Fensterschmuck : Die Gardinenpredigt

Deutsche ziehen gern ihre Vorhänge zu. Unser Autor hat gar keine - und gibt dabei mehr preis, als ihm lieb ist. Eine kleine Offenbarung.

Nicht überall ersetzt die Vegetation vor dem Fenster klassische Gardinen.
Nicht überall ersetzt die Vegetation vor dem Fenster klassische Gardinen.Foto: dpa

Die lustigste Meldung zum Thema produzierte der britische Polizeiverband. Jeder Bürger wurde im Jahre 2010 von der Association of Chief Police Officers aufgefordert, sich zu melden, wenn ihm etwas verdächtig vorkäme. Leute zum Beispiel, die nie mit ihren Nachbarn sprächen und immer bar bezahlten. Und - noch verdächtiger - jene, die stets die Vorhänge geschlossen hielten. Vor allem, und das ist am allerallerverdächtigsten, wenn das Haus an einer Buslinie läge.

Wenn das so ist, dann hätte ich sie anzeigen können. Frau Ulrich hatte ihre Vorhänge stets geschlossen, bis auf einen Spalt. Frau Ulrich war die Vermieterin in jenem Haus, in dem ich aufgewachsen bin - und sie wusste alles. Ob ich nach Hause kam, wann ich nach Hause kam, mit wem ich nach Hause kam. Wann der Bus kam, wusste sie natürlich auch. Offenkundig beobachtete sie ihre Nachbarschaft ganz genau. Sie tat das aus der abgedunkelten Wohnung heraus durch den fast geschlossenen Store. Manchmal sah man, wie er sich bewegte.

Als ich die Meldung las, stellte ich mir vor, wie ein maskiertes Anti-Terror-Kommando die Wohnung von Frau Ulrich stürmte. Gott, die Ärmste. Natürlich gab es in Großbritannien einen Aufschrei. Wahrscheinlich gibt es dort auch vollkommen unbescholtene Frau Ulrichs, deren einziges Vergehen in unbändiger Neugierde besteht. Es hagelte jedenfalls Beschwerden, und der Spot wurde zurückgezogen. Die Chief Police Officers entschuldigten sich, obwohl, wie sie ein wenig nölig hinzufügten, ihr Aufruf zur "Sensibilisierung" ja auf gesicherten Erkenntnissen der modernen Anti-Terror-Forschung basiere.

Ein Stück Stoff im Fadenkreuz der Terrorfahnder: Die Gardine hat wirklich einen langen Weg hinter sich. Vor gut 100 Jahren war sie noch das unangefochtene Symbol einer gutbürgerlichen Wohnung - komplett mit Stores und Seitenschals. Möglichst dick, möglichst blickdicht, denn die Wahrung der Intimsphäre war seinerzeit die wichtigste Aufgabe der Gardine. Alles andere galt als unschicklich.

Gardinenveredlung in Gera. Eine aussterbende Branche?
Gardinenveredlung in Gera. Eine aussterbende Branche?Foto: dpa

Doch schon damals regte sich Widerstand. Georg Hirth, Mitbegründer der Zeitschrift "Jugend", dem Sprachrohr des Jugendstils, schimpfte, dass die "Wolken aus Baumwolle" die Menschen "zu Höhlenbewohnern degradieren". Die Moderne rechnete schließlich gründlich mit der Gardine ab. Wobei diese Moderne auch schon ganz schön alt ist. Jedenfalls befand der Architekt Bruno Taut bereits 1924 in seinem Essay "Die neue Wohnung", wenn "alles, aber auch alles, was nicht direkt zum Leben notwendig ist, herausfliegt, stellt sich von selbst eine neue Schönheit ein".

Taut meinte nicht nur den zeitüblichen Nippes, nein, "die neue Bewegung", schreibt er weiter, dulde "nichts, was dem Raum seine Eigenschaft als Raum nimmt". Das muss also alles weg, und Taut zählt auf: "Gardinen, Stores, Übergardinen, also Vorhänge, die über den Zweck des Vorhanges an Menge und Umfang hinausgehen".

Rote Gardinen im roten Trakt, blaue im blauen

Taut war ein Großer der Zunft und viele eiferten ihm nach, tun es heute noch. Jean Nouvel zum Beispiel, französischer Stararchitekt, der in Berlin für die Galeries Lafayette verantwortlich zeichnete. Er schreibt den Nutzern einiger von ihm entworfener Gebäude in der Hausordnung vor, dass Gardinen verboten sind. Und wo sie es nicht sind, wie in Nouvels Nemausus, einem sozialen Wohnungsbau in Nîmes, errichtet 1989 und eines seiner berühmtesten Werke, ist die Farbe vorgeschrieben. Rot im roten Trakt, blau im blauen.

Falls es in Frankreich keine Provokation war, in Deutschland wäre das eine gewesen. Ebenfalls 1989 hatte der Soziologe Alphons Silbermann in seiner zweiten großen Studie zum Wohnverhalten der Deutschen herausgefunden, dass die Gardine im Wohnzimmer größere Zustimmungsraten hatte als der Fernseher. Angeblich sagten 83 Prozent "ja" zum Vorhang und nur 81 Prozent "muss ich haben" zum Fernseher. Was ein bisschen ungerecht war, denn der Fernseher hatte in Gestalt von Marianne Koch zur Verbreitung der Gardine beigetragen.

Manchmal entdeckt die Polizei zu spät, was sich jahrelang hinter Gardinen abgespielt hat.
Manchmal entdeckt die Polizei zu spät, was sich jahrelang hinter Gardinen abgespielt hat.Foto: dpa

Marianne Koch, älteren Zuschauern als weiblicher Ratefuchs in der langlebigen Quizsendung "Was bin ich?" bekannt, warb in den 70er und 80er Jahren in einem legendären Fernsehspot für die Ado-Gardine, deren Markenzeichen die Goldkante war: ein eingewirkter Goldfaden in Höhe jenes Bleibandes, das der Gardine zum strammen Fall verhilft. Während Marianne Koch den Kaffee servierte, starrten ihre drei weiblichen Gäste die Gardine an, bis eine schließlich "wunderschön" stammelte.

Der Spot war ein Hit. Die Firma Ado, gegründet 1954 im emsländischen Aschendorf, wurde erst in Europa und dann in der Welt Marktführer, was sie nach Aussage der Ado-Pressestelle noch heute ist. Der zweite Garant für den einwandfreien Zustand der deutschen Gardine war ebenfalls fernsehbekannt: Hoffmanns Gardinen-Neu, das in seinem Clip den fiesen Gilb bekämpfte. Wenn man nicht aufpasste, machte der Gilb aus einem schlohweißen Store nämlich schnell den zahnsteinfarbenen Schrecken der Hausfrau.

Deutschland war Gardinen-Land.

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