Festspielleiterin : Wer ist Katharina Wagner?

Praktisch ist sie veranlagt. Die Außenhaut in Bayreuth hat sie schon verändert. Was sie künstlerisch kann, ist noch unklar. Nun startet ihre erste Saison als Festspielleiterin

Christine Lemke-Matwey
Katharina Wagner
Katharina Wagner ist die Urenkelin von Richard Wagner. -Foto: dpa

WIE VIEL WAGNER STECKT IN IHR?



Genetisch gesehen: 50 Prozent. Katharinas Vater Wolfgang ist der dritte Enkel des Komponisten Richard Wagner und leitete die Bayreuther Festspiele bis 2008. Katharinas Mutter Gudrun hat sich auf dem Grünen Hügel konsequent hochgearbeitet, bis zur Gattin des Festspielleiters seit 1976 und gefürchteten „heimlichen Chefin“. Gudrun Wagner wachte über die Kartenvergabe und saß in nahezu jeder Probe. Den Anruf eines Journalisten, er hätte gerne Wolfgang Wagner gesprochen, beantwortete sie mit den Worten: „Was wollen Sie denn von ihm? Mein Mann, das bin ich.“ Gudrun Wagner stirbt im November 2007, 63-jährig und überraschend. Ihr Tod setzt in der Nachfolgediskussion neue Bewegung frei.

Physiognomisch gesehen: 85 Prozent. Die Augen und das Fränkische hat Katharina von ihrem Vater Wolfgang, wohingegen das Rauchen und die Stimme, dieses Rasierklingentimbre in Baritonlage, sie in eine verblüffende Nähe zu ihrer Großmutter Winifred rückt. Winifred Wagner leitete die Festspiele von 1930 bis 1944. Wegen ihrer Nähe zum Hitler-Regime darf sie nach dem Krieg bei den Festspielen nicht mehr verantwortlich in Erscheinung treten. 1975 gibt Winifred dem Filmemacher Hansjürgen Syberberg ein Interview, aus dem die fünfstündige Dokumentation „Die Geschichte des Hauses Wahnfried“ entsteht. In diesem Film formuliert sie: Wenn Hitler jetzt zur Tür hereinkäme, wäre sie „genauso fröhlich und glücklich, ihn hier zu sehen und zu haben wie immer“. Katharina Wagner will die braune Vergangenheit des Grünen Hügels aufarbeiten.

Charakterlich gesehen: 120 Prozent. Die Wagners waren schon immer praktisch. Urvater Richard stampft aus dem Nichts in der fränkischen Provinz ein Festspielhaus nach sozial-revolutionären Vorstellungen aus dem Boden; seine Gattin Cosima treibt nach seinem Tod die Mystifizierung der Festspiele voran, indem sie etwa verfügt, dass der eigens für Bayreuth komponierte „Parsifal“ bis 1913 an keinem anderen Ort in der Welt gespielt werden darf; Winifreds Nähe zur NS-Herrschaft wiederum sichert das Überleben der finanziell schwer angeschlagenen Institution; und Wolfgang schließlich überführt das Familieneigentum (Festspielhaus, Villa Wahnfried, Archiv) in den Siebzigerjahren in eine Stiftung. Zum Dank stattet ihn der Freistaat Bayern mit einem Lebenszeitvertrag aus, den er auch dann nicht zu lösen bereit ist, als klar wird, dass ihm die Aufgabe altersmäßig über den Kopf wächst. Wolfgangs Bedingung heißt Katharina. Erst als man ihm ihre Festspielleitung in die Hand verspricht, tritt „der Alte“ im Sommer 2008 von seinen Ämtern zurück. Die schärfste Mitbewerberin um den Grünen Hügel, die Tochter von Wieland Wagner Nike, eine der wenigen Intellektuellen im Wagner-Clan, ist damit geschlagen.

