Zeitung Heute : Film ab!

Die Filmtheater in Charlottenburg-Wilmersdorf haben eine lange Tradition - sie bieten den Besuchern weit mehr als nur die aktuellen Hollywood-Produktionen

Kerstin Heidecke

Die City-West hat der Glas-Stahl-Sandstein-Architektur der Neuen Mitte Berlins eines voraus: ihre traditionsreichen Kinos. Fast jedes Lichtspielhaus kann auf eine lange Geschichte verweisen. Und die teils mehr als 100 Jahre alte Architektur strahlt ihren speziellen Charme aus.

Unser Oscar für das schönste Haus geht ans Delphi. Weinroter Teppich, dezente Wandleuchten, Säulen, goldene Messinggeländer – all das steigert die Vorfreude. Gummibärchen, Schokolade und das übliche Knabberprogramm gibt es auch. Die CD „Swinging Delphi“, die man im Kino erwerben kann, verweist auf die Geschichte als Tanzpalast in den 30er und 40er Jahren. Wim Wenders’ erklärtes Lieblingskino ist mit den Tonsystemen Dolby Digital, SDDS und dts technisch auf dem neuesten Stand. Im Saal finden knapp 800 Zuschauer Platz auf Polsterstühlen im Parkett und im Rang. Die Beinfreiheit der Sitzplätze ist auch für große Menschen ausreichend.

Mehr als 50 Jahre alt ist auch das Cinema Paris im Maison de France. Messing-Glastüren und Messingpfeiler machen das Haus mit den abgerundeten Ecken elegant, ebenso wie der mit goldenen Mosaiksteinen besetzte Foyertresen, an dem es Knabbereien und Karten gibt. Weinrote Samtvorhänge und Wandleuchter fehlen auch nicht. Vor dem Kinobesuch kann der Gast einen Blick in die französische Bibliothek werfen oder sich über Sprachkurse informieren. Europäische Filmkunst bildet den Schwerpunkt des Programms, häufig im Original mit Untertiteln. Die Bestuhlung ist recht neu und bequem, der Reihenabstand mit 120 Zentimetern sehr komfortabel. Die Sessel lassen sich sogar leicht kippen. 192 Gäste können im Parkett und 133 Besucher im Rang die Filmkunst genießen.

Ein exquisit sortiertes Programm hat die Kurbel. Offenbar gelingt der Spagat zwischen Programm- und Mainstreamkino gut. In den Rubriken Arthouse, Blockbuster, Kinder- und Animationsfilm findet jeder Besucher für jede Stimmung seinen Film. In den rot gepolsterten Stühlen der drei Säle sitzt man bequem. An der technischen Ausstattung gibt es nichts auszusetzen. Im kleinen, schlichten Foyer können sich Besucher mit Nachos, Popcorn und Getränken versorgen. Das Haus gehörte zu den ersten Kinos, in denen nach dem Zweiten Weltkrieg wieder Filme liefen.

Ein nicht weniger liebenswertes Kino sind die Eva-Lichtspiele. Eröffnet wurden sie schon 1912 als Roland-Lichtspiele. Auch hier gibt es nicht nur Blockbuster, sondern Vorpremieren, Nachspieler und Kinderfilme. Im Foyer kann man sich an Caféhaustischen stärken und das 50er-Jahre-Ambiente genießen.

Seit 95 Jahren existieren die Neuen Kantkinos – hier gibt es roten Teppich, Premieren und Berlinale-Partys. In den 80er Jahren wurde das Haus durch Punk- und New-Wave-Konzerte bekannt. Heute hat es einen exquisiten Ruf bei Freunden von Dogma-, Off- und europäischen Filmen, die oft im Original mit Untertiteln laufen. Nicht nur das moderne Bistro ist einladend, auch die fünf Säle sind technisch auf dem neuesten Stand und komfortabel.

Der kubische Bau des Zoo Palastes mit den riesigen gemalten Filmplakaten ist ein Hingucker. Von 1957 bis 1999 war der Zoo Palast das zentrale Wettbewerbskino der Berlinale, bis ihm der Potsdamer Platz den Rang ablief. Für viele Berliner – besonders in den westlichen Bezirken – ist er aber noch immer die Kino-Adresse; bei neun Sälen ist die Auswahl riesig. Durch die letzte Sanierung Mitte der 90er Jahre hat das Kino an Charme eingebüßt. Dafür ist die Technik modern. Und ein Besuch in Saal 1 lohnt immer noch. Aus gemütlichen Sesseln hat man eine gute Sicht. Zuvor sollte man sich einen Blick auf die ovale Decke gönnen: Durch die Punktleuchten wirkt sie wie ein Sternenhimmel.

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