Zeitung Heute : Feste, Gedenken

Tag der Befreiung, Tag der Niederlage, die Deutschen erinnern sich an das Kriegsende. Sie feiern und pöbeln, halten Reden und Kerzen. Viermal 8. Mai. Vier Welten.

Hans Monath

Der Blick von Bundespräsident Horst Köhler ist starr geradeaus gerichtet, als die Musik einsetzt. Ein Satz von Bela Bartok. Es spielt nicht irgendein bekanntes Streicher-Ensemble zum Beginn der Gedenkstunde im Bundestag. Es spielen junge Musiker aus Tschechien, Polen und Deutschland, die sich zum „Jungen Klangforum Mitte Europa“ zusammengetan haben – ein Beispiel für den Geist der Zusammenarbeit ehemaliger Feinde, der zu den wichtigen Botschaften des Tages gehören wird. Alles ist symbolisch in dieser Stunde im Reichstag.

Bevor Köhler ans Pult tritt, zieht er seine Rockschöße gerade. Er weiß, dass sich sehr, sehr hohe Erwartungen an seinen Auftritt richten. Da sind die wichtigen Botschaften der Vorgänger. Da ist vor allem die Rede von Richard von Weizsäcker vor genau 20 Jahren, die den 8. Mai auch zum Tag der Befreiung erklärte und damit die politische Kultur prägte. Kann man so etwas einholen, wiederholen? Weizsäcker sitzt oben auf der Besuchertribüne neben Paul Spiegel, dem Zentralratsvorsitzenden der Juden in Deutschland.

Der Bundespräsident hält sich am Manuskript fest, die Finger klopfen den Rederhythmus auf das Blatt. Es dauert, bis Horst Köhler zum ersten Mal aufschaut und ins Plenum blickt, wo fast alle Abgeordneten dunkles Tuch tragen. So einheitlich ist die Reaktion auf seine Rede nicht.

Viele rot-grüne Parlamentarier ziehen kritisch die Augenbrauen zusammen, als Köhler so ausführlich wie wohl kein anderer Präsident in den vergangenen 20 Jahren das Leiden der Deutschen im und nach dem Krieg beschreibt. „Die meisten Flüchtlinge und Vertriebenen hatten alles verloren“, sagt er und erinnert an hunderttausende zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion verschleppte Frauen, an die Vergewaltigungsopfer. Erst dann folgt der Dank an die Alliierten, die Deutschland eine neue Chance gaben, die Erinnerung an die Unterdrückung, die wie die DDR alle Völker im sowjetischen Machtbereich erleiden mussten.

Sehr still wird es, als Köhler kurz darauf einen Mann zitiert, der sich nach dem 8.Mai die Frage stellte: „Was nutzen mir Freiheit und Demokratie, wenn ich arbeitslos bin?“ Arbeit zu schaffen, mahnt der Präsident, sei die wichtigste Aufgabe für Demokraten. Es klatschen da alle. Ob die zusammengepressten Lippen von Gerhard Schröder in diesem Moment tatsächlich Ablehnung signalisieren oder nur die Anspannung des Moments, das weiß wohl nur der Kanzler selbst.

Immer deutlicher wird, dass diese Rede mehr der Zukunft Deutschlands gilt als der Vergangenheit. Köhlers zentrale Gedanken sind Freiheit, Eigeninitiative, Aufbruch, ist das Selbstbewusstsein der jungen Generation. Als Köhler vom Pult geht, rühren sich die Hände dort, wo Union und FDP sitzen, viel heftiger als auf der Regierungsseite.

Als Abgeordnete und Gäste dann aus dem Plenarsaal strömen, laufen sie in den Wandelgängen an kyrillischen Inschriften vorbei. Russische Soldaten haben sie vor 60 Jahren in den Kalkstein gekratzt, nachdem sie in den letzten Tagen des Kampfes um Berlin den Wallot-Bau gestürmt hatten. Daten, Namen, Verwünschungen und auch Obszönitäten sind darunter, weshalb manche die Graffitis bei der Restaurierung des Reichstags in den 90er Jahren am liebsten übertüncht hätten. Aber was die Sieger in ihrem Stolz eingekerbt hatten, wurde nicht nur erhalten, sondern sorgfältig restauriert: Die Erinnerung an die Niederlage als Voraussetzung des Neubeginns wird im Parlament nicht nur an Festtagen wach gehalten. Sie gehört zum Bestand.

