• Fertighäuser: Für preisbewusste Individualisten - Ein Unternehmen aus Brandenburg baut ökologische Häuser nach Maß

Zeitung Heute : Fertighäuser: Für preisbewusste Individualisten - Ein Unternehmen aus Brandenburg baut ökologische Häuser nach Maß

Jörn Pestlin

Der Stiefvater von Susanne Vulturius ist extra aus Leipzig angereist, um das Ereignis mit seiner Videokamera festzuhalten. Schließlich baut man nicht jeden Tag ein Haus - und an einem halben Tag schon gar nicht. In zwölf Stunden soll die 154 Quadratmeter große "Villa Sonnenschein" der SFH Systemfachwerkhaus GmbH stehen. Beziehen können die Vulturius ihr neues Heim dann allerdings noch nicht. Aber wenn die Zimmerleute am Abend ihr Werkzeug zusammenpacken, hat das Haus ein Dach und ist regendicht, wie Steffen Brünner, Vertriebsleiter der SFH, versichert. Für den Innenausbau veranschlagt die Fertighausfirma noch einmal drei bis vier Wochen.

Mit dem Gedanken an die eigenen vier Wände tragen sich die Vulturius schon seit einigen Jahren, "an ein Fertighaus dachten wir dabei aber überhaupt nicht", sagt Susanne Vulturius, "eigentlich eher an ein großes altes Haus, und ökologisch sollte es auch sein". Dieser Traum sprengte aber das Budget der beiden Psychiater. Mit der preiswerteren Alternative eines Reihenhauses auf der "grünen Wiese" konnten sie sich aber auch nicht anfreunden. "Erst die Kinder morgens mit dem Auto in die eine Richtung zur Schule fahren und dann in die entgegengesetzte Richtung zur Arbeit", so wollten sie sich ihr künftiges Leben nicht vorstellen.

Wenn sie schon auf den Charme eines alten Hauses verzichten müssen, dann wollten die Vulturius für sich und ihre drei Kinder - das vierte hat sich angekündigt - zumindest einen "ökologisch korrekten" Neubau. Ihr Haus soll nicht nur wenig Heizenergie verbrauchen, sondern auch aus öko-logisch produzierten und schadstofffreien Baustoffen bestehen.

Der Markt für sogenannte "Öko- oder Bio-Häuser" ist für Laien nur schwer zu durchschauen. Die Anbieter von Fertig- oder Massivhäusern benutzen diese Bezeichnungen recht willkürlich. Bislang gibt es keine einheitliche Definition, was eigentlich ein "Öko-Haus" ist. Allein das verwendete Baumaterial sagt wenig über den Charakter eines Hauses aus. So ist zum Beispiel ein Holzhaus nicht automatisch "öko". Das hängt vielmehr davon ab, ob und mit welchem Holzschutz- und Imprägniermittel der Hersteller gearbeitet hat. Holz, was über weite Entfernungen transportiert oder im Raubbau eingeschlagen wurde, verdient auch unbehandelt nicht das Prädikat ökologisch.

Um unter den zahllosen Angeboten das richtige "Öko-Haus" aufzuspüren, hatte Holger Vulturius sich über ökologische Baustoffe und auch über die technischen und baulichen Möglichkeiten zur Energeieinsparung belesen: "So ungefähr wussten wir, was wir wollten", sagt der Bauherr.

Auf den Fertighausanbieter SFH ist er zufällig in einem der vielen Anzeigenblättchen gestoßen. Von ihrem ersten Kontakt zu dem Unternehmen im Juli 1999 berichtet das Ehepaar noch heute mit einer gewissen Bewunderung. "Ich hatte einer Mitarbeiterin der Firma unsere Vorstellungen am Telefon kurz geschildert", erzählt Holger Vulturius, "schon am nächsten Tag hatten wir ein Angebot mit Grundrissen im Briefkasten und irgendwie war es genau das, was wir uns vorgestellt hatten." Auch wenn das Paar sich letztendlich für einen anderen Entwurf entschieden hat, "mit dem prompten und auf unsere Wünsche zugeschnittenen Angebot, haben die uns geködert", sagt die Bauherrin mit einem leichten Schmunzeln.

Das Haus für die Familie Vulturius ist das sechzigste in der noch jungen Firmengeschichte der SFH. Seit 1996 produziert und vertreibt das Unternehmen aus der Stadt Brandenburg ökologische Fertighäuser. Die Angebotspalette reicht vom Bungalow, über Einfamilienhäuser bis zum Kindergarten.

