Felix Sturm : Das Schlaglicht

Er bewegt sich wie schwerelos, tänzelt im Ring – Felix Sturms Boxstil erinnert an Ballett. „Hauen“ aber, das ist nicht seine Stärke. Heute verteidigt der Weltmeister seinen Titel

Stefan Krücken[Leverkusen]

Es riecht scharf, nach Körperertüchtigung und Pubertät. Als der Weltmeister hereinkommt, läuft gerade das Training der Anfänger. Der Raum ist eng, wenig größer als der Boxring in der Mitte, die Luft scheint zu kleben in dieser Halle namens „Ulrich Haberland“, neben einer Autobahn, die man auf Stelzen quer durch Leverkusen gebaut hat. Niemand käme auf die Idee, hier einen Boxchampion zu suchen, der mit seinen Kämpfen bereits Millionen verdiente.

Ein Jugendtrainer mit grauem Haarkranz, weichgeklopfter Nase und dem T-Shirt „Hessen Cup 2007“ ruft Kommandos: „Komm schon Ali, schlag in Kopfhöhe!“ oder: „Tuncay, mehr Distanz, Junge!“ Doch nun mangelt es an Konzentration. Denn Ali, Tuncay und die anderen sehen zu, wie Felix Sturm, Weltmeister im Mittelgewicht des Verbandes WBA, seine Fäuste verbindet, sie in Handschuhe steckt und dann auf einen Sandsack zutänzelt.

Sturm verteidigt an diesem Samstag seinen Titel gegen den US-Amerikaner Randy Griffin. Das ZDF überträgt den Kampf ab 22 Uhr live. Der Mann, für den Millionen Menschen den Fernseher einschalten, klebt in Leverkusen als Poster an der Wand – mit vergoldetem Oberkörper. Und er trainiert noch immer, wo alles begann. „Ich brauche das Echte“, sagt er atemlos, als er sich zwischen zwei Runden am Sandsack auf einen Schemel setzt und der Schweiß an ihm herunter perlt, „verstehst du das?“

Ein Teenager tapst schüchtern auf ihn zu. Sturm hebt den Boxhandschuh. Der Jugendliche patscht seinen dagegen. „Alles klar?“, erkundigt sich der Weltmeister. „Alles klar“, antwortet der Anfänger und taumelt fast vor Glück.

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Felix Sturm. ?Ich bin kein Knaller, und ich habe das akzeptiert.? -Foto: Achim Multhaupt

Sturm steht auf und geht zurück, um den Sandsack zu verprügeln. Er ist noch immer einer von ihnen, ein Junge aus der Nachbarschaft, aufgewachsen als Adnan Catic in einem Block der Arbeitersiedlung, fünf Gehminuten entfernt, Karl-Marx-Straße, in einem beigefarbenen Haus, zweiter Stock. Von hier aus hat er sich in die fast 17 000 Menschen fassende Arena des MGM Grand in Las Vegas geboxt; er hat den Weltmeistergürtel zwei Mal verloren, ihn sich wieder zurückgeholt und es auch geschafft, einen offensichtlichen Betrug wegzustecken. Berühmt wurde er durch eine Niederlage, nach einem Kampf gegen die Legende Oscar de la Hoya, dessen Urteil so eindeutig verschoben war, dass ein amerikanischer Kommentator meinte, Sturm hätte seinen Gegner bewusstlos schlagen müssen, um ein Unentschieden zu bekommen.

Für manche gilt der 29 Jahre alte Felix Sturm als Deutschlands elegantester Boxer, weil er modische Kleidung mag und weiß, wie ein Anzug faltenfrei sitzt. Er sieht besser aus als der „schöne René“ Weller, der mit zu eng anliegenden Hosen immer an einen Pornohengst erinnerte; er ist noch unterhaltsamer als Graciano „Rocky“ Rocchigiani, der den Satz prägte: „Gegner am Boden, jutet Jefühl.“ Er ist kein trauriger Tanzbär wie Axel Schulz und kein gepflegter Langeweiler wie Henry „Gentleman“ Maske. Sturm macht nicht Reklame für Milchprodukte, setzt sich aber neben Sylvester Stallone auf die Couch von „Wetten dass …?“

 Als das Training in der „Haberland-Halle“ beendet ist, verabschieden sich die Anfänger mit einem dreifachen „Ring frei!“. Sturm steigt in seinen Mercedes und gleitet durch die Fabrikstadt. Vorbei an Fassaden aus Waschbeton, einem Café namens „Dolomiti“, in dem es „superleckeres Eis“ gibt, vorbei am Kino, das er manchmal mit seiner Frau Jasmin besucht, vorbei am Park, in dem er mit seiner Mutter rodeln ging, als in einem Winter Schnee über Leverkusen lag. Vorbei an der Schule, in der er sein Fachabitur schaffte, Betriebswirtschaftslehre, auch am Krankenhaus, in dem die Ärzte den Krebs seiner Mutter diagnostizierten. Wenn er eines Tages wegziehe, nach seiner Karriere, dann suche er etwas am Rande der Stadt, erzählt er, wo es ein wenig grüner sei.

