Zeitung Heute : Festival, die sechste

Vorgestern zum Beispiel war es so. Um 17 Uhr wollte ich in den Film über Hitlers Sekretärin hinein. Ich wollte immer schon mal einen Film über Hitlers Sekretärin sehen. Vor dem Kino standen etwa hundert Menschen, die schrien und ihre Fäuste schüttelten, das war die Presse. Es wurden aber nur so Männer in gestreiften Hemden hineingelassen, die Freikarten vorzeigten. Das sind angeblich alles SPD-Ortsvereinsvorsitzende aus Nordrhein-Westfalen, Freunde von Dieter Kosslick - beweisen kann man so etwas ja nie. Ein Mann sagte, er sei der Regisseur, eine Frau sagte, sie sei Stellvertretende Ressortleiterin beim Tagesspiegel, die haben sie nach vielem Hin und Her reingelassen. Es stimmte aber gar nicht, die Frau hat einen Bagel-Shop in Friedrichshain und der Mann ist Finanzberater bei unserer Bank, das weiß ich genau. Dieses Land ist durch und durch verkommen.

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Statt dessen wollte ich dann in einen Film über die Uckermark. Ich denke mal, die Uckermark ist als Thema weniger attraktiv als Hitler. Vor dem Kino stand aber eine Kollegin, die sagte, dass es bei dem Uckermarkfilm aussichtslos sei. Um hineinzukommen, müsse man mit einem von den Typen am Eingang schlafen. Sie hätte sich das sogar kurz überlegt, weil einer von denen wirklich süß sei, aber so toll finde sie die Uckermark andererseits auch wieder nicht. Dieses Land ist durch und durch verkommen.

Dann bin ich ins Parkhaus gegangen. Auf dem Weg traf ich Andreas aus der Lokalredaktion, der vier Filme durchprobiert hatte, aber in keinen hineingekommen war, obwohl es bei dem letzten, dem Dokfilm über fleischfressende Eichhörnchen, fast geklappt hätte. Der Bezahlautomat im Parkhaus nimmt nur kleine Scheine. Ich habe, um kleine Scheine zu kriegen, schnell bei bei Gosch eine Kartoffelsuppe gegessen. Als ich zurückkam, war der Automat wegen Kaputtseins geschlossen. Ich habe einen anderen gesucht. Der andere Automat nahm nur Münzen. Ich aber hatte kleine Scheine. In den dritten Automaten habe ich aus Wut oder aus Versehen statt der Parkkarte meine Berlinale-Akkreditierung hineingesteckt. Nach einer halben Stunde kam ein Parkhaus-Mitarbeiter und holte sie wieder hinaus. Inzwischen hatte ich vergessen, wo mein Auto stand. Das Parkhaus ist sehr groß, in dieser Hinsicht ähnelt es der Uckermark. Etwa um 22 Uhr ging ich wieder aus dem Parkhaus hinaus, nahm mein Handy, rief Adolf Hitler an und fragte ihn, ob ich bei ihm als Sekretärin arbeiten darf. Wahrlich, dieses Land ist durch und durch verkommen.

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