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Fadenfein nieselt es, hört auf, fängt wieder an, aber am Ende ist man doch nass und will, dass es aufhört. Es ist wie mit den Reden. In Abständen kommen sie, kompliziert sind sie. Es sprechen die Antifaschisten, junge Leute, die nichts hören wollen vom Opa, der im Krieg auch viel leiden musste. Sie sagen: Deutsche Täter sind keine Opfer. Keine Umdeutung der Geschichte. Keine Individualisierung des Leids. Dank den russischen Befreierinnen und Befreiern. Es ist Samstag, es ist erst der 7. Mai, trotzdem gehört der Tag schon zum Gedenken.

Es ist allerdings eine ganz andere Gedenkveranstaltung, eine Art Gegengedenken: gegen „Opfermythen, Geschichtsrevisionismus & Kapitalismus“. Sie heißt „Deutschland, Du Opfer“. Die Veranstalter: die Wochenzeitung „Jungle World“, die Vereine „Kritik und Praxis“ und „Eintracht Berlin“, politisch alle ganz links. Bis zum Abend kommen 1200 Menschen, fast alle jung, fast alle schwarz gekleidet, einige haben gefärbte Haare, grün, gelb, pink. Sie tragen Adidas-Turnschuhe und Buttons. Es sind Punks, Alternative, Globalisierungs- und Kapitalismusgegner.

„Nicht noch eine Rede!“, rufen die Jungs im Publikum, als – es ist halb neun abends durch – noch mal zwei Männer und eine Frau auf die Bühne kommen. „To-co-tro-nic!“ rufen mehrere, sie schreien nach der Band, die noch auftreten will. Die drei auf der Bühne lesen einen Text. Wider Selbstmitleid und Opfergedusel. „Red doch nicht so’n Scheiß!“, brüllt ein Mann mit Bierflasche, es wird reichlich gesoffen. Der Sänger von Tocotronic zieht seinen Parka aus. Er tritt ans Mikrofon, vor ihm ragt der angestrahlte Fernsehturm in den schwarzen Himmel, die Bühne steht zwischen Rotem Rathaus und Marienkirche mitten in Berlin. Tocotronic kommen aus Hamburg. Sie spielen laute Gitarrenmusik mit deutschen Texten, für die sie geliebt werden. Ein Lied heißt: „Aber hier leben, nein danke!“

Am Nachmittag war es losgegangen. Sprechprobe. Eine junge Frau hockt auf der Bühne und liest vom Blatt: „Die Deutschen übernehmen so gerne Verantwortung, damit sie keine Schuld übernehmen müssen.“ Auf der Bühne wird Wolfgang Szepansky vorgestellt. Ein alter Mann im braunen Mantel. Er hat das KZ Sachsenhausen überlebt. Er schmettert ein Gedicht über Freiheit ins Mikrofon, das sein Vater gedichtet hat. „Die Hände reichen und Brüder werden.“ Einige grinsen, einige klatschen. Er spricht schnell,Verhaftung, SS-Leute sagen: Na, dich will ich mal fertig machen, der Todesmarsch an die Ostsee. Die Zeit sei zu knapp, um alles zu erzählen, sagt er. Als er die Bühne verlässt, wird er gestützt. Er hat kaum drei Minuten geredet. Vielleicht war er am Ende seiner Kräfte. Ein Mädchen bespricht währenddessen mit der Freundin, ob es sich Strähnchen machen soll.

