Filmpaläste : Entschleunigtes Kino

Die alten Lichtspielhäuser zelebrierten Filmgenuss wie eine Theaterinszenierung – die Anmutung des Exorbitanten kehrt zurück.

Michael Rutschky
Neuer Glanz. Am 27. November wird das Traditionskino mit einer Gala offiziell eröffnet, am 28. November beginnt der Spielbetrieb, unter anderem mit „The Counselor“ , „Die Tribute von Panem – Catching Fire“ und dem Kinderfilm „Die Eisprinzessin“.
Neuer Glanz. Am 27. November wird das Traditionskino mit einer Gala offiziell eröffnet, am 28. November beginnt der Spielbetrieb,...Foto: Mike Wolff

Wer hier eintritt, darf eine Verwandlung, geradezu eine Transsubstantiation erwarten. Deshalb kommt man ja her.

Dabei schaut der leere Zuschauerraum, vor Beginn der Vorstellung, gar nicht so vielversprechend aus, „wie die Landschaft im November“. Die Reihe der Sessel, das Licht, das bloß der Orientierung dient: damit man seinen Platz findet; der Vorhang, der die Leinwand verhüllt. Aber Außerordentliches, keine Frage, steht bevor.

Es ist wohl Irritation, was wegen der anderen Zuschauer entsteht. Ob es viele sind oder wenige; ob sie dich mustern, wenn du in einer Reihe vor ihnen dich niederlassen willst (ich selber mustere in diesem Fall immer und finde vieles auszusetzen, „die sehen aber komisch aus“); ob vor dir die Reihe leer bleibt, so dass du ohne Bedenken deinen Mantel dort ablegen kannst – unangenehm, ihn bei voller Besetzung des Zuschauerraums die ganze Vorstellung lang auf dem Schoß zu halten.

Will man womöglich der einzige Zuschauer sein?

Es dauert jedenfalls eine Weile, bis du fraglos und unproblematisch Teil des Publikums geworden bist, das das Erlöschen des Lichts und das Aufgehen des Vorhangs erwartet und gewiss mit dem Schwatzen aufhört...

Einen Augenblick liegt die Leinwand – auf der gleich die Transsubstantiation stattfinden wird – frei und leer da. In der Psychoanalyse gibt es die Theorie, dass der nächtliche Traum regelmäßig auf einem Hintergrund abrollt, dem „dream screen“, einer hellen, leicht körnigen Fläche, die das fassungslos-gierige Starren des Säuglings auf Mutters Brust fixiere – ich konnte das immer gut mit der (leeren) Kinoleinwand zusammenbringen.

Aber jetzt, wo man, fraglos ins Publikum eingeordnet, wartet und das Licht noch an ist, kann man sich noch einmal umschauen in dem Raum, der gleich verschwinden wird.

„Das ist aber ein schönes Kino!“, flüsterte neulich eine Freundin, mit der ich ein Schöneberger Etablissement besuchte.

Man sagt es anscheinend immer über alte Kinos, für die es die Kategorie „Filmpaläste“ gibt, prächtige Räume mit feierlicher Beleuchtung, und auch der Vorhang charakterisiert Festlichkeit. An der Decke womöglich eine Draperie, die an das Himmelbett unserer Großeltern erinnert (was mit dem Träumen, das gleich beginnt, zusammenpasst).

Früher sahen alle Kinos so aus – oder bemühten sich wenigstens darum. Sogar die „Central-Lichtspiele“ am Markt der kleinen Stadt, wo ich aufgewachsen bin (und oft ins Kino ging), versuchten sich, in einem historischen Fachwerkhaus untergebracht, in dieser Palasthaftigkeit, als sie Mitte der fünfziger Jahre renoviert wurden.

Weil alle Kinos so ausschauten, sah man es nicht. Heute stehen diese Filmpaläste – wie die klassischen Grand Hotels – vor allem in der Vergangenheit, wie es scheint, und wenn man wieder mal in einem sitzt, macht das einen Proustschen Effekt, die wiedergefundene Zeit.

Mein erster richtiger Filmpalast war das „Marmorhaus“ am Kurfürstendamm; Mutter, zu Besuch bei ihrer Mutter in der Gneisenaustraße, nahm den Vierjährigen, etwas jenseits der Legalität, mit in den „Dieb von Bagdad“, das Remake von 1940, mit dem indischen Jünglingsstar Sabu als hilfreichem Dieb und Conrad Veidt als dem bösen Großwesir – und hier beginnt gleich eine dieser sich dicht und endlos verzweigenden Erzählungen, die der habituelle Kinogeher so gern von sich gibt: Den bösen Großwesir erkannte ich Jahrzehnte später als den SS-Führer wieder, der Humphrey Bogarts American Café in „Casablanca“ mittels Absingen von „Die Wacht am Rhein“ für eine Nazi-Machtdemonstration zu nutzen versucht und durch die Marseillaise, von den anderen Gästen angestimmt, übertönt wird. Eine Szene, die mir immer wieder die Tränen in die Augen treibt (man weint ja viel und gern im Kino) – und Conrad Veidt ist eine Hauptfigur im legendären „Cabinet des Dr. Caligari“ – und ich könnte auf Siegfried Kracauers berühmtes Filmbuch „Von Caligari zu Hitler“ zu sprechen kommen...

Im Rückblick kommt es mir so vor, als wäre im „Dieb von Bagdad“ viel Halbnacktes anzuschauen gewesen – vielleicht kann das als Allegorie gelten. Was auch immer der Film, dem man gerade beiwohnt, zeigt, die Zuschauer genießen den libidinösen Schimmer, der auf allem liegt. Man verfolgt die eigenen Wunschvorstellungen – wie im nächtlichen Traum, sagt die orthodoxe Psychoanalyse.

Das verwandelt die schönen Kinos, in denen der Knabe und der Jüngling das Kinogehen erlernte, ahnungsweise in Lasterhöhlen – so sah es ja auch die konservative Pädagogik, die vorm Kinogehen der Jugend warnte, lange Zeit. Die roten Samtvorhänge, das gedämpfte Licht, der Betthimmel an der Decke, sie sagten die Wahrheit.

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