Zeitung Heute : Feng Shui: Der Wellensittich im Partnerschaftswinkel

Cornelia Dörries

Es ist kein Wunder, dass es mit dem beruflichen Fortkommen von Freundin Ute nicht so richtig klappt. Da klagt sie seit Jahren über ihre Unzufriedenheit, die miserable Bezahlung ihrer Arbeit und nicht existierende Aufstiegsmöglichkeiten - und gleichzeitig stapeln sich in ihrer Karriere-Ecke ausrangierte Telefone, Stadtmagazine aus den frühen Neunziger Jahren und uralte Schuhe. So kann das ja nichts werden mit dem Erfolg. Zumindest, wenn man das Problem nicht mit der richtigen Lösung angeht. Und die heißt seit ein paar Jahren für immer mehr Leute "Feng Shui", stammt wie viele andere Quasi-Wunder aus dem Fernen Osten und soll helfen, dem vermurksten Leben im entzauberten Westen wieder ein Gleichgewicht zu verschaffen.

So richtig bekannt wurde die Lehre hier zu Lande durch Berichte vom Bauboom in Hong Kong, als nämlich die dortigen Bankhäuser ihre Einrichtung nicht mehr an okzidentalen Gebäudegrundrissen und Büromodulen orientierten, sondern auf scheinbar geschmäcklerische, mitunter kostenverursachende Details achteten. So zum Beispiel sollten nach dem Willen der Bauherren die Türen nicht direkt gegenüber von Fenstern liegen und die Angestellten nicht mit dem Rücken zum Eingang sitzen.

Mittlerweile wird die Feng Shui-Fachliteratur nach Regalmetern berechnet: es gibt Feng Shui-Spezialbücher für aufsässige Kinder, Tiere mit Ernährungsstörungen, innerstädtische Bio-Gärten, Rohkost-Esser und ausweglose Ehekrisen. Alles Quatsch, findet Stefan Würzner, Architekt aus Berlin und Spezialist für gesundes Bauen. Er kommt eigentlich aus der Öko-Ecke und berät in Zusammenarbeit mit richtigen Baubiologen über alle Belange des ökologischen Bauens. Zu seiner Arbeit gehört vor allem die Planung und Materialauswahl nach baubiologischen Kriterien; also möglichst schadstoffarme, allergiefreie Baustoffe aus dem näheren Umland, ein Entwurf, der die individuellen Wünsche des Bauherren, aber auch etwa Strahlungsminderung und Energiesparen berücksichtigt. "Das funktioniert nach den Maßstäben der exakten Wissenschaft. Da werden Materialproben genommen, Untersuchungen des Baubodens gemacht und strahlungsarme Installationen bedacht."

Doch er wurde immer öfter auf Feng Shui angesprochen. "Im Gegensatz zur exakten Wissenschaft ist Feng Shui eine Erfahrungswissenschaft. Da lässt sich nichts in Zentimetern angeben. Da muss sich jeder erstmal selbst nach seinen Bedürfnissen und Wünschen befragen", so Stefan Würzner. Feng Shui beruht auf nichts anderem als der Anerkennung eines energetischen Gleichgewichts - innerhalb eines Hauses, einer Wohnung oder auch eines Zimmers. Ausgehend vom "Bagua" - dem Körper des Drachens - wird jedem Raum, Platz oder Winkel eine bestimmte Funktion zugeordnet. Ähnlich wie ein biologischer Organismus fließt die Energie hindurch und beglückt die Bewohner, wenn alles stimmt, mit dem Gefühl von Harmonie und Einklang mit sich und ihrer Umwelt. Die Wohnung wird dem Bagua entsprechend in neun Planquadrate aufgeteilt: Reichtum, Ruhm und Partnerschaft, dann Familie, Kinder, Wissen, Karriere und hilfreiche Freunde sowie dem TaiChi in der Mitte des Ganzen. Wenn also in der Partnerschafts-Ecke, vom Eingang aus gesehen in der Wohnung hinten rechts gelegen, nur der Korb mit der Schmutzwäsche steht und Mitte rechts in der Kinderecke, Bereich für Kreativität und Neues, der Biomüll gesammelt wird, muss man sich über eventuelle Krisenerscheinungen also nicht wundern. Die könnten aber auch mit einer nicht gerade heimeligen Wohnungseinrichtung zusammenhängen.

Doch, so Architekt Stefan Würzner, machen die Leute ja schon instinktiv das meiste richtig. Wer sich in seiner Wohnung wohlfühlt, hat die grundsätzlichen Kriterien des Feng Shui quasi erfüllt; auch wenn die Farben in der Wissens-Ecke vielleicht nicht so ideal sind und der Wellensittich im Partnerschaftswinkel eigentlich stört.

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