Bei der Gestaltung des Hauses und der Grundrisse sowie der Wahl der technischen Ausstattung hat der Kunde freie Hand. Architekten entwerfen nach den Vorstellungen der Kunden die Häuser. "Zu uns kamen schon Leute mit einem Foto von ihrem letzten Feriendomizil in Südfrankreich und wollten genau so ein Haus haben - wir haben es ihnen gebaut", sagt Brünner. "Als kleines und unabhängiges Unternehmen ohne langfristige Verträge mit Zulieferern und Subunternehmen können wir besser und schneller auf Kundenwünsche und vor allem auf die ständige Weiterentwicklung und Verbesserungen im Bereich der Umwelttechnik reagieren."

Standardmäßig bietet die SFH ihr Produkt als sogenanntes "Drei-Liter-Haus" an. So ein Haus benötigt weniger als 36 Kilowattstunden Heizenergie pro Quadratmeter Wohnfläche im Jahr. Das entspricht etwa einem Verbrauch von drei Litern Heizöl und liegt damit 70 Prozent unter dem Richtwert der zur Zeit noch gültigen Wärmeschutzverordnung. Auch nach der für dieses Jahr angekündigten Novellierung dieser Verordnung unterbietet ein "Drei-Liter-Haus" den Grenzwert noch um 50 Prozent. Auf Wunsch führt die SFH ihre Häuser auch im sogenannten "Passiv-Standard" oder im "Null-Energie-Standard" aus.

Damit ein Haus mit so wenig Heizenergie auskommt, reicht eine gute Wärmedämmung allein nicht aus, effiziente Haustechnik und die gezielte Nutzung von Sonnenenergie ist erforderlich. Die "Villa Sonnenschein" zum Beispiel ist serienmäßig bei einem Preis von 340 000 Mark mit einer automatischen Lüftungsanlage mit über 90-prozentiger Wärmerückgewinnung, einer solarthermischen Anlage zur Warmwasserbereitung und einer Niedertemperatur-Fussbodenheizung ausgestattet. Zusätzlich haben die Vulturius sich für 4000 Mark einen Erdwärmetauscher einbauen lassen. Im Winter wärmt die im Boden gespeicherte Energie die für die Lüftungsanlage angesaugte Luft auf 8 Grad Celsius vor, und im Sommer sorgt das System umgekehrt für kühle Frischluft im Haus.

Die SFH-Häuser sparen nicht nur Energie, sie basieren auch auf überwiegend ökologischen und für die Gesundheit ihrer Bewohner unbedenklichen Baustoffen. Die gesamte Rahmenkonstruktion der Häuser besteht aus unbehandeltem und schadstofffreiem Holz. "Zu 80 Prozent verbauen wir brandenburgische Kiefer, nur für die Dachkonstruktion verwenden wir aus technischen Gründen die wesentlich leichtere skandinavische Fichte", sagt Brünner. Für die Wandbekleidung setzt die SFH keine Spanplatten, sondern besonders stabile Gipskarton- oder Lehmplatten ein. Diese Baustoffe dünsten keine Schadstoffe aus. Nach Aussage von Brünner ist dies mit ein Grund dafür, dass sein Unternehmen die beste Raumluftqualität der im Bundesverband deutscher Fertigbau e. V. zusammengeschlossenen Fertighaushersteller erzielt.

Sechs bis acht Wochen benötigen die Tischler und Zimmerleute des Unternehmens, um ein Haus wie das für die Familie Vulturius vorzufertigen. In dieser Zeit bauen sie die Decken- und Wandelemente einschließlich aller Fenster und der Haustür und montieren die Wände noch in der Fertigungshalle zu größeren Modulen zusammen. Die Modulbauweise verkürzt die Zeit für den Aufbau des Hauses auf der Baustelle.

"Normalerweise stellen wir ein Haus aus Modulen in etwa sechs Stunden auf", sagt Brünner, "aber auf der Baustelle der Familie Vulturius können wir nicht mit Modulen arbeiten, sondern müssen alle Teile einzelnen abladen und montieren." Denn mit 755 Quadratmetern ist das Grundstück in der Mahlsdorfer Mozartstraße nicht gerade klein, es liegt aber in der zweiten Reihe. In der ersten Reihe, direkt an der Straße, steht ein altes Mehrfamilienhaus, und das Baugrundstück ist nur über eine schmale - für die Module zu schmale - Toreinfahrt zu erreichen. Außerdem stehen auch noch alte, weit ausladende Bäume auf dem Grundstück. Zwischen der Bodenplatte für das Haus und dem Zaun zum Nachbargrundstück bleiben für den Kran und den Tieflader kaum Platz. Das der kleine Apfelbaum mitten auf dem Grundstück trotzdem nicht unter die Räder gekommen ist, sieht Susanne Vulturius als gutes Omen dafür, mit der "Villa Sonnenschein" vielleicht doch eine gute Entscheidung getroffen zu haben.

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