank traf. Der Bau, so Conradi, sei zwischen Modell und Wirklichkeit offenbar höher geworden, "aber darauf hatten wir keinen Einfluss mehr".

Ein Eindruck, den das Büro der Architekten Schultes und Frank nicht bestätigt. Das Bauwerk sei sogar etwas niedriger geworden, heißt es. Dass viele Leute den Eindruck des Massigen hätten, liege an dem jahrzehntelang gewohnten Anblick der freien Fläche des Spreebogens, am Fehlen des benachbarten Forums. So erscheine der Kanzlerbau wie ein großer Solitär. Im übrigen werde das Gebiet durch die künftigen Bauten des Lehrter Bahnhofs noch zu einer wirklichen und hoch verdichteten Stadt.

Peter Conradi stimmte für den Schultes-Entwurf. Der ehemalige Parlamentarier erinnerte an die Preisgerichtssitzung, in der es zu einer Patt-Situation gekommen war. Die "Berliner Fraktion" habe damals einen anderen Entwurf favorisiert, der ihn allerdings an den Nazi-Architekten Albert Speer erinnert habe.

Schultes Kanzleramt sei dagegen "lebhaft, nicht langweilig und eine starke Arbeit" gewesen und hätte dem städtebaulichen Entwurf eines "Bandes des Bundes" mit den benachbarten Parlamentsneubau-Projekten auch am besten entsprochen.

Das Preisgericht vergab zwei erste Preise, was, so Conradi, "nie eine gute Entscheidung" sei. Bei der Überarbeitung habe dann der Bundeskanzler den Schultes-Entwurf gewählt, den Preisgerichtsmitglied Gustav Peichl zuvor als "mutig" bezeichnet hatte. Der Bundeskanzler habe bei dem Bauprojekt eben auch Mut beweisen wollen. Der Stuttgarter Architekt glaubt, dass sich das neue Kanzleramt mit seiner auf viele Betrachter massigen Wirkung noch "zurücknimmt". Ein Rohbau wirke immer gewaltiger als der fertige Bau mit Glas an der Fassade und Bäumen herum. "Wenn der Bau auf manche einschüchternd wirkt, ist das nicht unsere Absicht gewesen".

Auch die Münchener Architektin Bea Betz saß stimmberechtigt im Preisgericht. Sie erwartet einen "sehr schönen, phantasievollen und repräsentativen Bau", der räumlich zum Erlebnis werde. Man solle eben nur warten, bis er fertig ist. Es gebe in Deutschland eine Fülle sehr guter Architekten, und Schultes sei einer der besten von ihnen.

"Eigenwilliges Gebäude"

Von einem "guten Entwurf" spricht Senatsbaudirektorin Barbara Jakubeit, die damals nicht stimmberechtigt für die Bundesbaudirektion im Preisgericht saß. "Abwarten", sagt sie, ein interessantes und ungewöhnliches und eigenwilliges Gebäude entstehe. Es mache aber jetzt schon deutlich, wie wichtig das sich östlich anschließende Forum sei. Denn jetzt entstünden mit dem Bundeskanzleramt und dem Bundestagskomplex zwei Solitäre. Diese Einzelbauten, die für sich betrachtet groß wirkten, seien der städtebaulichen Idee von Schultes für ein "Band des Bundes" abträglich. Dazwischen müsse das Bürgerforum architektonisch verbindend gestaltet werden, das jetzt nur als Freifläche vorgesehen sei.

"Wir fordern das immer wieder", sagte die Senatsbaudirektorin, an die Adresse des Bundes gewandt. Von Stadtentwicklungs-Staatssekretär Hans Stimmann, der wiederum stimmberechtigt als damaliger Vertreter der Bauverwaltung im Preisgericht saß, war gestern keine Stellungnahme zu erhalten.

"Ein Stück zu hoch, zu mächtig, zu wuchtig", beschreibt Tiergartens Baustadtrat Horst Porath den Kanzleramts-Rohbau. Am Bauwerk könne man nun nichts mehr ändern, auch nichts an der "blöden Mauer" des künftigen Kanzlergartens am Moabiter Werder. Es sei aber noch nicht zu spät, "intelligente Sicherheitslösungen" an den Vorderseiten des Kanzleramtes zu finden, auf hässliche Zäune an den Straßen zu verzichten und stattdessen Sicherungsmöglichkeiten in den Gebäuden selbst zu installieren.

Der Hausherr selbst hält sich mit Äußerungen zum Neubau zurück. Gerhard Schröder lief zwar schon über die Baustelle, ließ sich aber bisher keine Meinung entlocken.

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