Auch Katharina gilt als praktisch. Seit sie 16 ist, arbeitet sie recht zielstrebig auf die Festspielleitung hin. Sie studiert in Berlin Theaterwissenschaften und absolviert diverse Regieassistenzen, auch in Bayreuth. Ihre erste eigene Inszenierung ist der „Fliegende Holländer“ in Würzburg 2002, es folgen weitere Arbeiten. Kurz darauf wird sie zur „Assistentin der Festspielleitung“ bestimmt, ihr Regiedebüt auf dem Grünen Hügel gibt sie 2007 mit den „Meistersingern“. Gerade hat Katharina Wagner auf Gran Canaria den „Tannhäuser“ in Szene gesetzt. Um die Produktion nicht an den indiskutablen Arbeitsbedingungen auf der Insel scheitern zu lassen, fährt sie selber zu Ikea und kauft Requisiten ein.

WAS BEDEUTET ES, WENN EINE FRAU DIE BAYREUTHER FESTSPIELE LEITET?

Es sind zwei Frauen, die seit September 2008 die Festspiele leiten: Katharina Wagner und ihre Halbschwester Eva Wagner-Pasquier. Dabei könnte es sich zum Problem auswachsen, dass nur die Hälfte namens Katharina sichtbar ist. Eva, Jahrgang 1945, macht sich in der Öffentlichkeit rar. Das könnte ihr als mangelhaftes Bekenntnis zu den Festspielen ausgelegt werden. Auch Eva hat sich ihre ersten Sporen auf dem Grünen Hügel verdient – bis Gudrun Einzug hielt, alle Schlösser austauschte und die Kinder ihres Mannes aus erster Ehe verjagte (außer Eva noch deren jüngeren Bruder Gottfried).

Die Dirigenten und Regisseure auf dem Grünen Hügel sind seit jeher Männer (Katharina ist 2007 die erste Regisseurin überhaupt, eine Dirigentin hat der Orchestergraben bis heute nicht gesehen), in der Festspielleitung jedoch dominieren die Frauen.



WAS ÄNDERT SICH AUF DEM GRÜNEN HÜGEL?

Viel und wenig zugleich. Festhalten will und muss Katharina am Kanon der für die Bayreuther Festspiele in der Stiftungsurkunde festgelegten zehn Wagner-Opern („Der fliegende Holländer“, „Tannhäuser“, „Lohengrin“, „Tristan und Isolde“, „Die Meistersinger“, die vier Werke des „Rings des Nibelungen“ sowie „Parsifal“). Eine Veränderung des Repertoires – sei es in Richtung der Wagnerschen Frühwerke, sei es im Blick auf andere Komponisten – ist juristisch derzeit nahezu unmöglich. Das heißt: Solange sich in dieser Frage kein anderslautender politischer (und Publikums-!)Wille artikuliert, solange jede Karte auf dem Grünen Hügel weiterhin mehrfach verkauft werden könnte, werden dort auch in 50 Jahren noch dieselben Stücke gespielt.

Diesen gleichsam eingefrorenen Status quo kontert Katharina mit allerlei Maßnahmen zur Öffnung der Festspiele. Die neue Homepage mit ständig aktualisierten Hörproben und einem Online-Shop gehört ebenso dazu wie das erste Public Viewing der Festspielgeschichte im vergangenen Sommer (eine „Tradition“, die beibehalten werden soll). Außerdem gehen die DVD- und CD-Produktion auf ihr Konto sowie die Gründung einer Kinderoper. Für jede andere Kulturinstitution mögen dies zeitgenössische Selbstverständlichkeiten sein; für Bayreuth bedeuten sie eine (mittlere) Revolution. Mit Inhalten aber, mit dem geistig, intellektuell, programmatisch und künstlerisch wünschenswerten Horizont der Festspiele darf man dies nicht verwechseln. Um das Erbe, den Mythos lebendig zu erhalten, wird es auf Dauer nicht reichen, sich für die mediale Verwertung zu engagieren. Die Zukunft liegt vielmehr in der Frage, was Richard Wagners Musikdramen den Menschen auch nach über 150 Jahren noch zu sagen haben.

WOFÜR STEHT SIE KÜNSTLERISCH?

