Zeitung Heute : Fenster zur Forschung

Damals wie heute referieren renommierte Wissenschaftler über ihre Arbeit

Harro Hess

Schwärmerisch schrieb der Gründungsdirektor der Berliner Urania, Max Wilhelm Meyer (1853-1910) in seiner eher melancholischen Biografie „Die Arbeiter waren mein liebstes Publikum, das die Säle der Volksbildungsstätte in der Invalidenstrasse füllte.“ Damit entsprach er nicht nur dem Zeitgeist der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, sondern drückte indirekt auch den Erfolg der Berliner Urania aus, die 1888, also nunmehr vor 120 Jahren, am 3. März, gegründet wurde.

Eine große Zahl von Industriellen, Bankiers und Wissenschaftlern war der Einladung des Gründungskomitees der Gesellschaft Urania gefolgt, um an diesem Tag eine Einrichtung auf den Weg zu bringen, die es so bisher auf der Welt nicht gab. Das offizielle Berlin staunte über die „seltsame Zusammensetzung“ der Gesellschaft, denn sie war zu dieser Zeit ungewöhnlich. Zweck der neuen Gesellschaft war laut Statut „die Verbreitung der Freude an der Naturerkenntnis“, die durch den Bau einer öffentlichen Schaustätte erreicht werden sollte. Darin gelangten die Ergebnisse der Naturforschung „durch Vorstellungen und Vorträge zum Bewusstsein auch eines größeren Publikums“.

Nun klingt das zunächst recht romantisch, hatte aber einen viel tieferen Sinn: Das preußische Schulwesen, zwar straff organisiert, litt unter dem Mangel, dass es in den Unterrichtsfächern überhaupt nicht mehr den gewachsenen naturwissenschaftlichen Kenntnissen und technischen Fertigkeiten entsprach. Diese Bildungsdefizite bekam die Industrie auf bizarre Weise zu spüren. Unsicherheit, sogar Angst vor der um sich greifenden Anwendung der Elektrizität oder chemischer Verfahren führten zu mangelnder Bereitschaft, sich an modernen Geräten ausbilden zu lassen und behinderten auch die zügige Einführung der vielen neuen Gerätschaften in den Haushalten. So bekam die Urania auch die sehr praktische Aufgabe, Grundkenntnisse der Naturwissenschaften und moderner Verfahren den Arbeitern der im Norden Berlins liegenden Fabriken von Siemens, AEG, Schwartzkopf, Borsig und anderen nahezubringen.

Schnell fanden neben den astronomischen Instrumenten, zum Beispiel dem berühmten Bamberg-Refraktor, die naturwissenschaftlich ausgerichteten Experimentiersäle ein begeistertes Publikum. Das Prinzip der Selbstbetätigung der Besucher fand weltweit Anerkennung und Verbreitung.

Kernstück der unter dem Namen Urania (nach der Muse der Himmelskunde benannt) im Handelsregister Berlins eingetragenen Aktiengesellschaft war das sogenannte „wissenschaftliche Theater“. Max Wilhelm Meyer, ehemals Wissenschaftsredakteur beim Berliner Tageblatt, legte besonderen Wert auf die dekorativen opulenten Inszenierungen auf der Bühne dieses Theaters. Der Wiener Theaterarchitekt Lautenschläger entwarf Ende des 19. Jahrhunderts den modernen Stahlträgerbau und die Bühneneinrichtung speziell für die Darstellung wissenschaftlicher Sachverhalte. Besonders arrangierte „Szenische Vorträge“ zauberten Sonnenauf- und untergänge, schwerfällig wankende Saurier in üppigen fossilen Wäldern und Sümpfen auf die Bühne. Bedeutende Bühnenmaler aus Berlin und Wien verzückten mit ihren fantasievollen und technisch raffiniert ausgestatteten farbigen Bildern. Schauspieler von Berliner Theaterbühnen verdienten sich mit den Rezitationen der geschriebenen und später gedruckten Vorträge ein Zubrot. Monatelange Gastspiele des „wissenschaftlichen Theaters“ in der New Yorker Carnegie Hall und in Philadelphia begeisterten das Publikum des prosperierenden Amerika. Kaum eine Weltausstellung, auf der nicht die Berliner Urania mit belehrenden und dekorativen Vorträgen brillierte.

Um die Wende zum 20. Jahrhundert erwies sich der Bau in der Invalidenstraße als zu klein. Max Wilhelm Meyer war besonders den ökonomischen Anforderungen nicht mehr gewachsen und verließ die Urania, die in der Taubenstraße in Mitte ein neues, größeres und technisch noch perfekteres Domizil fand. Nun gab es erste Farbdiavorträge, wenig später auch Filme. Schnell wurde auch dieses Haus eine gute Adresse für die bildungswütigen Berliner. Selbst Kaiser Wilhelm II. stattete mit Zar Nikolaus I. dem Haus einen Besuch ab und überzeugte sich von den Vorzügen der „Fotos in natürlichen Farben“. Sogleich enstanden in Moskau und Petersburg Ableger der Berliner Einrichtung, weitere deutsche und europäische Städte folgten. Reihenweise wurden Schulklassen in die Theater- und Vortragssäle geschleust.

Auf einer zweiten Bildungsebene diente die Urania auch als Forum für Medizin- und Naturwissenschaftler. In exklusiven Vortragsreihen, unter anderem von Nobelpreisträgern – 19 sind mit Namen bekannt –, informierten Wissenschaftler über die neuesten Erkenntnisse ihrer Arbeit. Doch 1928 war Schluss. Denn nur noch 7000 Reichsmark schossen die Berliner Bildungsbehörden zum weiteren Betrieb zu. Die Pleite der Urania Aktiengesellschaft war nach 40 Jahren perfekt. Das Haus in der Taubenstraße hatte die Möglichkeiten der Aktionäre überfordert. Moderne Medien, Filme und Rundfunk, später das Fernsehen, waren zwar noch beliebte Themen von Experimentalvorträgen, die aber ungewollt das Ende einläuteten.

In den Vorkriegs- und Kriegsjahren des Zweiten Weltkriegs tingelte die Urania als „Verein für volkstümliche Naturkunde“ durch verschiedene Veranstaltungssäle in Berlin. Nach 1945 suchten Enthusiasten die baulichen und geistigen Reste der Berliner Einrichtung ausfindig zu machen. Aus den Ruinen in der Invalidenstraße bargen sie den Bamberg-Refraktor, der auf dem Berliner Insulaner eine neue Heimstatt fand. Restbestände der Bibliothek landeten in der Berliner Archenhold-Sternwarte, ebenso wie der Refraktor, mit dem der Astronom Witt 1898 den Planetoiden Eros entdeckte.

Heute knüpft die Urania an den Pioniergeist mit einem respektablen Gebäude und einem Programm an, indem sich auch die Nobelpreisträger gelegentlich wieder die Klinke in die Hand geben.

In Zusammenarbeit mit dem ARD- Hauptstadtstudio startet die Urania im Mai die Reihe „Die Urania und Berlin“ mit Vorträgen und Führungen an geschichtlich bedeutsamen Orten des Bildungsvereins. Weitere Informationen: www.urania.de

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar