Zeitung Heute : Feuer, das nie erlischt

„Ich sehe ihre Narben nicht“, sagt ihre Jugendliebe. Er heiratete Maha, nachdem ihr Vater sie fast verbrannte – wegen eines anderen

Stefan Krücken

Draußen regnete es, als das Benzin auf ihrem Gesicht und ihrem Körper brannte. „Ein Glück, der Regen wird mich löschen!“, dachte Maha, als sie hinaus in den Garten lief und sich auf dem nassen Rasen wälzte. Doch die Flammen fraßen sich durch ihr Synthetikhemd und ihre Hose. Erst, als ihr Nachbarn zu Hilfe eilten und eine Decke über sie warfen, erstickte das Feuer, mit dem sie ihr Vater hatte töten wollen. Am Freitag, den 13. Juni 1997.

Sieben Jahre später beobachtet Maha Sari (Nachname geändert), wie ihr Töchterchen Mary-Sue einen Umzugskarton mit seiner Rassel bearbeitet und vor Freude kreischt. Es fällt der 25-Jährigen noch immer schwer zu lächeln, auch nach zwei Dutzend Operationen sind Unterkiefer und Hals ein Panzer aus Narben. Zweieinhalb Monate lag Maha nach dem Mordversuch im Koma, mehr als die Hälfte ihrer Haut war verbrannt. Wenn sie ihrem Baby über den Kopf streicht, nimmt sie die rechte Hand. An der anderen hat Maha keinen Finger mehr.

Es stehen wenige Möbel in der Wohnung in einem Mehrfamilienhaus in Köln. Maha und Karl-Heinz sind erst vor kurzem eingezogen, doch auf einem Regal im Wohnzimmer steht schon das Hochzeitsfoto. Vor zwei Jahren haben Maha und Kalle geheiratet, vor neun Monaten kam Mary-Sue zur Welt, nun ist Maha wieder schwanger. „Noch nie war ich so glücklich“, sagt sie. Aber unten an der Klingel klebt kein Namensschild, ihre Telefonnummer kennen nur enge Freunde, weil Maha sich noch immer vor der Rache des Vaters fürchtet. Deshalb soll auch ihr Nachname nicht genannt werden. Das Leben hat Maha und Karl-Heinz viele Hindernisse in den Weg gestellt – dass sie einander wiederfanden, dass sie nicht aufgeben, ist die Geschichte einer großen Liebe.

Wenn einer der beiden Partner entstellt ist, wachsen bei dem dann Verlustängste? Eine taktlose Frage und, wenn man mit Maha und ihrem Mann beisammensitzt, auch eine unnötige – so innig verbunden wirken sie. Beide haben schon auf dem Schulhof der Grundschule in Dormagen miteinander gespielt, Mitte der 80er Jahre war das, als Mahas Familie gerade vor dem Krieg im Libanon geflohen war. „Ein paar Jahre später war sie meine erste Freundin“, erzählt Karl-Heinz, den alle Kalle nennen. Er trainiert im Fitnessstudio, seine kurzen Haare sind sorgfältig frisiert. Er arbeitet in einer Sicherheitsfirma, für die er Lagerhallen und die Kölner Messe bewacht. Kalle redet im breiten Dialekt des Rheinlands.

„Weiß du noch, wann wir uns das erste Mal geküsst haben?“, fragt er Maha. „Klar, im Freibad vom Bayer-Werk, unter Wasser, damit uns meine Mutter nicht sieht.“ „Wir haben total viel Wasser verschluckt, und du hattest einen Badeanzug mit so komischen Rüschen an.“

Es war einer der wenigen unbeschwerten Momente einer Jugend, die für Maha und ihre fünf Geschwister zum Martyrium wurde, als Vater Kassem betrunken Auto fuhr und nicht nur den Führerschein verlor, sondern auch den Job als Fernfahrer. Fortan verjubelte Kassem das, was der Familie blieb, in Dormagens Kneipen und Spielhallen, wenn er nach Hause kam, schlug er im Rausch seine Kinder. „Wir hatten wahnsinnige Angst vor ihm“, erinnert sich Maha, „er sperrte uns ein. Wir durften die Wohnung nur für die Schule verlassen.“

