Zeitung Heute : Fiat: Doppelrolle für den Stilo

Ingo von Dahlern

Jedes vierte Auto, das in Europa und auch auf dem deutschen Markt verkauft wird, zählt zur kompakten Mittelklasse - ein interessanter Markt, in dem sich alle großen Hersteller engagieren. Als neuester Konkurrent des in Deutschland diese Klasse bestimmenden Golf von Volkswagen tritt an diesem Wochenende ein Italiener an - der neue Fiat Stilo. Ihm soll gelingen, was dessen Vorgängern Bravo und Brava und deren Vorgänger Tipo nicht vergönnt war - einen entscheidenden Anteil in der kompakten Mittelklasse zu erobern. Und nach ersten längeren Probefahrten mit dem Stilo haben wir den Eindruck gewonnen, dass die Chancen dafür besser stehen als je zuvor. Denn dieser jüngste Fiat macht sowohl mit seiner Linie als auch seinen Fahrleistungen, seiner Ausstattung und seiner Verarbeitung eine überaus überzeugende Figur vor allem auch neben seinen deutschen Hauptkonkurrenten und hier vor allem dem Golf. Und würde man das runde Fiat-Logo im Grill des Stilo gegen ein VW-Logo tauschen, dann würden viele auf den ersten Blick sogar glauben, ein sehr attraktives und modernes Produkt aus Wolfsburg vor sich zu haben.

Fiat hat es in den letzten Jahrzehnten seinen Käufern nicht leicht gemacht. Dem in seiner Linie sehr gelungenen, leider aber in der Qualität nicht immer überzeugenden, Tipo folgte der jetzt abgelöste rundum gerundete Bravo/Brava, der einen völlig anderen Auftritt hatte. Nun treten zu den Rundungen ausgeprägte Kanten und Sicken, mit denen sich der Stilo gleich in einer Dopperolle präsentiert. Zwar tragen nun wie schon beim Punto sowohl der Drei- als auch der Fünftürer denselben Namen. Aber beide Varianten sind, noch ausgeprägter als die beiden Varianten des Punto, in ihrem Charakter ganz unterschiedliche Autos, mit denen man zwei verschiedene Zielgruppen ansprechen möchte. Mit dem Dreitürer vor allem jüngere designorientierte Menschen, die ein dynamisches und sportliches Auto mit überzeugenden Fahrleistungen und guter Ausstattung suchen. Und mit dem Fünftürer vor allem Familienmenschen zum Teil auch mit Kindern, die ein praktisches, variables und zugleich komfortables Auto für Alltag und Freizeit brauchen.

Dass Drei- und Fünftürer sich durch sehr viel mehr als nur zwei Türen mehr oder weniger unterscheiden, zeigt schon ein erster Blick auf Stilo und Stilo. Denn der Dreitürer hat ausgeprägte fast coupéhafte Züge, ist mit 4,18 Meter rund sieben Zentimeter kürzer und mit 1,47 Zentimeter auch fünf Zentimeter niedriger als der Fünftürer und mit 1,78 Zentimeter zugleich zwei Zentimeter breiter. Und mit seinen großen Lufteinlässen strahlt er Kraft und Dynamik aus, was auch für das Heck mit den weit nach außen gerückten Leuchten gilt. Elemente eines Minivans findet man bei unverändertem Radstand von 2,60 Meter dagegen beim Fünftürer mit seinen anders gestalteten Lufteinlässen und der mit ganz anderen Proportionen auftretenden höheren und schmaleren und zugleich gestreckteren Karosserie. Und in der sitzt man auch spürbar höher und steiler als im flacheren Dreitürer. Beide Karosserievarianten überraschen allerdings damit, dass sie großzügigen Platz anbieten - nicht nur für die Passagiere, sondern auch deren Gepäck, dem der Dreitürer 305 Liter und der Fünftürer 410 Liter Raum bietet. Der lässt sich auf bis zu 1085 Liter vergrößern, und wer im Fünftürer langes Ladegut unterbringen möchte, kann die Lehne des Beifahrersitzes umlegen. Doch damit nicht genug. Denn der Fond des Fünftürers ist besonders variabel, da sich die asymmetrisch geteilte Rückbank ganz oder in Teilen längs verschieben lässt und auch die Lehnen in ihrer Neigung verstellt werden können.

