Festrede von Joachim Gauck : „Inklusion erfordert ein Wir“

Wer wird behindert – und wodurch? Bundespräsident Joachim Gauck plädiert für eine Enthinderung in allen Bereichen.

Einladung zur teilhabe. Vorbildlich ist die Büste der Nofretete für blinde in der Ausstellung "Im Licht von Amarna" im Neuen Museum.
Einladung zur teilhabe. Vorbildlich ist die Büste der Nofretete für blinde in der Ausstellung "Im Licht von Amarna" im Neuen...Foto: dpa

Beim Festakt zum 100-jährigen Bestehen des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes (DBSV) am 26. Oktober 2012 in Berlin hielt Bundespräsident Joachim Gauck die Festrede. Wir veröffentlichen sie in Auszügen. Die ganze Rede können Sie nachlesen unter www.bundespräsident.de

Ich möchte (...) mein Amt nutzen und dem Thema Inklusion Gehör verschaffen. In dieser Rolle bin ich ein Lernender wie so viele in unserem Land. Ich war Kind einer Generation, die kaum Berührungspunkte mit Behinderten hatte. Wir konnten kaum trainieren, ihnen mitmenschlich zu begegnen. Ich erinnere mich noch an meine Befangenheit als Schüler, als junger Mann, wenn ich Behinderten mal begegnet bin. In meiner Seminargruppe gab es einen blinden Studenten und wir wussten zunächst nicht: Wie gehen wir mit ihm um?

Ähnlich war es, wenn man Menschen sah, die in diesen doch recht altertümlichen, aber nicht übersehbaren Rollstühlen unterwegs waren. Sollte man nun fragen: Kann ich helfen, brauchen Sie etwas? Oder war das eher aufdringlich? Vielleicht scheinen Ihnen diese Erinnerungen aus meiner persönlichen Erinnerungskiste jetzt unpassend. Aber ich vergegenwärtige mir damit den Zustand eines großen Teils unserer Gesellschaft. Dieser Teil hat einen sehr langwierigen Lernprozess zum Miteinander hinter sich. Auch ich habe später dazugelernt in meinem Leben, bin Pfarrer gewesen und hatte in meinem Beruf die Möglichkeit, mit Behinderten ein integratives Projekt zu entwickeln.

(...) Inklusion erfordert ein Wir: Wer das einmal verinnerlicht hat, wird einen Paradigmenwechsel erkennen, der für unsere Gesellschaft sehr, sehr heilsam sein könnte. Die Frage heißt dann nicht mehr: Wer ist behindert? Sondern treffender: Wer wird behindert – und wodurch? Vor allem: Wie können wir alle Menschen zur Teilhabe ermächtigen? Wenn wir so denken, stehen nicht mehr einzelne Interessengruppen im Mittelpunkt, sondern die vielfältigen Lebenslagen, die wir bislang zu oft nur in Dichotomien begreifen: mit oder ohne Behinderung, mit oder ohne Migrationshintergrund, Alt oder Jung – und so weiter.

Enthinderung bringt es auf den Punkt

(...) Und wenn unser heutiger Wortschatz nicht ausreicht, um Inklusion präzise zu beschreiben, dann erfinden wir eben neue Worte! „ENThinderung“ haben meine Mitarbeiter neulich für mich aus einem Aufsatz von Herrn Bethke* notiert. Diesen Begriff will ich mir gern zu eigen machen. Enthinderung bringt es auf den Punkt. Das ist ein Imperativ für uns alle! Neben den richtigen Worten wünsche ich mir eine Liste guter Beispiele. Die überzeugen manchmal schneller als eine korrekt formulierte Mahnung.

(...) Sympathische Vorbilder helfen uns, eine breite Öffentlichkeit für die Inklusion zu gewinnen. Im Sport, in Kunst, Kultur, Musik gibt es solche Namen schon recht häufig. Aus Unternehmen und Verwaltungen können es gern noch mehr werden! (...) Ich bin überzeugt: Inklusion fordert uns viel ab, aber sie ist möglich! Auch und sogar auf dem ersten Arbeitsmarkt. Wie weit der Weg dahin aber noch ist, zeigen aktuelle Stellenanzeigen. Oft hat man schon ohne jedes Handicap das Gefühl, diese Anforderungsprofile als irdisches Wesen niemals erfüllen zu können.

Ganze Bücherregale gibt es außerdem zur Frage, wie man sich vorteilhaft präsentiert – es gibt sogar optimale Textbausteine zum Nachweis der sozialen Kompetenz. Bei älteren Zeitgenossen wie mir gehen in solchen Momenten die Alarmglocken an: Kann man so etwas auswendig lernen? Und welches Gesicht macht man dazu? Uns ist doch klar, der Mensch wächst an echter Erfahrung, gerade dann, wenn Schwierigkeiten zu meistern sind. Menschen mit Behinderung bewältigen davon schon in jungen Jahren außerordentlich viel.

Allerdings kommen solche Qualifikationen in den gängigen Leistungskatalogen leider nicht vor. Ich glaube, wir müssen öfter und lauter nachhaken, wo bei aller Normierung, gerade am Arbeitsmarkt, der individuelle Reichtum an Fähigkeiten überhaupt wahrgenommen wird. Nur knapp ein Drittel der Blinden und Sehbehinderten in Deutschland hat eine Arbeitsstelle. Als ich das gelesen habe, da bin ich wirklich erschrocken. (...) Es darf nicht sein, dass wir in Deutschland so viele Talente übersehen, dass wir sie gar nicht erkennen! Wir müssen diesen Mangel eingestehen, wenn wir auf dem Weg zum inklusiven Arbeitsmarkt Erfolg haben wollen.

* Andreas Bethke ist Geschäftsführer des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes; Anmerkung der Redaktion.

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