Zeitung Heute : Fieber der Ungewissheit

Schlafstörungen, Albträume und Gereiztheit: Keiner weiß, wie die Wahl ausgehen wird. Und viele wittern Betrug. Filmemacher Michael Moore will gar 1200 Kontrolleure mit einer Kamera losschicken

Malte Lehming[Washington]

Jim steht in der Küche, um eine Flasche Rotwein zu öffnen. „Wenn der bleibt, wandern wir aus“, sagt er. Mit „der“ ist George W. Bush gemeint, mit „wir“ Tims Familie – Kind Emma, Frau Tina und der Hund. Es ist Sonnabend. Drei Tage später wird gewählt. Jim ist Rechtsanwalt, vor etwa einem Jahr hat er sich selbstständig gemacht. Tina ist Lehrerin, sie hat Geburtstag heute, Anfang Februar erwartet sie ihr zweites Kind. Sie wohnen in einem alten, pittoresken Reihenhaus, mitten in Alexandria, einem Vorort von Washington DC.

Das mit dem Auswandern ist nicht wörtlich gemeint. Aber eins steht fest: Jim und Tina verachten den amtierenden Präsidenten. Tina reagiert sogar physisch auf ihn. Wenn sie Bush im Fernsehen sieht, wird sie nervös, regt sich auf, ihr wird unwohl. Ins Wohnzimmerfenster, das zur Straße zeigt, hat sie ein großes Kerry-Edwards-Plakat gehängt. Unter den Freunden indes, die sie an diesem Tag besuchen, sind auch Republikaner, allerdings gemäßigte. Für John Kerry werde er nicht stimmen, sagt einer von ihnen, der in der Software-Branche arbeitet. Dazu lacht er, als käme ihm die Vorstellung absurd vor. „Aber der Irakkrieg war ein Fehler.“ Überhaupt habe Bush viele Fehler gemacht. Ob er ihn trotzdem wählt? „Ich weiß es nicht, vielleicht wähle ich gar nicht.“

Eine fiebrige Anspannung liegt über dem Land. Zu den Symptomen des letzten Wochenendes gehören Gereiztheit, abgekaute Fingernägel, Schlafstörungen. Die „Washington Post“ hat einen Namen für die Krankheit. Sie nennt sich „Pre-Election Anxiety Disorder“ (PEAD), frei übersetzt: extreme Vorwahlbeklemmung. Von Albträumen berichten die Patienten. Womöglich gewinnt der Gegner, womöglich wird wieder wochenlang nachgezählt. In fünf Umfragen lagen Bush und Kerry am Sonnabend exakt gleichauf. In vieren stand es 48 zu 48, in einer 49 zu 49. Knapper, dramatischer geht’s nicht.

Diagnose PEAD: Die Mutter eines zweijährigen Jungen beklagt sich darüber, dass sie über Bush nur im Hasston sprechen kann. Das wiederum irritiere ihr Kind. Wie soll sie ihm erklären, was sie empfindet? Sie versucht es. „Ben, es gibt Menschen da draußen, die nicht immer das tun, was Mama richtig findet.“ Überzeugend klingt das nicht. Auch Republikaner haben Gefühle. Ihre Angst vor einem Kerry-Sieg kulminiert in der Vision, der biedere sich bei Osama bin Laden und den Franzosen an, ordne Amerikas Interessen den Vereinten Nationen unter, die Würde des Landes werde geopfert, der Kampf gegen den Terrorismus beendet. „Und in ein paar Jahren haben die Terroristen dann Atomwaffen.“ Angst ist von Panik oft kaum noch zu unterscheiden. Vielleicht ist es ratsam, bis Mittwoch nicht mehr die U-Bahn zu benutzen. Auch das wird diskutiert. Ein Anschlag am Wahltag? Möglich wär’s. Mütter sorgen sich um den Schutz ihrer Kinder. In Madrid war es die U-Bahn, in Beslan eine Schule.

Am Sonntag war Halloween. Abends zogen Amerikas Kinder, wie in jedem Jahr, von Haus zu Haus. „Trick or treat“, riefen sie, gib mir was Süßes, oder wir spielen dir einen Streich. „Trick or treat“ – als weniger scherzhafte Erpressung lässt sich auch das jüngste Video von Osama bin Laden verstehen. Putzmunter zeigt es den Terrorfürsten. Viele hatten fest damit gerechnet, dass Bush ihn kurz vor der Wahl schnappt, um seine Chancen zu erhöhen. Versucht worden war es wohl, aber misslungen. „Jeder Staat, der unsere Sicherheit nicht beeinträchtigt, wird seinerseits sicher bleiben“, verspricht bin Laden. Darum sei zum Beispiel Schweden nie von Al Qaida angegriffen worden. Wie meint er das?, rätseln seitdem die Binladologen. Er fühle sich in die Enge gedrängt, biete eine Art Waffenstillstand an, meint William Safire in der „New York Times“. Das beweise, wie erfolgreich Bushs Kampf gewesen sei.