20 bis 30 Prozent der Besucher würden wahrscheinlich nur wegen Tocotronic kommen, hatte Stefan Rudnick von „Jungle World“ geschätzt. Vielleicht sind eher 20 bis 30 Prozent nicht nur wegen Tocotronic gekommen. Der Tocotronic-Sänger sagt: „Guten Abend, liebe Befreite, ich heiße euch auf das Allerherzlichste willkommen.“ Dann ist endlich Konzert. Ariane Bemmer

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Der Sonntag. Jetzt macht auch die NPD mit. Am Vormittag trifft sich die Spitze auf dem Alexanderplatz. Das Gedenken wird hier zum Protest: „60 Jahre Befreiungslüge – Schluss mit dem Schuldkult“. 3000 Nazis sind es mittags, 7000 Beamte sollen diesen Aufmarsch sichern, sollen vor allem aufpassen, dass die Nazis nicht mit den 5000 Linken aneinander geraten; 10 000 Gegendemonstranten sollen insgesamt unterwegs sein. Aber in die Nähe der Rechten kommen die nicht. Rundum stehen Polizeibusse in Reihen, leuchten zwischen Bäumen hervor, auf den leer gefegten Straßen, neben Räumpanzern und Wasserwerfern. Um vier hat sich immer noch nichts bewegt. Schon vor zwei Stunden hatten die Nazis loslaufen wollen. Die Polizei hat schon angekündigt: kein Marsch mehr heute. Einige drängen auf Randale. Aber noch ist Ruhe.

Parteichef Udo Voigt ist hier, neben ihm Thomas Wulff, einer der Anführer der Szene, wie immer in seiner eigentümlichen Demo-Kluft: grauer Humphrey-Bogart-Trenchcoat, auf dem Kopf eine Art Schaffnermütze. Pulks junger Rechtsextremisten ziehen vorbei, Voigt und Wulff gucken zufrieden. Die Miene verdüstert sich erst, als die Frage kommt, was dieser Tag für einen Rechten bedeuten kann. „Das ist ein Tag der Trauer! Wir haben damals ein Drittel des Deutschen Reiches verloren“, sagt Voigt.

Einige Meter entfernt sucht zwischen Polizeitransportern ein alter Herr den Weg zum Aufmarsch, und es ist seine Geschichte, die hier erstaunt. Die Massen der Glatzen – schon oft gesehen. Die „Moldau“, die aus Lautsprechern dröhnt – schon oft gehört. Aber ein Herr mit freundlichem Gesicht, mit Sepplhut samt Wanderabzeichen, im Lodenmantel? Das ist Martin Kurowski, angereist aus einem kleinen Ort in Niedersachsen, 76 Jahre alt – und evangelischer Pastor.

Warum so jemand zusammen mit Neonazis demonstriert? Kurowski sagt: „Der 8. Mai ist für mich ein Tag der katastrophalen Befreiung“, eilig ergänzt er: „Die Betonung liegt auf Katastrophe.“ Und: „Weil ich dagegen protestiere, dass ein deutsches Nationalgefühl als rechtsextrem diffamiert wird.“ Deshalb sei er auch Mitglied der DVU.

Kurowski hat es nicht schwer, Rechtsextremismus mit Nächstenliebe zu vereinbaren. Er lächelt. „Wissen Sie, mir ist der am nächsten, der meine Sprache spricht und die Geschichte meines Volkes teilt. Erst dann kommen die auswärtigen Verpflichtungen.“ Ob die Kirche mit ihm einverstanden war oder nicht, wird nicht recht klar, auf jeden Fall ging Kurowski 1982 vorzeitig in den Ruhestand. Das erzählt er noch, dann grüßt er freundlich und sucht weiter seinen Weg in die Mitte des Geschehens, wartet, dass es los geht.