32 Kämpfe, 29 Siege, 13 davon durch Knockout und ein Unentschieden, das sind die Daten der Geschichte eines Boxers, der sich alles erkämpfen musste. Sein Vater, eingewandert aus Bosnien, schuftete auf dem Bau, seine Mutter ging putzen, „an vier verschiedenen Stellen“, wie Sturm betont. Häufig knotete er sich vor einem Kampf ein Stirnband um den Kopf. Aufschrift: „All 4 Mom“ – alles für Mutter. Dass sie starb, mit Mitte 50, war der härteste Niederschlag seines Lebens. In jedem Gespräch erwähnt er den Schmerz, ihr nicht mehr geben zu können, was sie sich wünschte: ein Haus am Stadtrand von Mostar, eine Familie, Enkel.

Wegen seines Vaters wohnt er heute noch immer in Leverkusen, in dieser seltsam verbauten Stadt unter Schornsteinen, die an manchen Tagen so grau wirkt, als hätte man alle Farbe aus der Welt gewischt. Er mag nicht wegziehen aus dem Reihenhaus mit der manikürten Vorgartenparzelle, wo er seinen schwarzen Porsche Cayenne oder seinen schwarzen Mercedes neben den Toyotas und Kias der Nachbarn parkt. Auf der Straße tuscheln sie, vermutet Sturm, er fühlt sich beobachtet, wenn sich die Vorhänge leicht bewegen, aber auch das nimmt er hin. „Ich kann Vater doch nicht alleine lassen“, meint er, „ihm gefällt es hier, und ich selbst habe der Stadt vieles zu verdanken.“ Lieber Leverkusen als Los Angeles.

Was auch als Selbstschutz zu verstehen ist, denn abseits des Rings, in den Nahkämpfen der Empfänge, Galas und Partys fühlt sich Sturm oft unwohl. Küsschen rechts, Küsschen links, mit dieser Kombination kommt er schlecht zurecht. „Diese Welt ist so distanzlos“, findet er, „ich muss nicht jedem die Hand schütteln und mich zum Affen machen.“ Es ist anders als im Ring, wo er unberechenbar ist, mit seinem Gegenüber zu tanzen scheint, wo er in kompakter Deckung abwartet und so schnell ausholen kann, dass niemand weiß, was er im nächsten Moment unternimmt. Im Gespräch dagegen meint man, ihm sofort anzusehen, was er denkt. Jeden Tag betet er, weil es ihm Kraft gibt; freitags besucht er die Moschee. Einladungen zum „Promi-Dinner“ im Fernsehen beantwortet Sturm nicht einmal, er sitzt in keiner TV-Jury und bei der Wok-WM müssen andere mitrodeln. „Niveau ist mir wichtig“, sagt Sturm, „ich bin Weltmeister im Boxen und nicht Mickey Mouse.“

Schon gar nicht gibt es freizügige Aufnahmen von ihm oder seiner hübschen Gattin Jasmin. Sturms Augen werden schmal, wenn man sich nach dem Stand solcher Anfragen erkundigt: „Für kein Geld, keine Summe, niemals.“ Dass man ihm einen deutschen Namen verpasste, um Adnan Catic, der in Leverkusen zur Welt kam, besser vermarkten zu können, war für manche Verwandte in Bosnien schon schlimm genug. „Ado“ rufen sie ihn am Rande von Mostar, nicht Felix.

 Wenn Sturm spricht, formuliert er gerne mit Ausrufezeichen. „Ich will nicht, dass die Leute sagen: Sturm war ein Guter. Ich will, dass sie sagen: Sturm war einzigartig!“, so etwas sagt er ständig und mit einem leicht rheinischen Zungenschlag. Dass einige Sätze davon wirken wie eine Gerade ans Kinn, scheint ihm egal zu sein. Sein Selbstbewusstsein hat dazu geführt, dass viele Gegner auf den Kampf warten, an dem der bosnische Rheinländer mit der großen Klappe endgültig zu Boden geht. „Nicht jeder kommt mit meiner Art klar“, sagt Sturm, „aber was soll ich machen?“

In einer Zeit, in der die meisten Profisportler von PR-Beratern umschmeichelt werden, vertraut Sturm auf den Kölner Roland Bebak. Bebak betreibt ein Institut für Fitness und Ernährung, ist ein Meter 90 groß, ein Mann mit ausgeprägter Muskulatur, einer monströs heiseren Stimme und insgesamt von einer Außenwirkung, die zarte Gemüter in die Flucht schlagen kann, wenn er böse guckt. „Felix zu managen ist nicht immer einfach“, sagt Bebak, „der sagt immer und zu jedem, was er von ihm denkt.“ Wenn etwa eine Illustrierte berichtet, dass Sturm gerne zur Maniküre geht und angeblich 150 Anzüge in seinem Schrank hängen, schimpft der Boxer los, mit voller Sturmstärke.

