Zeitung Heute : Feste feiern

Robert Ide[Leipzig]

Hunderttausende Fans sind am ersten WM-Wochenende nach Deutschland gereist. Wie haben die WM-Städte den Ansturm bewältigt?


Plötzlich war die Stadt orange. Am Sonntagnachmittag kamen 50 000 Fans aus den Niederlanden in Leipzigs Innenstadt. Mit Bussen und Campingwagen stürmten sie die sächsische Messestadt und tauchten sie in die Farbe ihrer Nationalmannschaft, die im umgebauten Zentralstadion auf Serbien-Montenegro traf.

Zwölf Städte tragen die Fußball-WM aus, und in jeder von ihnen bricht an den Spieltagen der farbenfröhliche Wahnsinn aus. Vor allem Gastgeber europäischer Mannschaften müssen sich auf den Ansturm zehntausender Touristen einstellen, auch wenn diese gar keine Eintrittskarten haben. In Frankfurt am Main drängten sich mehr als 50 000 Fans von der Insel, Tausende standen vor dem Stadion mit Schildern in der Hand: „Need Tickets“.

Die Behörden versuchen, die Fußballfreudigen auf die Fanfeste in die Innenstädte umzuleiten. Doch die Ströme lassen sich nicht immer kontrollieren. Während sich auf dem offiziellen Fanfest vor der Leipziger Oper vor dem Spiel noch Lücken auftaten, war der Platz vor dem Rathaus bereits überfüllt. Das liegt daran, dass alle offiziellen Fanfeste eingezäunt sind und an den Eingängen Kontrollen vorgenommen werden. In Leipzig war es darüber hinaus so, dass die Holländer vor dem Rathaus eine eigene Party mit extra angereisten Volkssängern feierten.

Zur Unterhaltung richten alle Städte Kulturfeste aus, in Berlin treffen sich täglich Hunderttausende rund um das Fanfest am Regierungsviertel. „Ich bin tief beeindruckt, auch davon wie die Gäste aufgenommen werden“, sagte der Sprecher der WM-Städte, Jürgen Kießling. Viele Geschäfte haben länger geöffnet, Durchsagen in öffentlichen Verkehrsmitteln sind mehrsprachig. In München begrüßt Oberbürgermeister Christian Ude die Gäste per englischer Lautsprecheransage. Zuweilen hat die Flexibilität aber noch Grenzen. So waren am Wochenende die Gepäckschalter im Frankfurter Hauptbahnhof gänzlich belegt, der Schalter zur persönlichen Aufbewahrung war wegen des Wochenendes geschlossen. 100 englische Fans nahmen es dennoch mit der persönlichen Aufbewahrung sehr wörtlich: Sie nutzten den Bahnhof in der Nacht zum Samstag als Schlafstätte, weil sie keine Unterkunft mehr gefunden hatten.

Viele Fanfeste kommen ebenfalls an die Grenzen ihrer Kapazität. Beim Eröffnungsspiel Deutschland gegen Costa Rica standen noch 10 000 Zuschauer vor den Toren des alten Olympiastadions, weil die Polizei nicht mehr als 40 000 Fans auf das Gelände lassen wollte. Es flogen Flaschen gegen Polizisten, die Sicherheitskräfte bekamen die Lage aber schnell in den Griff.

Um Hooligans abzuschrecken, kommen an den Spieltagen auch szenekundige Beamte aus den jeweiligen Ländern zum Einsatz. Besonders vor dem EnglandSpiel gab es scharfe Kontrollen rund um das Stadion sowie in der Innenstadt. Bisher blieb es aber in den meisten Städten bei kleineren Auseinandersetzungen. „Es gab nicht mehr Prügeleien als an einem normalen Wochenende ohne Engländer“, sagte ein Polizeisprecher in Frankfurt am Main.

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