Das Regiehandwerk hat Katharina Wagner ordentlich erlernt; ob sie darüber hinaus eine eigenständige Künstlerin ist und tatsächlich etwas zu sagen hat, bleibt abzuwarten. Was ihre Inszenierungen eint, ist eine ungestüme, fast pubertäre Wut. Bei ihr wird auf der Bühne gerne etwas zerschlagen: Ein falscher Dünkel oder Anspruch, Machtstrukturen, jede Art der Bildungshuberei, alles im weitesten Sinn Hehre, Heilige und Metaphysische. Selbst ist der Mensch – diese Botschaft trägt autobiografische Züge. Es mag auch der Versuch sein, von der Last der Tradition nicht erdrückt zu werden.

Fähige Festspielleiter aber müssen nicht zwangsläufig geniale Künstler sein. Auch Wolfgang Wagners Regiegeschick hielt sich in Grenzen; inszeniert hat er trotzdem. Vor allem aber war er clever genug, geniale Künstler zu engagieren: Patrice Chéreau und Pierre Boulez für den Jahrhundert-„Ring“ 1976, Heiner Müller für den „Tristan“, Lars von Trier versuchsweise für den „Ring“ 2000 (das Projekt kam nicht zustande), Christoph Schlingensief 2004 für den „Parsifal“. Diese Linie wird Katharina fortsetzen, wobei es in der globalisierten Theaterwelt nicht einfacher geworden sein dürfte, ein unverwechselbares ästhetisches Profil auszubilden. Für die konservativen Wagnerianer dürfte in Zukunft eher wenig mit Programm sein.

WELCHE ERWARTUNGEN WERDEN

AN SIE GESTELLT?

Einerseits soll Katharina Wagner (neben ihrer bislang blass bleibenden Halbschwester Eva) so etwas sein wie die Begründerin von Neu-Neu-Bayreuth. Sie soll die Festspiele in die Zukunft führen, und was die Außenhaut betrifft, alles Mediale und Repräsentative, tut sie das bereits. Andererseits soll sie den Mythos bewahren, was schon insofern schwierig ist, als sich in den nächsten zwei, drei Jahren auf dem Grünen Hügel organisatorisch so ziemlich alles ändern wird. Dadurch dass die fünf Geldgeber (Bund, Freistaat, Bezirk Oberfranken, Stadt Bayreuth, Gesellschaft der Freunde) seit dem 1. September 2008 gleichzeitig die Gesellschafter der Festspiele-GmbH sind, verkomplizieren sich die Abläufe. Gremien müssen tagen, Ausschüsse befragt werden, Stimmen gehört. Kontrolle und Transparenz werden großgeschrieben. Aus dem Familienunternehmen mit staatlicher Förderung werden Staatsfestspiele mit einem dynastischen Etikett.

Dadurch wittert auch die Gewerkschaft Verdi Morgenluft und fordert für das nichtkünstlerische Personal Tarifverträge. Orchester und Chor werden hier folgen. Katharina Wagner sieht auch das pragmatisch – und hat jenseits der Kosten längst eingewilligt. Es kann nicht (nur) eine Frage der Ehre sein, sagt sie sich, für die Bayreuther Festspiele zu arbeiten. Ganz ohne Ehre im Leib aber geht es auch nicht. Die Angleichung des berühmtesten Festspielbetriebs der Welt an herkömmliche soziale Standards und Strukturen könnte das Ethos verletzen, die widerspenstige Seele. Vielleicht ist das überhaupt die größte Gefahr.

ZUR PERSON

GEBOREN:  Katharina Friederike Wagner wurde am 21. Mai 1978 in Bayreuth geboren.

AUSBILDUNG: Sie studierte Theaterwissenschaften an der Freien Universität in Berlin. Seit 2001 assistierte sie ihrem Vater Wolfgang Wagner in der Leitung der Bayreuther Festspiele. 2002 debütierte sie als Regisseurin in Würzburg. In Bayreuth lieferte sie 2007 ihre erste Regiearbeit mit den „Meistersingern“ ab. Zusammen mit ihrer Halbschwester Eva Wagner-Pasquier leitet sie nun die Festspiele, die am Samstag beginnen.

FAMILIE: Katharina Wagner ist ledig.

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