Zeitung Heute : Fenster zur Freiheit

Die polnische Jazz-Szene setzt in Europa deutliche Akzente

Bojan Krstulovic

Kaum eine Kunstform ist im globalen Bewusstsein so auf ein Land beschränkt wie der Jazz. Auch der Jazz aus Polen hat es auf ausländischen Märkten schwer gegen die übermächtige US-Amerikanische Jazz-Kultur. Und doch ist es ihm gelungen, zumindest in Europa zu einer eigenen Marke zu werden.

„Jazz aus Polen hat schon lange eine große Bedeutung, für die Musiklandschaft in Deutschland, aber auch zum Beispiel in den skandinavischen Ländern“ sagt Nils Landgren, künstlerischer Leiter des Jazzfests Berlin, bei dem Polen in diesem Jahr im Mittelpunkt stehen wird. „Musiker wie Tomasz Stanko haben Generationen von europäischen Musikern inspiriert. Sie besitzen einen ganz eigenen Ton, eine eigene musikalische Dialektik.“

Die Polen selbst sind stolz auf ihren Jazz und sehen sich als Jazz-Nation. Das könne man nur verstehen, wenn man sich die Situation in Polen zu Zeiten des Kommunismus vergegenwärtige, meint Jacek Glaszcz, Musikexperte des Polnischen Instituts in Berlin. „Da bot der Jazz ein Fenster zur Freiheit, über den eisernen Vorhang hinweg.“ Man habe aber nicht nur das aufgenommen, was an US- Jazz jeweils aktuell war.

„Unser Jazz war und ist etwas Eigenes. Ein wenig lyrisch, ein wenig romantisch, in stets neuen Interpretationen und Arrangements.“ Und es gäbe Tausende junge talentierte Musiker, etwa von der Jazz-Schule in Kattowitz, die eine relativ ausgebaute Klub-Szene in Polen vorfänden. In Berlin veranstalte er oft Konzerte in den Jazz-Clubs A-Trane und Quasimodo und kann bestätigen, dass man auch mit schwer auszusprechenden Namen Jazzfans erreichen kann. „Alle Konzerte sind ausverkauft, das Publikum zeigt sehr großes Interesse.“

Da er sich nicht wie die Pop-Musik musikalischer Schablonen bedient und ein aktives Hören fordert, hat es der Jazz naturgemäß schwer, ein breites Publikum zu erreichen. Das ist auch in Polen so, wo es aber immer wieder Musikern gelingt, nationale Berühmtheit zu erlangen. Krzysztof Komeda hat für den Jazz in Polen eine vergleichbare identitätsstiftende Bedeutung, wie Frédéric Chopin für die klassische Musik, und ist jedem Polen ein Begriff. Tomasz Stanko ist einer der wenigen europäischen Weltstars des Jazz. Eine Generation jünger als Komeda, zeichnet den Trompeter besonders sein melancholischer, „schmutziger“ Ton aus. Gegenwärtig ist auch der Pianist Leszek Mozdzer in aller Munde. Sein neues Jazz-Album hat es auch in die deutschen Charts geschafft und heißt schlicht „Komeda“ – die kreative Verbeugung vor dem Altmeister gehört zu jeder runden polnischen Jazzkarriere.

Die Jazz-Landschaft in Polen hat inzwischen ein solches Niveau erreicht, dass man sie nicht mehr auf einen gemeinsamen Nenner bringen kann, wie etwa die Verbundenheit zu Komeda. Interpreten wie die Sängerinnen Anna Maria Jopek und die junge Aga Zaryan oder der Saxophonist Adam Pieronczyk stehen ebenso für das Weltformat der Szene wie etwa die Brüder Marcin und Bartlomiej Oles – mit kunstvollen Rhythmen, nur mit Kontrabass und Schlagzeug, führen sie den Jazz an seine kammermusikalischen Grenzen heran.

Das Trio Pink Freud wiederum verbindet verschiedenste Musikrichtungen und lässt sein Publikum zu den eigenen Improvisationen abtanzen.

Im Windschatten dieser vielfach preisgekrönten Musiker gedeiht in den Jazz-Clubs in Kattowitz und anderen polnischen Städten eine lebendige und undogmatische Jazz-Szene, die zwischen Mainstream und Avantgarde alle Nuancen des Jazz bedient und auch in der Zukunft Polens Ruf als „jazzigstes“ Land Europas bekräftigen dürfte. Bojan Krstulovic

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