Zeitung Heute : Film von Hans-Dieter Grabe über einen Holocaust-Überlebenden

Oliver Küch

Mendel Szajnfeld hat das KZ überlebt. Er wollte vergessen, doch er erzählt vom Nichtvergessenkönnen. Und der Zuschauer merkt, wie er aus dem Erzählen seine Kraft schöpft. "Mendel lebt", heißt die Dokumentation von Hans-Dieter Grabe, die das ZDF heute um 22 Uhr 45 ausstrahlt. Szajnfeld wurde mit 21 Jahren aus einem kleinen polnischen Dorf von den Nazis zunächst in verschiedene Arbeitslager und schließlich ins KZ Plaszow gebracht, das durch den Film "Schindlers Liste" berühmt wurde.

"Heimat war aus 1945", sagt er. Nach der Befreiung durch die Rote Armee ging er nach Oslo, heiratete und blieb in Norwegen. Dort traf ihn Grabe, als er zu Anfang der 70er Jahre für einen Beitrag über gesundheitliche Spätschäden von Lagerhäftlingen recherchierte. Er war so beeindruckt, dass er Szajnfeld kurzerhand die ganze Dokumentation widmete und ihn vor der Kamera seine Erinnerungen und Alpträume erzählen ließ.

Damals erzählte Mendel zum ersten Mal seine Geschichte und hat seitdem nicht mehr damit aufgehört. Er schrieb ein Buch, hielt Vorträge und besucht mit Schulklassen mehrmals im Jahr polnische KZs. Auf einer dieser Fahrten war Grabe dabei. Er filmt und spricht mit Szajnfeld, den er einfach Mendel nennt. Kein Abstand zum Objekt, sondern eindrucksvolle menschliche Nähe. Mendel erzählt. Langsam. Zunächst in stockendem Deutsch, bis das im KZ erlernte Deutsch flüssiger wird.

Schnelle Blickwechsel gibt es nicht. Kommentare nur vereinzelt. Statt Nachfragen wortlose Pausen. "Zum meisten Teil hatte ich Glück, da kann man nicht unzufrieden sein", sagt Mendel. Froh, dass er sich nützlich machen kann, denn darin sieht er den Sinn des Lebens, "zu etwas gut sein". Wozu er gut ist, weiß er genau - zum Erzählen. Denn diejenigen, die im KZ an ihm vorbeigetrieben wurden, haben ihn darum gebeten. "Es muss sein."

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