Film : Lang lebt die Lüge

Katyn: So heißt der Film von Andrzej Wajda, der am Donnerstag ins Kino kommt. Katyn: So heißt der Ort, wo 1940 ein Massaker an 25 000 polnischen Offizieren verübt wurde. Darunter Wajdas Vater. Bis heute liegt die Wahrheit im Dunkeln. Eine filmische Spurensuche.

Jan Schulz-Ojala[Krakau Warschau]
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Stumme Zeugen. Bei Exhumierungen fand man in den 90er Jahren auch Brillen und Stifte, die den Opfern von Katyn gehört hatten. -Foto: Tomek Sikora/Katyn Museum

Und dann kommt der Augenblick, in dem Danuta Siekanska das Spitzendeckchen vom Wohnzimmertisch wegzupft, und die bereits mit Papieren und Prospekten übersäte Fläche verwandelt sich vollends in einen Erinnerungsarbeitsplatz. Durch die Fenster der Plattenbauwohnung im Krakauer Bezirk Dabie leuchtet ein Spätsommervormittag, und Zbigniew Siekanski legt zwei vergilbte Postkarten auf den Tisch. „Das ist das einzige, was von Vater geblieben ist“, sagt er. Zwei Postkarten aus dem Winter 1939/40, aus dem Lager Starobielsk östlich von Charkow, heute Ukraine, damals Sowjetunion. Kurze, unverfängliche Botschaften schickte der Lehrer und frisch zum Heer eingezogene polnische Reserveoffizier. Das Wichtigste: „Ich vermisse euch.“ Und: „Ich bin gesund.“

Zbigniew Siekanski war zwei Jahre alt, als der Vater aus seinem Leben verschwand, und er ist heute, mit 72, einer der Jüngsten derer, die mit der lebenslangen Sterbenslücke nicht fertig werden und sie längst umgewandelt haben in eine Anklage, eine Mission. Ein paar Kilometer weiter, in der Smolensk-Straße, die auf die Krakauer Altstadt zuführt, haben sich drei hoch in den Achtzigern stehende Damen im Salon einer mit allerlei Grünpflanzen geschmückten Altbauwohnung versammelt – die Schwestern Agnieszka de Barbaro und Maria Zaczek sowie ihre Freundin Michalina Bialecka. Die Schwestern sahen ihren Vater, den Arzt Zbigniew Czarnek, zum letzten Mal am 1. September 1939, dem Tag des deutschen Überfalls auf Polen; er verabschiedete sich am Bahnhof, weil er zum Aufbau eines Lazaretts einberufen worden war. „Dann warteten wir“, sagt Maria Zaczek, „und später kam ein einziger Brief aus Kozielsk“, das war ein sowjetisches Lager südlich von Moskau. „Drodzy!“ – meine Lieben – schrieb Michalinas Vater, der Polizeiausbilder Michal Kanik, aus dem Lager Ostaschkow nordwestlich von Moskau, „Gott behüte euch!“ Michalina Bialecka legt die abgegriffene Fotokopie wie eine Reliquie auf den Tisch. „Dieser Brief“, sagt sie, „hat uns so viel bedeutet.“

Oder der Mann mit dem vollen, schlohweißen Haar im Garten seines Hauses im Warschauer Villenbezirk Zoliborz, der mit seiner Frau, drei Hunden und drei Katzen lebt: Leise und bedächtig spricht er über den Vater, den pflichtbewussten Kavallerieoffizier, den er mit 13 zum letzten Mal sah und der im Lager Starobielsk verschwand – und dann ist da wieder dieser Moment, in dem alles konkret wird und zugleich alle Gegenwart verschwindet: der Moment, als die Ehefrau „das Tableau“, die kleine Vitrine mit den Erinnerungsstücken in den Garten bringt. Ein Foto vom Vater, eines von der Mutter, ein paar militärische Auszeichnungen, eine Brosche, ein Madonnen-Medaillon, „das ist alles“, sagt der Mann, „was mir von meinen Eltern geblieben ist“. Der Mann heißt Andrzej Wajda.

Auch wenn er sich an diesem Nachmittag in seinem Garten über den Begriff fast beschämt zeigt vor lauter Bescheidenheit: Sie nennen ihn ihren „Nationalfilmregisseur“ in Polen, so wie sie ihren Nationaldichter Adam Mickiewicz haben, „der davon träumte“, sagt Wajda, „dass das polnische Volk sich mit der Intelligenz verbündet“. Und er hat ihnen, vor zwei Jahren, mit „Das Massaker von Katyn“ den Film zu einem polnischen Trauma gedreht, das bis heute nachwirkt und das auch sein eigenes Trauma ist. Katyn ist die Chiffre für den Massenmord an 25 000 in die Sowjetunion verschleppten polnischen Offizieren und Polizisten, den das KP-Politbüro unter Stalin am 5. März 1940 befahl und der vom Geheimdienst NKWD pünktlich bis Mitte Mai 1940 umgesetzt wurde. Katyn ist das Synonym für die Lüge der Sowjets, für diese Morde seien die Deutschen verantwortlich gewesen – eine Lüge, die in den Staaten des Warschauer Paktes bis 1989 mit aller Gewalt aufrechterhalten wurde. Und: Katyn ist das Symbol für eine vormals sowjetische, inzwischen russische Politik der Verschleppung der ganzen Wahrheit bis heute.

