Zeitung Heute : FeindlicheEltern

Viele Kinder leiden unter Vernachlässigung – und einem ignoranten Umfeld

Barbara Junge

Der Hungertod der siebenjährigen Jessica ist kein Einzelfall: Jeden Tag werden Kinder missbraucht und geschlagen. Was muss passieren, um in Fällen grober Vernachlässigung früher eingreifen zu können?

Sie heißen Dennis, Alisan-Turan, Domenic, Vivian oder Jessica. Sie sind verhungert, verdurstet oder erstickt. Und niemand hat etwas gemerkt. Niemand hat die Polizei oder das Jugendamt informiert. Niemand hat diese Kinder retten können.

Allein in den vergangenen fünf Jahren sind mindestens acht Fälle in Deutschland bekannt geworden, in denen Kinder zwischen dem Säuglingsalter und der Schulreife qualvoll starben – Todesursache: Vernachlässigung. Wie viele Kinder unterhalb dieser letzten Schwelle gravierend vernachlässigt werden ist unbekannt. Doch die Dunkelziffer nicht erkannter Misshandlungen ist hoch, sagt der Bielefelder Jugendforscher Klaus Hurrelmann nach dem Tod der siebenjährigen Jessica aus Hamburg: „Ein Prozent der Kinder in Deutschland erleidet dauerhafte körperliche Schäden“. Das wären fast 100000 Kinder.

In Hamburg plant die zuständige Senatorin nun ein Gesetz zur zwangsweisen Durchsetzung der Schulpflicht. Damit könnte sich ein Mitarbeiter der Bildungsbehörde zusammen mit einem Vollstreckungsbeamten Zutritt zur Wohnung von Eltern verschaffen, deren Kinder nicht zur Schule angemeldet wurden oder dort seit längerem nicht erschienen sind. Ein nahezu verzweifelt anmutender Versuch, der Kinder überhaupt habhaft werden zu können – wenigstens dann, wenn sie schon schulpflichtig sind. In Berlin hat die oppositionelle CDU-Fraktion den Antrag gestellt, die kinderärztlichen Vorsorgeuntersuchungen, die jedem Kind zwischen Geburt und frühem Schulalter zustehen, zur Pflicht zu machen. Damit der Gesundheitszustand von Kindern wenigstens von Ärzten überwacht werden kann. Das bayerische Staatsministerium für Gesundheit indes sieht darin einen zu weit gehenden Eingriff in die elterliche Entscheidungsfreiheit – denn die Familie genieße den besonderen Schutz der Verfassung.

Doch gerade der Zustand der Familien ist es, der Experten beunruhigt. Nicht nur Hurrelmann befürchtet, dass das familiäre und nachbarschaftliche Umfeld „in unserer Zeit sehr distanziert und brüchig geworden ist“. Auf die Familie ist in vielen Fällen kein Verlass, das zeigt der Fall Jessica, die ihre Eltern verhungern ließen. Die Vorsitzende der Kinderkommission im Bundestag, Ekin Deligöz (Grüne), fordert deshalb zuallererst mehr qualifizierte Hilfen für Eltern. Es müsse selbstverständlich sein, dass Sozialeinrichtungen dort, wo Probleme erkennbar werden, Zugang zu Familien bekommen. „Es gibt nicht nur das Jugendamt als zuständige Behörde sondern auch Kindergeldstellen oder Kindergärten, in denen behutsam der Kontakt zu den Eltern gesucht werden muss.“ Ähnlich argumentiert der Kinderschutzbund. Der Zugang zu Angeboten für Eltern müsse erleichtert werden, indem man etwa Vorsorgeuntersuchungen mit einem Müttercafe verbinde oder Familienhebammen finanziere, die die Familie ein Jahr nach der Geburt eines Kindes begleiten. Zudem sei es zentral, die Angebote für Familien untereinander zu vernetzen, damit frühzeitig auffällt, wenn ein Kind vernachlässigt wird.

Wenn die Hamburger SPD-Fraktion jetzt erwägt, einen Sonderausschuss einzurichten, in dem Punkt für Punkt geklärt wird, wo wann was hätte getan werden können, dann geht sie in diese Richtung. Denn helfen wird ein Schulzwang keinem vernachlässigten Säugling. Helfen wird wohl nur, für die Zukunft zu erkennen, wo staatliche Stellen, Sozialdienste und auch Nachbarn, Verwandte und Bekannte die Möglichkeit hätten, Verantwortung zu übernehmen und einzugreifen.

Als in Großbritannien 1991 die kleine Sukina Hammond starb, veranlassten die Behörden eine Analyse der Umstände ihres Todes – bei einem unabhängigen Institut. Das trug zusammen, welche Anzeichen es gegeben hatte, welche Behörden involviert waren und was diese unternommen hatten, welcher Nachbar was gehört hatte, ob irgendjemandem etwas am Kind aufgefallen war und wer wann und warum nicht gedacht hatte, sich verantwortlich fühlen zu müssen und zu handeln. Daraus ließe sich lernen. Die Expertin zum Thema Gewalt gegen Kinder beim Deutschen Kinderschutzbund, Katharina Abelmann-Vollmer, fordert, auch im Fall Jessica ein solches Gutachten in Auftrag zu geben. „Nur wenn wir die Lücken erkennen, können wir etwas dazu tun, solche schrecklichen Fälle zu verhindern.“

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