Aus Furcht, Kalles Freundschaft für immer zu verlieren, beendete Maha das Verhältnis immer wieder für einige Zeit. Weil sie ihre Jungfräulichkeit bis zur Ehe bewahren wollte, verkuppelte sie ihn sogar mit anderen Mädchen aus ihrer Clique, „wenn er mal wieder eine fürs Bett brauchte“ – Maha sagt das so. Wurde ihr die Bindung zu eng, sorgte sie für die Trennung. Maha erzählt auch dies ganz beiläufig, als sei ihre Strategie selbstverständlich. Eines sei für sie klar gewesen: „Nur wir beide waren füreinander bestimmt.“

Sie gaben sich gegenseitig Halt, denn auch Kalle hatte Schwierigkeiten mit seinen Eltern, zettelte Schlägereien an, klaute, war Anführer einer Halbstarkenbande. In der Hauptschule, die beide besuchten, nannten jüngere Schüler das Paar „Mama und Papa“, weil sie so lebenserfahren schienen, weil man bei ihnen Probleme loswerden konnte.

Dabei hatte Maha selber dringend Hilfe nötig, denn ihr Vater wurde immer brutaler. Während eines Streits brach er seiner Frau den Arm; er drohte, seinen Sohn zu erschießen, und ein anderes Mal brüllte er: „Euer Leben ist nur einen Kanister Benzin wert!“ Einmal verliebte sich Maha in einen acht Jahre älteren Kurden namens Ali, sie traf ihn heimlich, gab daheim einen falschen Stundenplan ab. Das Verhältnis flog auf, doch überraschenderweise blieb ihr Vater ruhig. Er erklärte sich sogar mit einer Heirat einverstanden.

Tags darauf jedoch wollte Kassem davon nichts mehr wissen. „Die ganze Familie wird sich von dir abwenden, wenn du einen Kurden heiratest!“, brüllte er. „Ist mir egal!“, antwortete Maha. Ihr Vater verließ das Wohnzimmer und kehrte mit einer Flasche zurück, die er mit einem Gemisch aus Benzin und Terpentin gefüllt hatte. Maha wagte es nicht davonzulaufen, wegen ihrer jüngeren Geschwister, sagt sie, die einen Stock höher schliefen.

Ihr Vater drängte sie mit einem Tisch in eine Ecke des Raums. Übergoss sie mit Brennstoff und entzündete einen Briefumschlag. „Wenn du meinen Namen kaputtmachst, mache ich dich kaputt“, mit diesen Worten warf er das brennende Papier.

Mahas Stimme klingt monoton, wie von einem Tonband, wenn sie erzählt, dass ihr Vater anschließend versuchte, nicht sie, sondern den Wohnzimmertisch zu löschen, der ebenfalls Feuer gefangen hatte. Wie er sie noch im Saal des Düsseldorfer Oberlandesgerichts bedrohte, weil sie die Familienehre beschmutzt habe. Kassem erhielt eine lebenslange Freiheitsstrafe. Für Maha und ihre Mutter bedeutete das Urteil, sich fortan aus Angst vor der Rache des Familienclans verstecken zu müssen, oft die Wohnung zu wechseln, mit Hilfe der Opferschutzorganisation Weißer Ring.

Diese Angst ist noch immer da, und vielleicht hat sie Kalle deshalb die Samurai-Schwerter geschenkt, für 69 Euro, aus dem Großmarkt, die jetzt das Regal neben dem Fernseher zieren. Sie fürchtet, ihr Vater könne jemanden dafür bezahlen, ihr etwas anzutun. Etwas ruhiger ist sie, seit sie vor kurzem ihren Großvater und Onkel zum ersten Mal seit der Tat wieder traf. „Mein Opa hat geweint, als er mich sah“, sagt sie, „jemand hatte ihm wohl eingeredet, es sei alles nicht so schlimm.“

Dass sie ihre Verbrennungen überlebte, erschien den Ärzten fast wie ein Wunder. Im künstlichen Koma durchlebte Maha Träume, in denen ihr Vater hinter Gitterstäben saß, hinter einem riesigen Türschloss. In ihren Träumen begegnete sie immer wieder Kalle, in einem Haus aus Glas, gegen dessen Scheiben er lief. Als Maha nach zweieinhalb Monaten zum ersten Mal die Augen öffnete, erkundigte sie sich bei der Krankenschwester: „Wo ist mein Kalle?“

Kalle hatte in der Zeitung von den Ereignissen gelesen, sich wochenlang mit der Ungewissheit gequält, bis er in die Klinik fuhr. Eine halbe Stunde lang lief er vor ihrem Zimmer auf und ab, wagte nicht einzutreten, fürchtete sich davor, wie sie wohl aussehen würde, hatte Angst, etwas Falsches zu sagen. Bis Mahas Mutter, die ihm oft geholfen hatte, wenn er mal wieder von zu Hause ausgerissen war, die Tür öffnete. „Ich ging hinein und habe Maha in die Augen gesehen, sie hat mich angelacht. Da habe ich sie in den Arm genommen“, sagt Kalle. „Nur nicht ganz so fest wie sonst.“ Bald darauf waren sie wieder ein Paar. Beinahe so, als sei nichts gewesen, mit dem irakischen Kurden Ali hat Maha nur noch ein paar Mal telefoniert.

