Zeitung Heute : Filigrane Handarbeit

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Ganz vorsichtig zieht Vanessa Berger die feinen Verzierungen auf dem Bilderrahmen mit dem Pinsel nach. Ihr dünner goldener Strich schlängelt sich über das Ornament, das die 22-jährige zuvor sorgfältig herausgearbeitet, abgeschmirgelt und restauriert hat. "Das Gute an der Ausbildung zur Vergolderin ist die Vielfalt", sagt Vanessa. Vom Rahmenbau für Bilder bis zur Verzierung und Vergoldung nahezu sämtlicher Gegenstände lernt sie alles, was mit der Restaurierung alter Dinge zu tun hat. "Eigentlich wollte ich Restaurateur studieren", erzählt die Auszubildende. Als sie nach der Schule beim Arbeitsamt vorstellig wurde, bot man ihr eine Lehre als Vergolderin an. Vanessa hat sofort zugegriffen und ihre Pläne geändert. "Ich werde jetzt Vergolderin bleiben und auch nicht mehr studieren", sagt die Auszubildene.

Bei ihrer Lehrherrin Daniela M. Graf wird sie seit anderthalb Jahren in die Geheimnisse der filigranen Handarbeit eingewiesen. "Ich bin seit 13 Jahren selbstständig und in dieser Zeit hatte ich immer Auszubildende", sagt die Vergoldungs-Meisterin. Es gab sogar Zeiten, in denen Daniela Graf vier Mitarbeiter hatte. "Dann kamen nur wenige Aufträge hinein, so dass ich derzeit nur mit einer Auszubildenden arbeiten kann", sagt die Chefin. Das wird sich aber voraussichtlich bald ändern, denn nun soll eine weitere Vergolderin eingestellt werden.. "Wenn ich alleine mit einem Auszubildenden bin, kann ich die ganze Arbeit gar nicht schaffen", sagt Daniela Graf.

In der Werkstatt in der Eisenacher Straße in Schöneberg hängen verschnörkelte, aber auch schlichte Bilderrahmen an den Wänden. Auf dem großen Arbeitstisch steht ein kleines, zierliches Tischchen mit wunderhübschen Schnörkelbeinen. "Der Tisch ist mehrere hundert Jahre alt und wird von uns restauriert", sagt Daniela Graf. Natürlich bekommt auch er goldene Verzierungen. Grundsätzlich gilt nämlich in dem kleinen Betrieb: Es gibt nichts, was man nicht vergolden kann. "Wir haben schon Automarkenzeichen, Schallplatten, Hufeisen und Uhren vergoldet", erzählt Vanessa.

Die Ausbildung zum Vergolder dauert drei Jahre. Talente haben es in Berlin nicht gerade einfach, da es hier nur wenige Betriebe gibt, die Lehrlinge aufnehmen. Noch größere Schwierigkeiten bringt der Schulunterricht mit sich, denn für alle Vergolder-Lehrlinge Deutschlands gibt es lediglich eine Schule in München. Das bedeutet mehrmals im Jahr Blockunterricht, was vor allem den Geldbeutel der Nachwuchs-Vergolder belastet. Aber auch die Ausbilder in den Ein-Mann-Betrieben haben zu leiden. Denn durch die wochenlange Abwesenheit ihrer Schützlinge bleibt zwangsläufig auch oft die Arbeit liegen. "Am liebsten würde ich selber eine Schule in Berlin aufmachen", sagt die Meisterin. "Dann hätten auf der einen Seite wir Ausbilder einen besseren Kontakt zu den Lehrern, und auf der anderen Seite könnte das, was die Auszubildenden lernen, besser auf die praktische Ausbildung abgestimmt werden."

Die Berufsaussichten hängen sehr von den eigenen Interessen ab: Man kann beispielsweise eine eigene Werkstatt gründen oder für ein Museum arbeiten. Auch im Bausektor oder in Leistenfabriken, wo Bilderrahmen industriell gefertigt werden, können Vergolder Arbeit finden. Wer sich für den Beruf interessiert, sollte zumindest einen Realschulabschluß haben und handwerkliches Geschick mitbringen.

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