Aber zum Schluss wird es keinen Marsch gegeben haben. Der Kessel bleibt dicht. Ein paar Pöbeleien, alle Strophen des Deutschlandliedes, das war’s. Abzug. Frank Jansen

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Sonntagnachmittag, Brandenburger Tor. Eine britische Militärkapelle spielt Big-Band-Sound. Der Dirigent trägt weiße Handschuhe und einen Degen. Die Waffe blitzt, die Solotrompete des Sergeanten auch. Das Militär klingt wunderbar unmilitärisch, eine Dame holt sich ein Glas Sekt. Eine neue Zeit. Thierse spricht, aber das ist gar nicht so wichtig. Dies ist das Bürgerfest: Mehr als 100 000 Menschen sind gekommen. Gedenken massiv. Erinnerung in Blockform. Deshalb hat es auch schon am Samstag angefangen. Mit Randy zum Beispiel.

Der evangelische Jugendpfarrer mit angegrautem Mädchenzopf haut Randy verbrüdernd die Hand auf die Schulter. Respekt, dass du hier auf der Bühne stehst, Randy, sagt er. Randy blinzelt in den Himmel. Ein paar Touristen schauen auf, es ist ihnen ohnehin nicht ganz klar, was für ein merkwürdiges Volksfest hier gefeiert wird, das in keinem Reiseführer steht. Die meisten Menschen sehen sehr mittig aus. In der Mitte des Lebens und auch sonst irgendwie dort angekommen. Immer mehr bleiben stehen, schließlich bekommt man nicht alle Tage einen richtigen Rechten am Brandenburger Tor zu sehen. Oder wenigstens einen, der mal einer war. Randy ist groß, ganz in Schwarz und trägt eine Brille. Warum warst du bei denen?, will der Pfarrer wissen, der hier den Moderator macht beim Podiumsgespräch, und meint die Rechten. Randys Blick sucht Halt an einem Tiergartenbaum. Umsonst. Freunde, Party-Machen, sagt er schließlich. Die Mittelständler des Lebens sehen leicht enttäuscht aus. Und sie dachten, da wäre noch etwas dahinter.

Im Zelt von „Aktion Sühnezeichen“ ist ein ganz kleiner Kreis ganz dicht um einen Mann zusammengerückt, aber die Dezibel von der Hauptbühne sind stärker. Franz von Hammerstein, Mitbegründer von Aktion Sühnezeichen. Er hat ein wenig Ähnlichkeit mit Richard von Weizsäcker, ist ungefähr so alt und spricht, als gäbe es nicht Selbstverständlicheres, als Bonhoeffer und Niemöller persönlich zu kennen. Beim Protestanten Niemöller in Berlin ist er, das Kind katholischer Eltern, konfirmiert worden. Das Ende des Krieges erlebte er im KZ Buchenwald. Seine Familie gehörte zum Umkreis des 20. Juli. Der kleine Kreis um den alten Mann hat längst auch etwas Verschwörerisches. Ein Zufallsauditorium, Männer und Frauen, Junge und Alte, in deren Mitte sich nun ein geistiger Vergangenheit-als-Gegenwart-Raum bildet. Denn dieser Franz von Hammerstein ist nicht einfach ein Zeitzeuge. Er kommt gerade vom Gottesdienst aus der Synagoge. Zwei Studenten sind erstaunt. Ja, sagt Hammerstein, das geht jetzt. Er ist Christ und trotzdem in der Jüdischen Gemeinde.

Inzwischen haben zwei Hiphopper die akustische Lufthoheit übernommen, und von hinten aus dem DGB-Zelt kommt Reggae. Aber von Hammerstein scheint nichts zu hören. Eine Studentin versucht, ihn in ein Gespräch über die Theodizee zu verwickeln, während der übrige Halbkreis die Grenzen von Rosa Luxemburgs Freiheitsbegriff erwägt. So sind sie, die Bildungsbürger des Lebens. Wenn man mit diesen Rechten nur besser über die Theodizee diskutieren könnte. Der Regen wird stärker, aber seit Herbst 89 gehören schlechtes Wetter und Kerzen ohnehin zusammen. Die Lichterkette naht. Am Brandenburger Tor wird sie fast zum Collier. Auch sehr alte Menschen sind gekommen. Sie kennen noch den Tiergarten der Nachkriegsjahre, als hier Möhren und Kartoffeln wuchsen. Die Bäume waren längst verheizt. Kerstin Decker

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