Zeitung Heute : Filzmaschinen und Kleider aus Messingdraht

Der Tagesspiegel

Von Paul Janositz

Im Gleichklang sausen die drei Nadeln nach unten, die Teller drehen sich mit jedem Stich, auf dem weißen Stoff entsteht ein buntes Muster. High-Tech ist das nicht, wenn auch numerisch gesteuert. Doch die „3-Kopf-Würker-Stickmaschine" ist von 1928 und wird von einem Lochband gelenkt. Die Dresdner Maschine ist eines der Prunkstücke der neu eröffneten Dauerausstellung Textiltechnik im Deutschen Technikmuseum Berlin.

Wie anfällig Technik immer wieder ist, zeigt sich, wenn einer der mehr als ein Dutzend bunten Fäden reißt, die von den Rollen zur Nadel geführt werden. Dann steht die ganze Maschine still, bis Stickerin Barbara Bade die Störung beseitigt hat.

Wenn auch die Steuerung „Loch für Loch" im Silikon-Chip-Zeitalter fast vorsintflutlich erscheint, das Prinzip wurde bis in die 70er Jahre breit angewandt. Erfunden wurde die „digitale" Technik im 18. Jahrhundert. Der Kettfaden zum Durchlassen des Schussfadens wird gehoben (eins) oder liegengelassen (null). Heute werden Webmuster von Computern entworfen, gezeichnet und auf rechnergesteuerten Webstühlen produziert.

Die Lochkartensteuerung für die Webtechnik wurde 1805 von Joseph-Marie Jacquard erfunden. Da mit der neuen Technik Arbeitsplätzen in der Weberei verloren gingen, kam es damals zu Unruhen. So befahl 1806 der Zunftmeister in Lyon, einem traditionellen Zentrum der Seidenweberei, die Zerstörung der Geräte. Die Jacquard-Webstühle wurden zerschlagen und verbrannt. Doch der Fortschritt war damit nicht aufzuhalten. Sechs Jahre später gab es in Frankreich bereits 18 000 Lochkarten-Webstühle.

Ein Bandwebstuhl mit Jacquard-Mustersteuerung steht auch im Eingangsbereich des Museums an der Trebbiner Straße in Kreuzberg. Wer in die neue Ausstellung geht, kommt an dem aus Wuppertal stammenden Ungetüm von 1920 vorbei, das viele Bänder über Transmissionswellen, Antriebsscheiben und Lederriemen führt.

Im ersten Stock empfängt den Besucher eine bunte Welt. Tücher hängen an der Wand, Blumen aus Stoff liegen auf dem Boden, Hüte türmen sich auf Ständern. Metallische Netze glitzern aus Vitrinen, ebenso ein gehäkeltes Kleid aus Messingdraht

Aber nicht nur ein Fest für die Sinne hat Anna Döpfner aufgebaut. Die Leiterin des Bereichs Textiltechnik gab auch Raum für Informationen. Auf 400 Quadratmetern zeigen Bilder und Texte, Video- und Dia-Vorführungen, was alles aus gewobenem Faden besteht, was aus dem Gewebe gemacht werden kann, wie es verarbeitet und wie die Produkte vermarktet werden können.

Im Einführungsbereich können die Besucher „hautnah“ erleben, was sich hinter dem Begriff „textil" alles verbirgt. Produkte aus Papier, Seide, Wolle und Synthetik dürfen berührt, in ihrer verschiedenartigen Struktur erfühlt werden. Auch moderne Membranen für die Medizin-Technik, für Prothesen beispielsweise, sind darunter.

High-Tech-Garne finden sich neben vertrautem Wollgewebe, mit dem schon Neugeborene im Krankenhaus gewärmt werden. Zu sehen ist auch Kunstseide aus den 30er Jahren. In dieser Zeit verfasste Präparier-Tafeln erzählen, wie Seide, Baumwolle, Wolle, Leinen oder Jute entstanden sind.

Doch Textilien sind nicht nur die gewohnten gestrickten oder gewebten Bekleidungsstücke, Hose oder Pullover etwa, auch technische Produkte wie das im Labor verwendete Drahtsieb, Airbags oder Sitzgurte gehören dazu. Silbrig glänzt die Folie, mit der Christo und Jeanne Claude 1995 den Reichsttag verhüllten. Die Christo-Hülle ist heute bis auf wenige Stücke verschwunden, andere technische Folien sind noch in Gebrauch. So etwa das Polyester, das die Cargolifter-Halle umgibt, oder das Drahtgewebe, das in ein Dach im Reichstag eingebaut ist. Das Sonnenschutzsegel vor dem Kanzleramt ist aus textiler Glasfaser und die Sony-Halle am Potsdamer Platz wird von beschichtetem Gewebe bedeckt, das sich öffnen und schließen lässt.

Näher am Alltag sind Gegenstände aus Filz, wie die niedlichen „Walenki", so heißen Kinderfilzschuhe in Rußland. Riesig erscheinen dagegen die Filzstiefel, die ein Berliner Straßenbahnfahrer um 1940 trug. Das Material musste zuverlässig vor Kälte schützen, schließlich stand der Fahrer stand im Freien.

Wie Filz stufenweise entsteht, zeigt eine Plattenfilzmaschine. „Bewegung, Druck, Hitze und Feuchtigkeit machen aus lockerer Wolle verfilztes Material“, erklärt Döpfner. Aus Filz sind auch die Jurten, die Zelte, die Nomaden beispielsweisein der Mongolei als Unterkunft dient. „Für den Schutz vor trockener Kälte ist Filz sehr gut geeignet", erklärt Döpfner. Bei dem nasskaltem Wetter hier zu Lande sollten derartige Filzmattenkonstruktionen jedoch besser im Innern aufgebaut werden.

Dies wollte Anna Döpfner auch in der Berliner Ausstellung machen. Doch der Platz reichte nicht. In etwa einem Jahr – so hofft sie – werden zusätzliche Räume zur Verfügung stehen. Dann soll auch Gruppenarbeit möglich sein, für Kinder und interessierte Besucher, die sich an Weben, Stricken, Häkeln oder am Hutmachen versuchen wollen. Die Technik können sie jetzt auch schon beobachten. Josephine Barbe führt die Kunst des Hutmachens vor. An einer „Strohbortennähmaschine" fügt die junge Hutmacherin mit Atelier in Friedenau Stück für Stück aneinander. Bis ein Strohhut entstanden ist, der, mit einer Stoffblume geschmückt, an sonnige Sommertage erinnert. Ein schönes Gefühl – passend zu dieser sehenswerten Ausstellung.

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