Zeitung Heute : Feinde erhalten die Freundschaft

Wie Deutschland und Amerika in Zukunft gut miteinander zurechtkommen könnten – und warum das im vergangenen Jahr nicht geklappt hat

Robert Rimscha

Beim letzten Zwiegespräch, im Mai 2002 in Berlin, gab es nicht nur politisches Lob. George W. Bush ließ sich auch zu der Einsicht hinreißen, er lebe „unter einer Käseglocke“. Mit Gerhard Schröder würde er gern einmal, wenn die Amtspflichten hinter ihm lägen und er mehr Zeit habe, gemeinsam angeln gehen.

Damals raunten sich zwei Top-Diplomaten auf der Gästetribüne zu: „Wo kommt das denn her?“ Denn die betonte Herzlichkeit des US-Präsidenten passte weder zum heraufziehenden Irakzwist noch zur Vorgeschichte. Gleich beim allerersten Treffen, Anfang 2001 in Washington, glaubte der Kanzler, die Differenzen beim Klimaschutz ostentativ herausstellen zu müssen. Zuhause brachte das Punkte, im Weißen Haus nicht. Dann kam der transatlantische Streit über das UN-Strafgericht und die Raketenabwehr, von der Europa befürchtete, sie werde eine neue Rüstungsspirale auslösen. Mit Moskau beschloss Bush stattdessen weitgehende Abrüstungsschritte. Es folgte heftiges Gezerre über die Besetzung des Chefsessels beim Internationalen Währungsfonds. Dann fand das geheime Protokoll des Bush-Schröder-Treffens aus Berlin seinen Weg in die Öffentlichkeit, und alle Welt konnte nachlesen, dass Schröder Jordaniens König für nett, aber machtlos hält – und das Bush-Team Jassir Arafat für hoffnungslos verloren.

Das Verhältnis war angespannt, noch ehe der Irakkrieg zur größten Belastung seit 1945 wurde. Wenn sich Bush und Schröder daher heute treffen, werden sie diplomatisch allerlei Versöhnungszeichen setzen. Die meisten jener Veränderungen, die im Irakstreit am deutlichsten sichtbar wurden, werden sie indes nicht umkehren können. Jack Janes, Chef des Deutschland-Instituts der Johns-Hopkins-Universität, sieht als tieferen Grund für die Spannungen: „Deutschland war stets Objekt, jetzt ist es Subjekt.“ Mit den Ansprüchen, die diese neue Rolle mit sich bringe, ringe die Bundesrepublik verständlicherweise noch. Angesichts des dramatischen Wandels der deutschen Außenpolitik innerhalb knapp eines Jahrzehnts sei dies alles andere als erstaunlich.

Ron Asmus, unter Bill Clinton Staatssekretär für Europa, verlangt die Konzentration auf gemeinsame Ziele zur Erneuerung der Allianz. Vorrangig sei das Bekenntnis zu einer ungeheuren Kraftanstrengung: Europa, das erstmals in seiner Geschichte für die USA kein Problem mehr darstellt, müsse nun gemeinsam mit Amerika zum Problemlöser werden und die tief greifende Umgestaltung der Region von Marokko bis Pakistan in Angriff nehmen – politisch, kulturell, sozial, nötigenfalls auch militärisch.

Jeff Gedmin, Chef des Aspen Instituts in Berlin, würdigt den deutschen Beitrag auf dem Balkan und in Afghanistan, sieht aber dennoch völlig verschiedene Vorstellungen von Macht und legitimen Instrumenten ihrer Projektion am Werk. Deutschland denkt, Amerika handelt. Berlin will den Terror mit Völkerrecht und Entwicklungshilfe eindämmen, Amerika will ihn niederkämpfen. Die härteste Analyse dieser Denkschule hat Robert Kagan vorgelegt, ein US-Autor aus dem Kreis der Neokonservativen. Am drastischsten aber hat der US-Publizist Ralph Peters die Enttäuschung der USA über den ungeratenen Sohn Deutschland formuliert. Nach einer „überfälligen Scheidung“ sei Washington jetzt endlich „frei vom gescheiterten Modell europäischer Diplomatie“, das der Welt „schreckliche Kriege, unbrauchbare Grenzen und ungestörte Diktatoren beschert hat“.

Manche der hitzigeren Sätze entstammen den Wallungen vor einem halben Jahr. Doch Umfragen belegen, wie tief der Wandel geht. Wenn Bush gerade Verständnis für Schröders Wahlkampf geäußert hat, weil der doch auf sein pazifistisches Volk Rücksicht habe nehmen müssen, dann trifft er insofern die Wahrheit, als die deutsche Mehrheit die US-Politik nie kritischer sah als heute. Und es regiert in Berlin eine Mannschaft, die diesem Misstrauen kulturell sehr nahe steht.

Im Wahlkampf 2002 hat Gerhard Schröder auch Amerikas Innen- und Sozialpolitik entschieden zurückgewiesen. Da könnte einen der Verdacht beschleichen: Wird etwas verteufelt, um zu kaschieren, dass wir ihm täglich ähnlicher werden?

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