Zeitung Heute : Fernlenken

Wie eine Berlinerin, West, die Stadt erleben kann

Ariane Bemmer

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Mit dem Alter ändern sich viele Vorlieben, man wird gesetzter, träger. Als Kind hüpfte ich gerne Springtau und rannte um die Wette, als Teenager spielte ich Tennis und schickte vorgedruckte Protestbriefe von Greenpeace an fast alle Regierungen Asiens und Afrikas. Als Erwachsene sitzte ich meist auf meinem quietschenden Sofa, blättere in Illustrierten, bis meine Lieblings-TV-Serie anfängt. Ab und an habe ich den Eindruck, dass ich mich der Trägheit des Alters ergebe und nicht mehr begeisterungsfähig bin.

Jüngst aber entdeckte ich ein neues Steckenpferd, dass zwar jugendliche Begeisterungsfähigkeit vermittelt, aber keine große körperliche Flexibilität erfordert. Ich fand es beim Einkaufen von Weihnachtsgeschenken für meine Neffen. Neben der Kasse in der Elektroabteilung von Karstadt am Hermannplatz stand ein Korb voller kleiner fernsteuerbarer Autos zu 9,99 Euro. Off-Road-Racer, stand in feuerroten Farben auf dem Plastik. Inklusive Anlass- und Bremsgeräusch. Die Autos waren entweder ein Jeep in Silber oder ein Jeep im Zebralook oder ein silbernes Rennauto. Ich kaufte das silberne Rennauto. Für den älteren.

Den Rest des Tages lief ich unruhig um das Rennauto rum und riss schließlich die Plastikverpackung runter. Die Batterien hatte ich schon gekauft. Ich steckte sie in die Fernsteuerstation, drehte die Antenne rein und stülpte das Auto auf zwei passende Stecker an der Station zum Akku-Aufladen. Mindestens zwei Minuten sollte man warten. Ich glotzte auf die Uhr. Dann setzte ich den silbernen Flitzer vorsichtig auf den Boden und drückte auf eine von vier roten Tasten. Das Auto gab ein quakendes Geräusch von sich, wahrscheinlich der Anlasserton, und peste so schnell los, dass ich „Huch!“ rief und auf eine andere Taste drückte. Da machte es wieder ein quakendes Geräusch, wahrscheinlich die Bremsen, und blieb stehen. Ich war begeistert. In den nächsten 30 Sekunden ließ ich meinen Off-Road-Flitzer in großen Schlangenlinien hin- und hersausen, dann war der Akku leer. Ich lud das Auto wieder auf und ließ es weiter fahren, um mich herum oder gegen die Wand. Der Akku wurde immer schwächer, ich musste immer öfter nachladen. Nach fünf Ladezyklen war mein Off-Road-Racer war im Eimer. 9,99 Euro – und nicht mal eine Stunde ferngesteuertes Autovergnügen. Empörend. Wie gut, dass ich das nicht meinem Neffen geschenkt habe. Das hätte ja ein Gejammer gegeben. Zweimal rum um den Tannenbaum und dann ab in die Mülle? Na hör mal, liebe Tante.

Nun stand ich also wieder da ohne Geschenk für das Kind, aber da flatterte mir ein Lidl-Prospekt ins Haus. Neben Fernsehern für nur noch 249 Euro bietet der Discounter jetzt auch ferngesteuerte Autos mit 2-Kanal-Funksteuerung. Fünf Modelle (Opel, BMW, Mini, Porsche und Mercedes) mit zwei Frequenzen. 29,99 Euro. Das muss für mindestens drei Stunden Weihnachtsunterhaltung reichen. Viel länger interessiert sich Heiligabend ohnehin kein Kind für ein Geschenk. Ich bin aus dem Schneider.

Per Funk ferngesteuerte Modell-Autos gibt’s in allen Lidl-Märkten. Ich hoffe, sie funktionieren.

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