Zeitung Heute : Festung der Angst

Im Zentrum der Sorge um die Geiseln: ein Blick in die deutsche Botschaft in Bagdad

Erwin Decker[Bagdad]

Es ist ein schreckliches Bild. Wieder zwei Menschen am Boden kauernd, Todesangst in ihren Gesichtern, hinter ihnen Männer in Masken, die Maschinengewehre schussbereit. Anders als bei der Entführung der Susanne Osthoff scheint man das Leben der beiden deutschen Geiseln dieses Mal nicht mit Lösegeld erkaufen zu können. In einem Video auf dem Sender Al Dschasira haben die Entführer kundgetan, dass sie die Ingenieure René Bräunlich und Thomas Nitzschke aus Sachsen in 72 Stunden umbringen werden, sollte die Bundesrepublik nicht alle politischen und wirtschaftlichen Beziehungen mit dem Irak abbrechen und ihre Botschaft in Bagdad schließen.

Botschaft ist ein großes Wort für den diplomatischen Betrieb in Bagdad in diesen Tagen. Seit dem ersten Golfkrieg 1991 war die deutsche Vertretung nicht regelmäßig besetzt, während des zweiten Golfkrieges wurde sie vorübergehend ganz geschlossen. 2003 sollen sich auch die beiden BND-Männer, mit deren Arbeit sich nun wohl doch kein Untersuchungsausschuss befassen wird, dort aufgehalten haben. Während des Krieges wurde das Gebäude im Stadtteil Karade geplündert, brannte aus, und vorübergehend sollen dort drei irakische Familien eingezogen sein. Aber auch nun, da es wieder renoviert ist, liegt es an einer Geschäftsstraße wie auf dem Präsentierteller für Terroristen – es zu schützen, ist extrem schwer.

Der festungsartige Bau, in dem jetzt der Botschaftsbetrieb aufrechterhalten wird, ist die Residenz – das Wohnhaus des Botschafters. Das Haus im Bagdader Stadtteil Mansour ist stark geschützt. Schon 200 Meter davor sind eine Schranke und „Roadblocks“ errichtet, die verhindern sollen, dass ein Selbstmordattentäter mit einem Auto durchbrechen kann. Außerdem ist das Gebäude rundum mit hohen Betonwänden gegen Angriffe geschützt. Rund um die Uhr sitzen Wachmänner in den beiden Türmen und spähen durch die Schießscharten zwischen den Sandsäcken. Auch im ersten Stock des Hauses sind die vergitterten Fenster mit Sandsäcken verbarrikadiert. So hoch stapeln sich die Säcke, dass fast kein Licht mehr in die Räume dringt. Auch tagsüber muss deshalb die elektrische Beleuchtung eingeschaltet bleiben. Neben dem Eingang steht ein großer Generator. In Bagdad gibt es nur eine Stunde Strom am Tag. Der einzige Arbeitsraum in dieser Behelfsbotschaft ist das Wohnzimmer. Im Vorraum wurden vier Schreibtische zusammengeschoben für Sekretärin und Sicherheitsbeamte, es gibt eine Funkzentrale für die Wachmänner draußen.

Bernd Erbel, 58 Jahre alt, hat die Botschaft in Bagdad 2004 nach 13 Jahren wieder eröffnet. Er ist ein ausgewiesener Kenner des Nahen und Mittleren Ostens. Als er nach Bagdad entsandt wurde, war das mitnichten eine Strafversetzung, sondern der Höhepunkt seiner drei Jahrzehnte langen diplomatischen Karriere. Mit seiner Erfahrung in mehreren Ländern im Nahen Osten und seiner besonnenen Art ist er hervorragend für diesen Posten geeignet. Man kann sicher sein, dass er alles versucht, um die Geiseln zu retten.

Seine erste Erfahrung als Botschafter machte Erbel im Libanon während des Bürgerkriegs von 1977 bis 1981. Dort lernte er auch seine libanesische Frau kennen, mit der er zwei Kinder hat. Der gelernte Jurist, der fließend Arabisch spricht, durfte seine Familie nicht nach Bagdad mitnehmen – es ist einfach zu gefährlich. Wie in kaum einem anderen Krisenland unterliegt der Vertreter Deutschlands im Irak extremen Sicherheitsvorkehrungen. Erbel kann keinen Schritt ohne massiven Personenschutz machen.