Der Profisportler Sturm ist ein Besessener, ein Perfektionist auch. Er wiegt mittags seine Reisportionen ab, ernährt sich penibel nach Plan und sieht sich in jeder freien Minute Kämpfe auf DVD an. „Ich kann auch nicht locker trainieren“, sagt er, „ich habe ein Verpflichtung und eine einmalige Chance!“ Ihn in den Wochen vor dem Kampf zu begleiten heißt, Zeuge täglicher Torturen zu werden. Während jeder Einheit geht Sturm an die Grenze zum Schmerz und darüber hinaus. Er nennt es „durchs Feuer zu gehen“. Er liebt es. Er schreit dann und spuckt und flucht und verwünscht seinen Trainer, setzt sich unter Adrenalin, bis Adern aus den Armen hervor treten und er eine Gesichtsfarbe annimmt, dass man die Notrufnummer anrufen will. Nach manchen Trainingstagen ist er so müde, dass er vor Erschöpfung nicht in den Schlaf findet.

 Einige Wochen später, wenige Tage vor der Titelverteidigung. Sturm ist nach Hamburg gekommen, um im Gym seines Boxstalls „Universum“ zu sparren, in einer Boxhalle, die mit Kampfplakaten tapeziert ist. Die Trainingshalle liegt in Wandsbek, einem Stadtteil, in dem Hamburg aussieht wie die Chemieöde von Leverkusen. In der Nachbarschaft hat der Millionär eine kleine Wohnung bezogen, die er mit zwei befreundeten Boxern teilt. „Muss doch nicht den Clooney mit Boot und Villa machen, oder?“, fragt er.

Das Training hat noch nicht begonnen und Sturm hockt auf einer Bank, um den Sportteil zu studieren. Er liest, dass sein größter Konkurrent Arthur Abraham, wie er Weltmeister im Mittelgewicht, aber nach Version des Verbandes IBF, einen wichtigen Kampf in Amerika gewonnen hat. Abraham, ein gebürtiger Armenier mit deutschem Pass, der für den Sauerland-Boxstall antritt, gilt als harter Schläger, ist unbesiegt und hat 22 seiner 27 Kämpfe durch Knockout gewonnen. Sturm hingegen ist der Ästhet im Ring, einer, der mit den Fäusten fechten kann.

Wenn er boxt, erinnert das an Ballett, er bewegt sich dann wie schwerelos, platziert seine Treffer und tänzelt auf flinken Beinen wieder davon. „Hauen“ aber, wie man in Boxerkreisen sagt, den Gegner mit einem Schlag niederstrecken, das ist nicht seine Stärke. „Ich bin kein Knaller, und ich habe das akzeptiert“, sagt Sturm, „gutes Boxen ist keine Schlägerei.“

Abraham hingegen ist ein „Hauer“, ein „Knaller“ und für Sturm zum Schatten geworden. Die beiden Weltmeister werden oft miteinander verglichen, doch bis zu einem Kräftemessen wird es noch dauern. Keiner der Boxställe will seinen wichtigsten Geldeintreiber unnötig rasch beschädigen. Kein Interview, in dem Sturm nicht die A-Frage gestellt bekommt. „Hör zu: Wenn es nötig ist, kämpfe ich draußen auf dem Parkplatz gegen den“, zischt er dann. In der Rudelwelt der Boxer darf es nur ein Alphamännchen geben.

Sein Trainer Michael Timm kommt nun in die Boxhalle und auch einige Journalisten, die mit einem Bus aus Halle in Westfalen angereist sind, wo der Titelkampf ausgetragen wird. Acht Runden lang schlägt Sturm auf Timms Pratzen ein, dann will er duschen. Doch die Journalisten warten auf Antworten, für die sind sie extra aus Westfalen gekommen. Sturm posiert für einige Fotos, dann schüttelt er den Kopf. Einen Moment lang sieht er aus, als sehne er sich zurück zu den Anfängern in die Halle neben der Stelzenautobahn, in der es herb riecht und er seine Ruhe hat. Es ist ein Sturmmoment. „Entscheidend ist immer im Ring“, murmelt er. Dann fällt die Tür zur Umkleide hinter ihm zu.

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