Zeitung Heute : Feierabend

Robert Ide

Wie ein Ost-Berliner die Stadt erleben kann

Das erste, was auffällt, ist die Stille. In kleinen Gruppen trotten die Menschen durch schmale Straßen, sie halten sich an den Händen, sprechen leise miteinander. Es sind Tausende, die sich in aller Gemächlichkeit auf den Weg in den Feierabend machen. Vor den Kneipen stehen Männer mit Weizenbiergläsern, ihren Söhnen legen sie sachte blau-gelbe Schals um die schmalen Hälse. Viele Teenager sind da. Wenn sie ihre Kaugummis ausgekaut haben, werfen sie sie in Mülleimer. Heute steht viel auf dem Spiel.

Mein Freund Marcus hat mich eingeladen. „Es geht um die Meisterschaft“, sagte er und klopfte mir aufmunternd auf die Schulter, als sich in meinem Gesicht tiefe Hertha-Uefa- Cup-Falten bildeten. „Komm, du musst mal was anderes sehen.“ Ich gab nach. Marcus konnte ja nicht wissen, dass ich vor kurzem mit ähnlichen Versprechungen zur Meisterfeier der Eisbären nach Hohenschönhausen gelockt worden war, wo ich mit Tausenden tobender Plattenbau-Proleten in einer zur Eishalle ausgebauten Wellblech-Garage laute Ost-Berliner Lieder absang. Nun also Alba, nun also Basketball.

Das zweite, was auffällt, ist die Lautstärke. Eine dumpfe Fanfare dröhnt durch die Max-Schmeling-Halle, ihr Ton dringt durch jede Magenwand. Damit ist das Spiel unterbrochen. Beim Basketball wird das Spiel ziemlich oft unterbrochen. Junge Mädchen mit kurzen Röcken und hohen Stiefeln rennen dann aufs Spielparkett und bauen Pyramiden aus ihren Körpern. Die Zuschauer klatschen im Takt. Ich steige vom Oberring hinab zu den Buden. Es gibt Berliner Kindl und Burger.

Der Hallensprecher sagt Geburtstage durch und begrüßt Schulmannschaften. Artiger Applaus. Der Gegner wirft zwei Freiwürfe daneben. Starker Beifall. Ein Berliner Basketballer stopft den Ball in den Korb und hält sich am Ring in der Luft. Begeisterung ohne Grenzen. Ein perfekter Feierabend. Alba verliert selten.

Das dritte, was auffällt, ist die Stille. Marcus lächelt entspannt. Meine Uefa-Cup-Falten haben sich geglättet. Wir trotten in eine Kneipe und bestellen Weizenbier.

Alba spielt wieder am Sonntag, 17.15 Uhr in der Max-Schmeling-Halle gegen Frankfurt. Es geht um den Einzug ins Meisterschaftsfinale.

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