Andrzej Wajdas „Massaker von Katyn“, gipfelnd in einer zwölf Minuten langen Erschießungsszene und danach einer Minute Schwarzfilm, unterlegt mit dem Chor aus Krzysztof Pendereckis „Polnischem Requiem“, ist selber eine große Totenklage. Kompiliert aus überlieferten Tagebuchnotizen der Gefangenen und Lebenszeugnissen der Witwen nimmt Wajda, anhand einiger nur lose verbundener Handlungsstränge, die eigene Sohnesperspektive noch einmal auf – und damit das Leid der Familien, die verzweifelt das Schicksal der Vermissten zu erforschen suchen und später zum oft lebenslangen Schweigen über die wahren Täter verurteilt sind. „Ich musste die Lüge nicht glauben“, erinnert sich Wajda an die kommunistischen Jahrzehnte Polens, „ich durfte nur nicht meine Meinung dazu sagen.“ Knapp fasst auch Danuta Siekanska das Gefühl allwissender Ohnmacht zusammen: „Wer es wusste, der wusste es.“ Und Agnieszka de Barbaro wundert sich mit sanftem Sarkasmus über das Paradox, dass man damals ausgerechnet den Nazideutschen dankbar sein musste: „Wenn die den Krieg gegen die Sowjets nicht angefangen hätten, hätten wir die Wahrheit vielleicht nie erfahren.“

Tatsächlich waren es deutsche Soldaten, die nach Hinweisen von Dorfbewohnern im April 1943 das Massengrab von Katyn entdeckten: 4000 polnische Offiziere waren einzeln per Genickschuss getötet und in ihren Uniformen mitsamt allerlei versteckten Habseligkeiten im Wald verscharrt worden. Fortan funktionierte Katyn als aberwitzig wechselndes Propaganda-Faustpfand der Feinde Deutschland und Sowjetunion, zwischen denen das Kriegsglück sich im Winter zuvor gewendet hatte. Die Deutschen öffneten die Gräber und fanden zahllose Beweise für die Daten der Ermordung: vor allem die Notizen der Gefangenen, die allesamt im April/Mai 1940 abbrachen. Goebbels jubelte in seinem Tagebuch, von der Nachricht werde man „einige Wochen leben können“. Dem Moskauer Politbüro wiederum war der Protest der polnischen Exilregierung in London und die von ihr geforderte Inspizierung der Gräber durch das Rote Kreuz ein willkommener Vorwand, die Beziehungen abzubrechen und ihre kommunistischen polnischen Vasallen international ins Spiel zu bringen. Besonders sarkastische Pointe: Als die deutsche Armee 1944 weiter nach Westen zurückgedrängt war, öffneten die Sowjets erneut die Gräber von Katyn und präparierten die Leichen mit umdatierten Dokumenten – worauf eine eigens bestellte Kommission prompt Beweise für ein Massaker unter deutscher Okkupation sah.

So wurde die Katyn-Lüge geboren. Und sie erwies sich als jahrzehntelang haltbar. Nicht nur, weil der NKWD die Familien der gefangenen Offiziere zu Zehntausenden nach Kasachstan verschleppte und die späteren kommunistischen Regierungen Polens eisern an der sowjetischen Version festhielten. Auch für die Westalliierten Amerika und Großbritannien erwies die Lüge sich zumindest im Krieg als lässlich – schließlich brauchte man Stalin im Kampf gegen Hitler. Kein Wunder, dass man es als Mitwisser der stalinistischen Mordaktionen auch im Kalten Krieg mit der Wahrheit nicht eben eilig hatte. Erst Michail Gorbatschow rückte 1990 – vor allem auf Druck der wiedererstarkten polnischen Solidarnosc – mit dem offiziellen Bekenntnis heraus, der NKWD habe die Morde verübt. Boris Jelzin schließlich übergab 1992, als Präsident des neuen Russland, dem polnischen Staatspräsidenten Lech Walesa den Beweis: den Politbüro-Befehl vom 5. März 1940, mit dem alles angefangen hatte.

Während die deutschen Besatzer – auch das zeigt Andrzej Wajdas Film – schon 1943 per Megafon etwa in Krakau die Namen vieler Katyn-Ermordeter hinausposaunt hatten, erfuhren nun Tausende von Familien knapp 50 Jahre später, wo die Ehemänner, Brüder, Väter und inzwischen eher die Großväter und Großonkel gestorben waren. Doch auch bis zum heutigen Tag sind erst etwa 15 000 der 25 000 Namen Lagern und Massengräbern zugeordnet. Starobielsk, Kozielsk und Ostaschkow heißen die von den Bolschewiken zerstörten orthodoxen Klöster, in denen die polnischen Gefangenen einen Winter lang ausharrten, immer noch in der Hoffnung auf Heimkehr. Verscharrt wurden sie allesamt in vormaligen NKWD-Ferienlagern – in Piatichatki (bei Charkow), Katyn (bei Smolensk) und Miednoje (bei Twer, das damals Kalinin hieß, benannt nach einem der Mitunterzeichner des Mordbefehls). Erschossen wurden sie nachts in den NKWD-Gefängnissen dieser nahen Städte, die Leichen schaffte man eilig in Lastwagen weg; nur die Gefangenen von Katyn wurden mit dem Zug zu einer nahen Bahnstation gebracht, in fensterlose Militärbusse – die „schwarzen Raben“ – getrieben und im Wald getötet.