Wem nützt das Video, Bush oder Kerry? Die Ansichten gehen auseinander. Es nützt Bush, weil es vom Irakkrieg ablenkt, meinen die einen. Es nützt Kerry, weil es erneut ins Bewusstsein ruft, dass bin Laden frei herumläuft, glauben die anderen.

Weil keiner weiß, wie die Wahl ausgeht, wird fleißig orakelt. John Kerry siegt! Die Redskins haben ihr letztes Heimspiel verloren! Das war eine Faustregel am Sonntag. Die Redskins sind die Football-Mannschaft von Washington. Seit 1936, genau 17 Mal in Folge, gibt ihr letztes Heimspiel vor der Wahl Aufschluss über den Gewinner. Immer, wenn die Redskins siegten, siegte auch die Partei des Amtsinhabers. Wenn die Redskins verloren, zog anschließend der Herausforderer ins Weiße Haus ein. Am Sonntag unterlagen die Redskins mit 14 zu 28 gegen die Green Bay Packers aus Wisconsin. Ging alles mit rechten Dingen zu? Redskins „Cornerback“ Fred Smoot zum Beispiel ist ein erklärter Kerry-Fan. Hat er womöglich absichtlich nicht sein Bestes gegeben? Republikanische Fans der Redskins mutmaßen Arges.

Dass ausgerechnet die Packers das Schicksalsspiel gewannen, ist Kerry freilich nicht nur lieb gewesen. Denn in Milwaukee, wo das Stadion der „Packers“ steht, war der Senator aus Massachusetts vor sechs Wochen in einen dicken Fettnapf getreten. Bei einer Wahlkampfveranstaltung nannte er das Stadion „Lambert Field“. Es heißt aber „Lambeau Field“. Für Außenstehende mag das ein harmloser Lapsus gewesen sein. Aber die Sportwelt lachte sich schief. Der Versprecher verstärkte das Image von Kerry, der als gebildeter, stinkreicher Patrizier angeblich nichts gemein hat mit Bier trinkenden, Bratwurst essenden Footballfans wie den „Cheeseheads“ aus Milwaukee. Man stelle sich vor, ein Kanzlerkandidat in Deutschland würde in Kaiserslautern von der Batzenburg, statt dem Betzenberg sprechen.

George W. Bush siegt! Seit 1956 führt der „Weekly Reader“ vor jeder Präsidentschaftswahl eine Umfrage unter jenen Abonnenten durch, die noch aufs College gehen. In elf von zwölf Fällen haben die das Resultat richtig vorhergesagt. In diesem Jahr entschieden sie sich mit mehr als 60 Prozent der Stimmen für Bush.

So wird nach Herzenslust orakelt, gezählt, gewartet, gebangt. Wo fällt die Entscheidung? In Florida! Nein, in Ohio! Unsinn, in Pennsylvania! Das Wahlsystem in den USA ist kompliziert. Die Modalitäten legt jeder der 50 Bundesstaaten autonom fest. Am Ende wird der Präsident von Delegierten – so genannten Wahlmännern – gewählt. Jeder Bundesstaat entsendet eine bestimmte Anzahl von Wahlmännern. Davon gibt es insgesamt 538. Wie viele Wahlmänner ein Bundesstaat entsenden darf, wird nach jeder Volkszählung neu bestimmt. Kopf an Kopf liegen die Kandidaten nur noch in elf – manche sagen sechs, andere vier – Bundesstaaten. Nun hat ein Computer die Sache analysiert: Die elf Bundesstaaten können mit 33 verschiedenen Kombinationen ein Patt von 269 zu 269 Wahlmännern produzieren. Dann entscheidet, laut Verfassung, der Kongress. Das Repräsentantenhaus bestimmt den Präsidenten. Dort dürfte die Entscheidung für Bush fallen. Der Senat bestimmt den Vizepräsidenten. Falls die Demokraten dort die Mehrheitsverhältnisse ändern, könnten sie John Edwards an der Seite von Bush ins Weiße Haus befördern. Ist das wahrscheinlich? Nein. Kann es so kommen? Ja.

