Zeitung Heute : Fernsehen – ein ironisches Medium

Der Tagesspiegel

Hat Ihnen Ihr Schwiegersohn-Image bisher mehr geschadet oder genutzt?

Im Fernsehen wird keiner erwachsen, der nicht schnell anfängt, sich nicht mehr mit seinem Image zu beschäftigen. Ich habe früh gedacht, es ist großartig, dass ich nicht für das genommen werde, was ich bin. So weit kann ich die Beine gar nicht spreizen, wie ich es müsste, um von der Öffentlichkeit registriert zu werden. Wenn sich mein Image durch mein Erscheinungsbild abzeichnet, konfirmantisch, unschuldig: Prima! Umso lasterhafter kann man sein, umso dichter ist der Paravent, hinter dem man sich bewegt.

Zu vielen Künstlern, allen voran zu dem Pianisten Michel Petrucciani, unterhielten Sie private Freundschaften. War das bei der Zusammenarbeit förderlich oder störend?

In „Willemsens Woche“ symbolisierten meine Gäste verschiedene Farbtöne. Also sah ich in der Gesprächsform des Flirts, der Freundschaftsadresse, der eingeweihten Konversation auch Farben. Warum muss ich Gäste immer mit der selben langweiligen Distanz, der selben Art pseudokritischen Hinterfragens konfrontieren? Bei Freunden bin ich in deren Arbeitsleben stärker involviert als bei anderen. Wenn freundschaftliche Beziehungen dazu führen, dass man das Beste aus diesen Gesprächen einem Publikum vermitteln kann, ist die Freundschaft ein großes Plus. Wenn man den Freund an hundert Stellen schonen muss, wird das Gespräch holzig. Ich habe beides erlebt und Freunde vor der Kamera schätzen als auch fürchten gelernt.

Bilden eigene Erfahrungen den Grund für den definitiven Rückzug?

Mein Vertrag mit dem ZDF wäre noch weitergelaufen. Die Entscheidung, dass irgendwann Schluss sein muss, ist gefallen. Ich kann nicht auf Lebenszeit Hebamme für andere sein. Das Publikum moniert, wenn stets die selben Gäste erscheinen. Und trotzdem konfrontiert Kerner immer die selben Leute mit den ewig gleichen Fragen. Ich frage mich wie viele Ann Kathrin Kramer-Interviews ich noch innerhalb einer Woche sehen muss.

Worauf bezieht sich Ihre Kritik? Entzieht sich das Fernsehen seiner Verantwortung?

Ja. Der Rundfunkstaatsvertrag ist eine Satire gegenüber dem Programm, das durch ihn abgedeckt wird. Ja, Fernsehen ist einheitlich, happyend-fixiert und keine Grundversorgung, keine Verständigung gesellschaftlicher Minderheiten, keine Bildungsanstalt. Es sendet alles, was mehr als zwei Handlungsstränge hat, jenseits von 22 Uhr. Das alles muss man sagen, alles andere ist Schwindelei. Es geht ausschließlich um Quote und Kohle. Wer sagt Herrn Struve, dass nach 20 Uhr ARD und ZDF keinen Cent mehr dadurch verdienen, dass sie eine höhere Quote haben? Ich halte Fernsehen heute weitgehend für ein ironisches Medium.

Sind Sie optimistisch, dass man zu einer Kommunikationskultur zurückfinden wird?

Ich bin in keiner Weise optimistisch, schon empirisch gesehen nicht, weil ich zu lange darauf hoffe, es könnte sich etwas bewegen. So lange das Fernsehen so marktorientiert denkt wie momentan, wird es die Möglichkeit der größtmöglichen Vielfalt nicht erfüllen. Kommunikation, Aufklärung und Bildung sind Begriffe für Feiertagsreden und Leitartikel, aber keine Fernsehpraxis.

Ihre jüngste Veröffentlichung ist die Hörspielfassung der Essay-Sammlung „Deutschlandreise“, ein Protokoll von Beobachtungen aus Ihrer Heimat. Beenden Sie Ihr öffentliches Leben bewusst mit dieser Arbeit?

Das ist wirklich ein Zufall. Ich bereite den Ausstieg aus dem Fernsehen schon ziemlich lange vor. Wenn man eine Firma hat, dann ist das wie ein Tanker. Man bremst heute und hört in einem Jahr auf zu arbeiten. Beim Reisen hatte ich das Gefühl nachzugucken, wovon ich mich verabschiede. Nun weiß ich viel mehr über das Land, in dem ich lebe, das Land, wo mein Bild angekommen ist.

Was gefällt Ihnen am Beruf des Autors, der nun im Mittelpunkt Ihres Lebens stehen wird?

Der Autor führt ein vielfach privilegiertes Leben, so lange er sich davon ernähren kann. Er befindet sich im fortgesetzten Erregungszustand, weil er alles zu Schrift verarbeiten kann und ihn die Genauigkeitsanstrengung produktiv hält. Wenn ich aufhöre zu glauben, dass das wirkliche Wirken eine öffentliche Resonanz haben muss, bin ich glücklich.

Ihre letzte Moderation, die philharmonische Abschlussgala der lit.Cologne haben Sie jetzt hinter sich. Was nun, Herr Willemsen?

Ich habe mit Freude auf den Fall des letzten öffentlichen Vorhangs gewartet. Nun soll ich einen Film machen, ein Theaterstück schreiben und selbst inszenieren, habe zwei Buchverträge zu erfüllen. Ferner habe ich mehrere europäische Städte vor Augen, die ich immer schon bewohnen wollte. Allem, was kommt, sehe ich mit Glück entgegen.

Das Gespräch führte Felix Mauser.

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