Was für eine nachgetragene Präzision! Und wozu? Vor allem, damit die Angehörigen zumindest den historisch furchtbar verbürgten Ort haben, an dem sie symbolisch Abschied nehmen können – und tatsächlich sind in Katyn, Miednoje und Charkow vor knapp zehn Jahren Soldatenfriedhöfe errichtet worden. Dorthin pilgern die alten Menschen trotz der großen Entfernungen alljährlich. „Es ist wichtig, dass es solche Orte gibt“, sagt Maria Zaczek, und ihre Schwester Agnieszka – sie war 17, als der Vater verschwand – fällt ihr fast ins Wort: „Ich will wissen, wo mein Vater war, was er dachte, bis zum letzten Tag.“

Dieses Beharren auf vollständiger Aufklärung: Es treibt auch polnische Journalisten an, weit über die übliche dienstliche Neugier hinaus – schließlich sind Tausende von Morden noch ungeklärt und Beweisdokumente nur in mühseliger Kleinarbeit zu beschaffen. Cesary Gmyz, 42-jähriger Reporter der Warschauer Tageszeitung „Rzeczpospolita“, recherchiert derzeit in den ukrainischen Städten Wlodzimierz Wolynski und Luzk, beide dicht hinter der polnischen Grenze gelegen, die Belege für weitere Massengräber. An eine Zusammenarbeit mit den Behörden in Weißrussland, wo polnische Historiker weitere Gräber vermuten, sei dagegen nicht zu denken – „schließlich gibt es dort auch heute noch den KGB“. Gmyz sieht den Befehl Stalins zur Ermordung der polnischen Offiziere, unter deren Reservisten viele Vertreter aus intellektuellen Berufen waren, als „Teil einer riesigen Aktion zur Vernichtung der polnischen Eliten“ – den Rest hätten die Deutschen besorgt, wobei es zwischen Gestapo und NKWD bis 1941 nachweislich eine „gute sowjetisch-deutsche Zusammenarbeit“ gegeben habe. Der große Unterschied aber heute: „Die Deutschen begründen ihre Geschichtspolitik auf Wahrheit, Russland dagegen benutzt immer wieder gefälschte Dokumente, um Lügen zu verbreiten.“

Wenn es denn eine Zeit gegeben hat, in der diese Wunde sich hätte schließen können, so war es die Wende zu den 90er Jahren. Die Polen machten die Wahrheit über Katyn, die schon in der kurzen Solidarnosc-Blüte bis zum Kriegsrecht 1981 kein Tabu mehr war, endgültig zum Bestandteil ihrer Staatsraison. Und Russland immerhin gab die entscheidende Tatsache zu – freilich ohne sich zu entschuldigen, ohne die damals noch lebenden Täter zur Rechenschaft zu ziehen, ohne die Opfer zu rehabilitieren oder die Hinterbliebenen zu entschädigen. Inzwischen haben sich, unter dem einstigen KGB-Mann Wladimir Putin, die russisch-polnischen Verhältnisse wieder verdüstert, und so ist Andrzej Wajdas später Film über Katyn, der nun – nach seiner Premiere auf der letztjährigen Berlinale – zum 70. Jahrestag des sowjetischen Einmarschs in Polen ins Kino kommt, schon wieder von neuer Aktualität. Ein Hinweis dafür: „Das Massaker von Katyn“ hat zwar einen russischen Verleih, nur macht der keine Anstalten, ihn ins Kino zu bringen.

Aber das ist (Film-)Politik. Die Geschichte ist im besten Fall so still wie konkret. In Sachen Katyn lagert sie in den Kasematten eines alten Forts an einer südlichen Ausfallstraße Warschaus. Hier ist eine Außenstelle des Polnischen Militärmuseums untergebracht, eng geparkte, grünspanige Panzer auf der einen Seite, auf der anderen das winzige Katyn-Museum. Hier sprechen, auch wenn die alten Leute eines Tages schweigen werden, die kaum verwitterten Dinge, die Anfang der 90er Jahre bei den Exhumierungen der Massengräber in Miednoje und Charkow zutage gefördert wurden: Bleistifte. Rasierzeug. Selbstgeschnitzte Schachfiguren und Dominosteine. Uniformknöpfe mit dem polnischen Adler. Feldflaschen, aufgeschlitzt durch Bajonette. Und Schlüssel, Dutzende von Hausschlüsseln. Niemand wirft seine Schlüssel weg, bis zum Schluss.

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