„Ich sehe ihre Narben nicht“, sagt Kalle, sie sei doch wie immer, so lebenslustig, so intelligent, sie habe so viel geschafft. Er steckt sich eine Zigarette an. „Ich habe nie aufgehört, sie zu lieben“, sagt er.

Er erzählt, wie stolz er ist, dass Maha die Ausbildung zur Industriekauffrau gemacht hat, zwei Jahre Lehrzeit durchhielt, trotz der Operationen, trotz der Schmerzen. Dass sie in dieser Zeit auch noch die Führerscheinprüfung absolvierte. Sie haben sich einen kleinen Fiat gekauft, er ist für Maha „wichtig wie ein Geschenk“, denn er gibt ihr die Freiheit, sich zu bewegen, ohne angestarrt zu werden.

Sie hat weitergemacht, als sie das Gesicht im Spiegel nicht zu erkennen glaubte. Nur ihre Haare sind geblieben, sie sehen noch so aus wie auf dem Foto, das ein 17 Jahre altes, hübsches Mädchen zeigt, wenige Tage vor der Tat. „Meine Haare sind alles für mich“, sagt Maha.

An manchen Tagen muss sie sich zwingen, vor die Tür zu gehen, es fällt ihr schwer, die bohrenden Blicke zu ertragen und wegzuhören, wenn jemand in der Straßenbahn hinter ihrem Rücken „Monster“ flüstert. Es hilft ihr, wenn Kalle dabei ist, der sie beschützt, der trotzig sagt: „Wenn einer blöd glotzt, glotzen wir zurück!“ Nur in ihre Träume kann Kalle nicht eingreifen, wenn sie wieder ein Mann verfolgt, der brennende Briefumschläge wirft oder glühende Kohle. Fällt ein Freitag auf den 13., wie am Tag der Tat, schließt sich Maha zu Hause ein.

Ihr Vater ist stets präsent, wie ein böser Schatten, und er wird es vermutlich immer sein, auch wenn sich Maha dagegen wehrt. Sie bittet den Fotografen, nur Bilder zu schießen, auf denen das Gesicht von Mary-Sue nicht zu erkennen ist. „Er soll nichts haben, was er im Knast rumzeigen kann. Er soll richtig schön leiden. Er soll mal anfangen nachzudenken.“ Sie will nicht bitter klingen, nicht traurig und auch nicht wütend. Sie will gleichgültig wirken. Aber das schafft selbst Maha nicht.

Wie ihr Leben heute wohl aussähe, ohne den Mordversuch? Sie zögert. „Ich glaube, es geht uns heute allen besser.“ Ihre Mutter hat eine Lehre absolviert und fährt Busse der Kölner Verkehrsbetriebe. Ihre Geschwister werden nicht mehr geschlagen und eingesperrt. „Und ich wäre vielleicht nicht mehr mit Kalle zusammengekommen. Im Nachhinein war doch alles, was passiert ist, irgendwie gut“, sagt Maha. „Wenn der Preis nur nicht so hoch wäre.“

Kalle und sie haben es immer allen gezeigt, auch einigen Verwandten aus Kalles Familie, die ihm rieten, „sich doch diesen Versorgungsfall nicht ans Bein zu binden“. Sie haben einander, und alles andere ist egal. Viel verlangen sie nicht vom Leben. Sie wollen noch „ein paar Kinder bekommen“, vielleicht irgendwann in ein Haus mit Garten umziehen, wenn sie es sich leisten können, in Urlaub fahren, nach Kroatien?

Maha denkt gerne an ihre Hochzeit. Sie feierten in Dormagen, Ortsteil Straberg, im Schützenhaus. Der Tatort liegt nur einige Straßen entfernt. Sie hatte den Saal gemietet, um den Ehrengästen eine Anreise zu ersparen, „meinen absoluten Ehrengästen“, wie Maha betont. Sie meint die Nachbarn, die damals eine Decke über sie warfen. „Ich musste mit ihnen feiern“, sagt Maha, „ich bin so dankbar, dass sie mich gelöscht haben.“

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