Insgesamt halten sich im Moment etwa 15 Personen in der Botschaft auf. Wie viele es genau sind, wird geheim gehalten. Auch die Zahl der GSG-9-Männer, die zum Schutz der Botschaft im Gebäude sind, bleibt geheim. Zwei von ihnen kamen 2004 auf der Fahrt von Amman nach Bagdad bei Falludscha ums Leben. Ihr Auto und eine der Leichen wurden nie geborgen.

Im ersten Stock der Botschaft sieht es aus wie in einer Jugendherberge. Mehrere doppelstöckige Betten in einem Zimmer, Koffer stehen im Flur, es gibt für alle nur ein Bad. Nur der Botschafter hat ein Zimmer für sich allein. Gekocht wird für alle im Erdgeschoss. An einen Restaurantbesuch ist nicht einmal zu denken. Es ist viel zu gefährlich. Viele Selbstmordattentäter zünden ihre Bombengürtel in voll besetzen Gaststätten. Aber sogar das Einkaufen von Nahrungsmitteln ist eine hochgefährliche Angelegenheit. Meist machen sie sich zu acht auf den Weg, um sich gegenseitig schützen zu können. Und sie wählen jedesmal einen anderen Laden. Es geht die Sorge um, Lebensmittel würden vergiftet.

Wegen der extremen Sicherheitsbedingungen kann in der Botschaft nur ein diplomatischer Notbetrieb aufrechterhalten werden. Wenn Iraker ein Visum für Deutschland brauchen, müssen sie in die deutsche Botschaft nach Amman ins benachbarte Jordanien. In Bagdad werden höchstens geschäftliche Kontakte vermittelt, wenn Unternehmen um Rat und Hilfe nachsuchen. Aber Besuche sind nicht sehr häufig, denn in die Botschaft zu gehen, das ist russisches Roulette, heißt es in Bagdad.

Wenn der Botschafter zu einem der wenigen diplomatischen Termine außer Haus geht, muss das generalstabsmäßig geplant werden. Immer eine andere Route, die zuerst von Männern der GSG 9 abgefahren und auf Video aufgezeichnet wird. Die Auswertung entscheidet dann, welchen Weg der Botschafter mit seinem gepanzerten Auto nimmt. Erste Grundregel: Wenn es dunkel wird, müssen alle zurück sein in der Residenz.

Die Entführer fordern auch den Rückzug der deutschen Firmen aus dem Irak. So hoffen sie, den Aufbau des Landes zu verzögern. „Wenn man diese Forderung erfüllt, kommt bald die nächste, und alle Iraker müssen noch mehr leiden. Wir würden dann zu einem neuen Talibanstaat ohne Fortschritt, und die radikalen Islamisten würden immer mehr den Ton angeben“, sagt Rechtsanwalt Abu Abbas, der die erste Anwaltssozietät in Bagdad gegründet hat. Das ist auch der Grund, warum die Amerikaner nicht mit den deutschen Sicherheitskräften bei der Lösung der Geiselnahme zusammenarbeiten. Sie lehnen Verhandlungen mit Terroristen grundsätzlich ab. Ebenfalls Geldzahlungen zur Freilassung von Geiseln.

So wie es aussieht, haben die Entführer die Geiselnahme der beiden Deutschen von langer Hand geplant. Als diese im Dezember im Irak waren, um die in Sachsen gebaute Industrieanlage hochzufahren, gab es Schwierigkeiten. Der Termin für ihre neue Reise in den Irak stand bei ihrer Abfahrt schon fest. Da in Beidschi, wo Nitzschke und Bräunlich schließlich auch entführt wurden, die Polizei, das Militär und auch die Raffinerie von den Widerständlern komplett unterwandert sind, war es für die Täter relativ einfach, an die nötigen Informationen zu kommen.

Die Lage sei sehr ernst, hieß es auch gestern wieder aus dem Krisenstab des Auswärtigen Amtes in Berlin. Über die Strategie könne nicht gesprochen werden, zu groß sei die Gefahr für die Geiseln. Eine der letzten Hoffnungen besteht darin, dass die deutschen Behörden einen Unterhändler finden – am besten einen sunnitischen Geistlichen –, der Zugang zu den Entführern hat und sie überreden kann, ihre furchtbare Drohung nicht in die Tat umzusetzen.

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