Innen hat Fiat manchen in den letzten Jahren mit kühnen Experimenten überrascht. Solche Überraschungen sucht man beim Stilo vergebens. Denn bei ihm hat man auf Experimente verzichtet, ihm ein Armaturenbrett gestaltet, dass mit seinen großen Rundinstrumenten und der übersichtlichen Mittelkonsole sehr solide wirkt und sich zudem durch hohe Qualität der Oberflächen und vor allem durch hochwertige Verarbeitung auszeichnet. Man setzt, ebenso wie die Konkurrenz, auf Qualität, was auch für das übrige Interieur und die gesamte Verarbeitung des Stilo gilt, der erfreulich verwindungssteif ist und auch auf schlechtebn Fahrbahnen weder knistert noch klappert.

Sehr handlich ist dieses Auto, dessen Fahrwerk mit der Federbein-Vorderachse und der Verbundlenkerachse hinten durch hohe Fahrsicherheit und Dynamik gefiel. Guten Fahrbahnkontakt vermittelt die elektrische Servolenkung, und in kritischen Fahrsituationen sorgen die Antriebsschlupfregelung (ASR) und die bei allen Versionen zur Serienausstattung gehörende Fahrdynamikregelung ESP dafür, dass das Auto auf Kurs bleibt. Gebremst wird mit vier Scheiben, unterstützt durch ein modernes ABS mit elektronischer Bremskraftverteilung und Bremsassistent.

Auch für den Fall des Falles bietet der Stilo optimalen Schutz. Adaptive Airbags für Fahrer und Beifahrer, - letzterer ist abschaltbar -, zwei und auf Wunsch auch vier Seitenairbags und Kopfairbags, poyrotechnische Gurtstraffer auf allen Sitzen und Gurtkraftbegrenzer ergänzen die umfangreiche Sicherheitsausstattung des Stilo, der zudem durch eine besonders vielseitige Komfortausstattung mit manchen Details überrascht, die normalerwise nur in höhren Fahrzeugklassen anzutreffen sind. wie zum Beispiel die radargestützte Adaptive Cruise Control, das Easy-Go-Zugangssystem ohne Schlüssel, das Telematiksystem Connect oder auch das großflächige Glaslamellendach Sky Window. Und bereits die Basisausstattung Active ist überraschend komplett. Die höheren Ausstattungsversionen hören auf die Namen Dynamic und Abarth, wobei dieser traditionsreiche Name für betont sportliche Varianten steht.

Mit zwölf Versionen geht der Stilo an diesem Wochenende an den Start, wobei vier Motoren zur Wahl stehen. Der 1,6-l-Vierventil-Benziner mit

76 kW (133 PS), der 1,8-l-Vierventil-Benziner mit

98 kW (133 PS) und der 2,4-l-Fünfzylinder mit

125 kW (170 PS), der mit dem sequenziellen Fünfgang-Selespeed-Getriebe kombiniert ist. Diesel-Freunde bekommen den direkt einspritzenden 1,9-l-Turbodiesel JTD mit Common Rail und 85 kW

(115 PS). Im Februar 2001 erscheinen die Modelle mit dem Basis-Benziner 1.2l 16V mit 59 kW (80 PS) und dem 1,9l JTD mit 59 kW (80 PS). Attraktiv wie das Auto sind auch die Preise, die mit 14650 Euro (28653 DM) für den Stilo 1.6 16V Active als Dreitürer und 15450 Euro (30218 DM) als Fünftürer beginnen. Noch 5200 Stilo will man in diesem Jahr verkaufen, 37000 sollen es 2002 werden - Ziele, die nach den ersten Erfahrungen mit diesem Auto durchaus realistisch sind.

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