Zeitung Heute : Filmreif protestieren

Wie eine Berlinerin, Ost, die Stadt erleben kann

Britta Wauer

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Also, die Gastronomie. Da sind wir neulich beim Italiener und genießen den lauen Spätsommerabend. Freuen uns noch, dass es so gut schmeckt, und dann liegt zuunterst im Salatbouquet ein benutztes Streichholz. Mitten im Dressing, schön versteckt im Nest aus Rucola. Naja, ein Streichholz ist keine Kakerlake, aber weiteressen mag man dann doch nicht recht. Meine Freundin, die gute Laune hat, fragt den Kellner nach dem Rezept. Der schaut erschrocken und dann sehr prüfend auf den Raucher am Tisch. Aber der hat nur ein Feuerzeug dabei. Der Fauxpas, das sieht der Kellner ein, muss in der Küche passiert sein.

Als Entschädigung bringt er ein Tablett mit Desserts. Wir sind begeistert. Vergnügt vergleichen wir uns mit Figuren der Filmgeschichte, die als arme Hallodris in teuren Restaurants speisen und gegen Ende des Menüs dem Kellner ihre mitgebrachten Küchenschaben unterjubeln. Filmhelden verlassen danach empört aber satt und ohne jede Bezahlung das Etablissement.

Wir nicht. Wir freuen uns an Tiramisu und Crème Brulée und fragen schließlich nach der Rechnung. Als sie kommt, steht der Rucola-Salat an zweiter Position. Der Raucher findet es eine Frechheit, aber wir Frauen wollen keine Szene. Auf dem Heimweg fragen wir uns, ob das richtig war. Immerhin war das Dessert umsonst.

Vor ein paar Wochen in einem anderen Restaurant, waren sie nicht so großzügig. Damals hatten zwei Kollegen von mir ein etwas dürftiges Steak zum Mittag. Der eine brachte nur einen Bissen runter, der andere zumindest die Hälfte vom Stück. Der Kellnerin sagten sie offen, dass es scheußlich schmecken würde. Sie brachte uns drei Cappuccino. Danach ließ der Küchenchef ausrichten, dass der Protest berechtigt und das Fleisch nicht mehr gut gewesen sei. Was sollten die beiden sagen, sie hatten es runtergeschluckt. Den Rest des Tages kämpften sie mit Brechreiz.

Hätte man mit dem Gesundheitsamt drohen sollen oder mit dem Anwalt? Meine französische Freundin hätte vielleicht den Laden zusammengeschrieen, aber sie war ja nicht mit. Franzosen kennen in solchen Situationen keine Verwandten. Selbst an Bankschaltern können sie zetern, dass man als zufällig anwesender Deutscher nach der versteckten Kamera sucht.

In Frankreich gehören Temperamentsausbrüche zum Lebensstil, bei Liebeserklärungen wie Hasstiraden. Mit Franzosen erlebt man unglaubliche Situationen, sogar in Berlin. Sind sie wütend, hat man keine Chance – in jeder Hinsicht. Denn Menschen, die wütend sind, wirken sexy. Das behauptet eine Freundin, die sich seit Jahren erfolgreich der französischen Methode bedient. Selbst bei Männern, von denen sie frisch verlassen wurde, kann ein Wutanfall nochmal die Beziehung retten. Von ihr bevorzugt im Treppenhaus des Liebsten aufgeführt, öffnet der schnell die Türe, schon um die Nachbarn zu schonen. Sie hat dann immer bekommen, was sie wollte.

Die Restaurants mit unangenehmen Überraschungen aus der Küche werden nicht empfohlen. Im Übrigen gilt: auf Französisch protestieren!

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