Es ist die Wahl der Superlative. Aufwand, Geld, Emotionen, Mobilisierung: Auf jedem Gebiet wurden Rekorde aufgestellt. Und jeder hat seinen Senf dazugegeben. Selbst Hobby- und Fachzeitschriften brachten Titelgeschichten. „Bicycling“, das Magazin für den Fahrradfreund, hat die Fahrstile von Bush und Kerry verglichen. Ergebnis: Bush lehnt sich zu weit nach vorn, Kerrys Helm sitzt zu locker. „Field & Stream“, das Magazin für den Jagd- und Fischereifreund, hat die Kandidaten sogar interviewt. Ergebnis: Bush schießt nicht gut, fischt gern, lässt die Fische aber anschließend wieder frei. Kerry dagegen brüstet sich mit allen Tieren, die er bereits erlegt hat. „Mein größter Hirsch war wahrscheinlich ein Achtender.“

„Tricycle“ wiederum, das Magazin für Buddhisten, mag den Präsidenten nicht besonders. Es druckt die „Confessions of a Bush-Bashing Buddhist“. Geradezu angehimmelt dagegen wird Bush in „Charisma“, dem Magazin für christliche Fundamentalisten. Er sei ein Geschenk Gottes. Das beweise auch die Wahl vor vier Jahren. Die „popular vote“, also die Mehrheit aller Stimmen ging damals an Gore. „Den wählten die Menschen.“ Bush indes wurde Präsident, weil „Gott intervenierte“. Quod erat demonstrandum.

Derweil tönt es schon jetzt – von links wie von rechts – laut: Betrug! In Allegheny County in Pennsylvania ist ein Flugblatt aufgetaucht, das vielen Wählern auch per Brief zugestellt wurde. Wegen der großen Wahlbeteiligung, steht darauf, seien die Wahllokale einen Tag länger geöffnet. Am Dienstag dürften die Republikaner wählen, am Mittwoch die Demokraten. Ein anderes Manipulations-Flugblatt kursiert in Wisconsin, in Wohngegenden von Schwarzen. „Wenn Sie in diesem Jahr schon einmal gewählt haben“, heißt es, „dürfen Sie an der Präsidentschaftswahl nicht teilnehmen.“ Bei Zuwiderhandlung drohen zehn Jahre Haft.

Wütend kontern die Republikaner. Sie verdächtigen die Demokraten, ihre Anhänger doppelt und dreifach zu registrieren. In Franklin County, im Bundestaat Ohio, gibt es rund 815000 Wahlberechtigte. Doch 845000 sind registriert. Und in Pennsylvania hat die Republikanische Partei 130000 Briefe an neue Wähler geschickt, 10000 kamen zurück – Empfänger unbekannt. Folglich sind beide Seiten für die nächste Runde der Schlacht gerüstet. Die Republikaner wollen Wahllokale von einem Heer von Kontrolleuren überwachen. Die Demokraten beschweren sich über die angeblich geplante Einschüchterung. Michael Moore hat angekündigt, 1200 Helfer mit Kameras loszuschicken, um die Kontrolleure zu kontrollieren.

Wer gewinnt? Keiner weiß es. Wann steht der Sieger fest? Keiner weiß es. Wird Ohio das neue Florida sein, oder sich in Florida – an Leidenschaften potenziert – wiederholen, was vor vier Jahren geschah? Das wäre pikant: Womöglich gewinnt Bush diesmal die Mehrheit der Stimmen, aber Kerry die meisten Wahlmänner. Eine perfekte Revanche. Außerdem wäre es spannend zu beobachten, ob die Demokraten dann wieder über eine gestohlene Wahl lamentieren, während die Republikaner das Resultat ganz selbstverständlich okay finden.

Wird es denn so knapp? Selbst das steht nicht fest. Den meisten Umfragen sei nicht zu trauen, warnen kluge Leute. Bei den Vorwahlen der Demokraten etwa, in Iowa und New Hampshire, lagen die Meinungsforscher komplett daneben. Je größer die Wahlbeteiligung, desto größer die Fehlermarge. Viele Daten seien veraltet. Diagnose PEAD, die Vorwahlbeklemmung. Ein Trost: Die Krankheit ist bald kuriert. Dann herrscht zumindest Klarheit, die in Freude oder Frust mündet. Oder aber die Gespenster kehren zurück, kichern hämisch und rufen in die Nächte hinein „too close to call, too close to call, too close“. Dann geht der Wahnsinn von vorne los.

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