Zeitung Heute : Fernsehen im Netz

JANA GALINOWSKI

Wie lange brauchen wir noch einen Fernseher? Multimedia-Experten prophezeien die Konvergenz von Internet und Fernsehen - das wird ein Hauptthema der nächsten Funkausstellung sein. So, wie wir das Fernsehen kennen, hat es bald ausgedient, sagen die Internetfreaks. Stimmt das wirklich? Erfüllt das Internet den Anspruch, den wir ans Fernsehen haben?

Sicher ist: Immer mehr Filme laufen im Netz, wenn das auch oft noch mehr Wartefrust als Sehlust bedeutet. Beispiel: Ein Mittwoch im Mai zur besten Sendezeit um 20.15 Uhr. Die erste Internet-Talkshow, " Tisch 5 ", soll übers Netz gehen. Der Begrüßungs-Trailer läuft reibungslos über den Bildschirm - abgesehen davon, daß das Bild in Visitenkartengröße unscharf ist und öfters ruckelt. Der Moderator verspricht ein neues Talkshow-Erlebnis, das "wirklich auf Euch User zugeschnitten ist". Beim Begleit-Chat soll sich der Zuschauer einmischen. "Wir sind flexibel und tun das, was Ihr wollt", macht der Moderator interaktive Stimmung. Als die Live-Sendung endlich starten soll, macht das Modem schlapp und sendet erstmal eine Warnmeldung: Die Bandbreite reiche nicht aus. Der Mini-Bildschirm auf dem Monitor bleibt schwarz.

Das Problem: "Tisch 5" wurde, wie die meisten Filme im Netz, per Streaming-Technologie übertragen. Dabei wird die Bilddatei nicht auf den PC geladen und dann abgespielt, sondern der Film läuft schon während des Ladevorgangs. Ist die Bandbreite nicht groß genug, staut sich die Leitung. Je schneller die Internetverbindung, desto schneller die Übertragung, desto besser das Bild.

Mit dem üblichen Modem ist Filmegucken im Internet mühsam, nur der Ton passabel. Die Hoffnung für den Durchbruch von Film und Fernsehen im Netz heißt ADSL (Asymmetric Digital Subscriber Line) - in der Telekom-Version T-DSL. Mit dieser Technologie passieren die Daten mit Highspeed die vorhandene Telefonleitung. "Das Bild wird so gut, daß man Lust hat, ein oder zwei Stunden davor zu sitzen", sagt Kai Knoche von RealNetworks. Ab Juli können sich die ersten T-Online-Kunden in einigen Teilen Berlins mit Hochgeschwindigkeit durchs Netz klicken. Bis 2003 soll "eine weitestgehende Versorgung der Kerngebiete erreicht" sein, so der Plan der Telekom.

Das Streaming-Format ist mittlerweile Standard für Filmübertragung im Netz. Marktführer ist der Real Player von RealNetworks. Über 85 Prozent der Webseiten mit Streaming-Angebot verwenden die Real-Technologie. Bei dieser Übermacht dürfte es Microsoft mit seinem neuen Media Player erstmal schwer haben. Auch Quicktime von Apple, das lange Zeit nur das Herunterladen von Filmen auf die Festplatte erlaubte, ist jetzt mit einer Streaming-Version auf dem Markt. Eine echte Alternative zu Streaming sind Dateien im Flash-Format (von Macromedia). "Ich glaube, Flash hat das Zeug, sich als Multimedia-Basistechnologie durchzusetzen", sagt Bernd Kolb, Vorstandsvorsitzender der Multimedia-Agentur I-D Media AG. "Das Interessante an Flash ist nicht, daß man damit schöne Animationen basteln kann. Flash hat seine Stärke in der Kompression von Daten". Trotz kurzer Ladezeiten haben Flash-Filme eine erstaunlich gute Bild- und Tonqualität. Die Abspielprogramme gibt es kostenlos zum Herunterladen im Netz (www.microsoft.de, ge.realnetworks.de, www.apple.de, www.macromedia.com).

Auch wenn das Internet den Fernseher in nächster Zeit nicht ersetzen wird: Die Anbieter stehen in den Startlöchern, um im Zukunftsmarkt die Nase vorn zu haben. Doch was der Surfer sieht, ist nichts Neues, sondern lediglich ein Recycling des "alten" Mediums. Interaktivität beschränkt sich auf E-Mails und Chats. Optik und Inhalt gleichen dem, was auf dem TV-Bildschirm zu sehen ist. Die Sender versuchen, im neuen Medium zumindest präsent zu sein. Mit einer Homepage, Programminfos, Chats und manchmal sogar kurzen Clips. Wer " Tagesschau " oder "Tagesthemen" verpaßt hat: Auf der Homepage sind die kompletten Sendungen abrufbar, genauso wie die Nachrichten von RTL und der Deutschen Welle.

