Zeitung Heute : Feste fürchten

Wie eine Berlinerin, West, die Stadt erleben kann

Ariane Bemmer

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Als ich meine erste Party gab, war ich 13 oder 14. Ich hängte Tücher vor die Schrankwand mit Klapptisch, verschob Sofas und Tische, kämpfte dafür, dass es mehr Cola und Chips gibt und dagegen, dass meine kleine Schwester mitmachen darf, fürchtete mich vor Absagen, und als dann doch alle gekommen waren, heulte ich, weil ich fand, dass sich keiner richtig amüsiert.

Eine Party zu geben ist eine schlimme Sache. Das weiß ich seitdem. Aber es gibt Menschen, die arbeiten in Firmen, die mit so etwas Geld verdienen. Sie veranstalten Motto-Feste in Clubs, machen Reklame und verteilen Einladungen oder nehmen Eintritt. Da war zum Beispiel eine Party im Club 90 Grad in Schöneberg, die drehte sich um die Pro-7-Serie „Sex and the City“. Die über die vier New Yorkerinnen, die alle eine Macke haben. Und man muss sagen: Die Gäste haben sich viel Mühe gegeben. Jede zweite sah aus wie Hauptfigur Carrie Bradshaw, nur eine sah aus wie Jennifer Aniston aus der Serie „Friends“, die aber immer erst nach „Sex and the City“ lief. Darüber war sie dann wahrscheinlich unglücklich. Jedenfalls war sie sehr schnell betrunken und schon weg, als hinten im bunt leuchtenden Garten des 90 Grad eine Dessous-Modenschau begann, die zum Party-Programm gehörte. Mehrere Models stiefelten in Satin-Unterwäsche auf einer Bühne hin und her, und eine Moderatorin, die sonst im Fernsehen auftritt, sagte den „lieben Männern“, dass sie jetzt mal genau hingucken, wie scharf das aussieht, und dann sollen sie ihren Freundinnen die gleiche Wäsche kaufen. Darüber haben sich alle Frauen, die ohne Männer da waren, entrüstet. Und das waren nicht wenige, weil „Sex and the City“ mehr was für Frauen ist. Über die Getränke wurde auch gemeckert. Sie waren nicht kalt genug. Ob die Veranstalter sich dafür geschämt haben, weiß ich nicht. Ich habe aber nicht gesehen, dass jemand heult, weil sich keiner richtig amüsiert.

Auf einer großen Privatparty ist es mal passiert, dass der mangelnde Amüsierwille der Anwesenden den Gastgeber regelrecht in die Raserei getrieben hat. Selbst ein leidenschaftlicher Tänzer, fand er, dass eine Party ist nur gut, wenn alle tanzen. Also forderte er die Gäste einzeln zum Tanzen auf und wer sich nicht fügte, den schnauzte er an: „Wenn du jetzt nicht sofort tanzt, lad’ ich dich nie wieder ein!“

Und dann gibt es noch die Partys, wo man sich in dem Moment, in dem die Tür aufgeht, wünscht, man hätte nicht geklingelt. Weil nur ein paar Leute auf dem Boden hocken, die sich langweilen.

Bei der letzten Party, auf der ich war, war der Gastgeber mein Neffe, der acht wurde. Große und Kleine mussten im Garten Sackhüpfen, es wurde Wattepusten gespielt, Fuß- und Federball, an den Bäumen hingen Luftschlangen, alle haben durcheinander gekreischt – und um 20 Uhr bekamen alle Gäste eine Tüte mit Gummibärchen und Plastikautos und mussten gehen. Das war toll.

Luftschlangen und Party-Schmuck gibt es in Kaufhäusern und Ramschläden. Statt Wattepusten empfiehlt sich auch Schokolade-Essen: Wer eine Sechs würfelt, muss Schal, Mütze und Fäustlinge anziehen und dann mit Messer und Gabel versuchen, eine Tafel Schokolade zu essen. Bis der nächste eine Sechs würfelt. Ist aber erst bei unter 20 Grad witzig.

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