Zeitung Heute : Fernseh-Talk im Kirchturm

Michael Burucker

Wie nennt man das Publikum der "ersten deutschen Kirchentalkshow" die "Phoenix" am Mittwoch ausstrahlte? Gemeinde? Andächtige? Sie jedenfalls wollen den arbeitsfreien Sonntag nicht missen, wer anderes will, sei "vom Teufel gebissen", reimen handgeschriebene Pappschilder. Anderes wollen die vom Teufel Gebissenen Günter Rexrodt und der Berliner Kaufhauskönig Peter Dussmann. Sie müssen deshalb, immer wenn sie die Worte "Sonntag" und "arbeiten" verwenden, geharnischte Buh-Rufe aus den Kirchenbänken ertragen.

Sollte daraus Gewohnheit werden, kommen auf Pastoren harte Zeiten zu. Nein, nicht an eine aseptische "Christiansen"-Runde, eher an eine alte, rauchgeschwängerte "Drei nach Neun"-Talkshow erinnert der rustikale Tisch mit der Wachstuchdecke, die Backsteinwände der hannoverschen Marktkirche und die lange Debatte zum Thema "Arbeit rund um die Uhr". Nur an Kirche erinnert nichts mehr. Das mag niemanden stören, sind Sakralbauten doch längst auch für den Raver eine "geile Location", haben einst Kreuzberger Hausbesetzer dort gestritten und bekanntermaßen hat eine deutsche Revolution mit konspirativen Kirchentreffs begonnen. Und kam nicht mit Jesus und den Pharisäern die überhaupt erste Talkshow aus dem Tempel? Hier aber schienen Ort, Thema und Mittel in einem offensichtlichen Missverhältnis zu stehen. Ziel der Kirchenoberen wie dem teilnehmenden EKD-Ratsvorsitzenden Manfred Kock ist es, mit dem Sonntag ein Refugium der Andacht, Stille und des Innehaltens zu bewahren und den Menschen vor der totalen Säkularisierung seiner Lebenswelt zu schützen.

Solche Refugien fand er bisher an Orten, wo sich nicht unter Fernsehscheinwerfern Zeitgenossen Meinungen um die Ohren brüllten, keine Disco lärmte, wo allenfalls geflüstert wurde. Kurz, wer dem Markttreiben einen Augenblick entfliehen wollte, der schloss das Portal einer Marktkirche hinter sich. Nun muss er damit rechnen, dass ihm dahinter ein Jürgen Fliege das Mikrofon unter die Nase hält und seine Meinung zum Ladenschlussgesetz begehrt. Die telegene Streitkultur, die die evangelische Kirche im Gefolge von "Fliege" nun für sich entdeckt zu haben glaubt, ist ja gerade Teil des Weltenlärms, zu dem sie Alternative sein will. Das kann sie nicht sein, wenn sie sich dem Zeitgeist mit Talkshows und Marketingkonzepten andient.

Nicht die Säkularisierung des Sonntags ist ihr Problem, sondern ihre eigene schleichende Verweltlichung. Neben der "Phoenix"-Talkshow "Tacheles" ist bereits eine "bunte Musikshow" geplant. Die Kirche verhandelt mit dem Leibhaftigen selbst: Dem Privatfernsehen.

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