News-Junkies verpassen im Netz sowieso nichts: Der Nachrichtensender n-tv ist als Pilotprojekt seit Mitte März live im Internet zu sehen - inklusive Börsenlaufband im Mikroformat. Eine Kannibalisierung des Fernsehens befürchtet n-tv nicht. "Das Internet ist keine Konkurrenz zur herkömmlichen Übertragung, sondern ein Zusatzangebot", sagt n-tv-Sprecherin Catrin Glücksmann. "Das Programm kommt zum Zuschauer". Zum Beispiel dahin, wo meistens kein Fernseher steht. Wer im Büro kein TV-Gerät hat, hat in der Regel einen PC auf dem Schreibtisch und kann sich Web-TV anstellen. Allerdings ist Fernsehen im Büro nicht so einfach: Viele Unternehmen schützen ihre internen Netzwerke durch Firewalls (Sicherheitsmauern). Und die lassen meist keine Streamingdateien durch.

Auch die ersten Internet-Sender gehen an den Start und produzieren eigene Programme. Sie setzen, wie beispielsweise TV1 , auf Business-News: Die Übertragung von Hauptversammlungen oder Reden sind Programmschwerpunkt. Ein Highlight war ein Chat mit Johannes Rau: Neben den Fragen und Antworten im Textformat war Rau während des einstündigen Chats auch zu sehen - wie er auf dem Laptop die Antworten tippte. Unterhaltungsangebote sind im Netz bislang dünn gesät. Die Webseiten der TV-Shows beschränken sich auf Chats und Infos zur Sendung.

"Wochenshow"-Fans können sich eine Reihe von Sketchen im RealVideo-Format online anschauen. Sportbegeisterte bekommen bei ran-online oder der "Sportschau" erst im Nachhinein die aktuellen Spielergebnisse und Clips aus den Sendungen auf den PC-Bildschirm. MTV hat sogar ein eigenes Programm fürs Netz. " M2 " sendet rund um die Uhr Videos, Konzerte und Interviews.

Der Zuschauer soll das Programm mitgestalten und kann Videos für eine Stunde Programm aussuchen. Ein Vorteil vom Netz: Auch ausländische TV-Stationen sind online zu sehen. Das amerikanische CourtTV sendet zum Beispiel Gerichtsverhandlungen live im Netz. AENTV , Alternative Entertainment Network, zeigt echte Raritäten: ein Interview mit Orson Welles, eine "Sonny & Cher Comedy Hour" von 1971, oder auch ein Horrorfilm-Special.

Für Cineasten ist das Netz keine ergiebige Fundgrube. Die Seiten der Filmverleihe sind langweilig, zu sehen ist höchstens mal ein kurzer Trailer als Vorgeschmack auf den Kinobesuch. Das könnte sich bald ändern: Am 5. Mai feierte zum ersten Mal ein Film seine Premiere im Netz. Ifilm Network übertrug "Dead Broke" auf seiner Homepage und gleichzeitig in einem New Yorker Kino.

In der Zwischenzeit können Surfer im Kurzfilmarchiv stöbern und die Clips online anschauen. Spannend ist auch die Homepage von "Atomfilms": Seit März entsteht dort eine Plattform für Kurzfilme, von Musikvideos über Cartoons bis hin zum Oscar-nominierten Kurzfilm. Zuschauer können nicht nur Kritiken und Anregungen loswerden. Zur "Star Wars"-Filmpremiere veranstaltete Atomfilms einen Wettbewerb. Fans konnten ein Skript für eine "Star Wars"-Parodie einreichen. Siegerprämie: Der Film wurde digital produziert und am 4. Juni auf der Atomfilms-Homepage gezeigt.

Richtig Spaß macht das Zuschauen im Internet, wenn nicht herkömmliche Inhalte ins neue Medium verfrachtet werden. Fürs Netz produzierte Filme oder Animationen bieten oft eine überraschende Optik. Witzige Kurzgeschichten und eine eigenwillige Gestaltung heben das Angebot vom üblichen ab. Sehenswert sind die Seiten von Camp Chaos , Honkworm und Debreuil . Oder auch Cratervalley : Der "Soap-Cartoon" spielt auf dem Campus der (fiktiven) Cratervalley University. Alle zwei Wochen gibt es eine neue Episode mit den fünf Hauptcharakteren, eine Uni-Zeitung, Gewinnspiele.

Nur interaktive Inhalte hätten eine Zukunft im Netz, prognostiziert Bruce Barlag, Erfinder von Cratervalley: "Die Nachfrage nach originären Inhalten, die nicht passiv, sondern interaktiv sind, wird steigen". Barlag vergleicht das Verhältnis Internet/Fernsehen mit dem Sport: Baseball, Football, Hockey verlieren Zuschauer, Inline-Skating und Snowboarden werden immer beliebter. Die Konsequenz für Barlag: "Die Leute wollen beim Internet dabeisein - dasselbe gilt für die Unterhaltung". Solange das Fernsehen da mitkommt, wird es vom Internet nicht ganz verdrängt werden.



weiteres Netz-TV

www.broadcast.com

www.mediaweb-tv.de

www.internet-tv.de

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben