Zeitung Heute : Feinde, die man kennt

Wir wissen mehr über den Terrorismus als früher – aber besiegen können wir ihn noch immer nicht

Frank Jansen

Die Welt war geschockt. Zwei verheerende Doppelattentate in weniger als einer Woche erschütterten Istanbul – öffentlichkeitswirksamer hatte der islamistische Terror nur am 11. September 2001 zugeschlagen. Jede noch so kleine Hoffnung, Al Qaida und das um die Organisation herum geknüpfte globale Terrornetz befinde sich in der Defensive, war zerstoben. Auch wenn diese Attentate nicht die einzigen waren, die Islamisten in diesem Jahr verübten, bedeuteten sie doch eine Zäsur. Al Qaida und verbündete Gruppen demonstrierten, dass sie den Terror auf einem Niveau unterhalb der Anschläge des 11. September fortsetzen können – mit erhöhter Frequenz. „Istanbul“ könnte, so fürchten Experten, das Signal für das Vorrücken des Terrors in Richtung Europa sein.

Der Kontinent ist, sieht man von den Aktionen tschetschenischer Kommandos in Russland ab, auch 2003 von spektakulären Attentaten muslimischer Gotteskrieger verschont geblieben. Der Verfolgungsdruck sei zu stark, sagen Fachleute, eher hoffend als wissend. Es könnte aber auch einen anderen Grund geben: Al Qaida konzentriert sich auf den Irak. Gemeinsam mit Anhängern Saddam Husseins oder auf eigene Rechnung bekämpfen Islamisten die Amerikaner, ihre Verbündeten und Institutionen des Westens – wie die Vereinten Nationen oder das Rote Kreuz. „Al Qaida tobt sich im Irak aus“, heißt es in Sicherheitskreisen. Inzwischen wird aber auch eine Strategie sichtbar, die über blindwütiges Bomben hinausreicht.

Die Angriffe mit schultergestützten Raketen auf US-Hubschrauber und auch auf ein deutsches Flugzeug werten Experten als Versuch der Al Qaida und ihrer im Irak agierenden Frontorganisation Ansar al Islam, den erfolgreichen Kampf der afghanischen Mujaheddin gegen die sowjetischen Besatzer zu wiederholen. Die Rote Armee konnte den Krieg in Afghanistan nicht mehr gewinnen, als ihre Kampfhubschrauber von den Mujaheddin mit tragbaren amerikanischen Boden-Luftraketen reihenweise abgeschossen wurden. Al Qaida will im Irak, wie auch Saddams Guerilla, die Kosten des US-Militäreinsatzes weiter in die Höhe schrauben. Mit Hilfe von Gotteskriegern, „Dschihadisten“, aus aller Welt.

Rekrutiert wird auch in Deutschland und anderen Ländern Westeuropas. In Hamburg nahm die Polizei einen Algerier fest, der eine Gruppe über Syrien in den Irak schleusen wollte, in München ging ein Iraker von Ansar al Islam ins Netz. Möglicherweise sind die Schleusungen neben dem Verfolgungsdruck ein weiterer Grund für das Ausbleiben schwerer Anschläge – wer Rekruten wirbt und ihre Reise zum Kampf in einem fernen Land organisiert, will ungestört wirken. Ein Anschlag in Europa würde die Wachsamkeit der Sicherheitsapparate erhöhen.

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