Zeitung Heute : Finanzdienstleister suchen Mathematiker: Folge der Globalisierung

Gerwin Klinger

Die globalisierten Kapital- und Währungsmärkte haben sich zu Turnierplätzen der Mathematik gemausert. Um auf ihm präsent zu sein, stellen die international operierenden Banken und Finanzdienstleister verstärkt Mathematiker ein. Eine Verbleibsstudie zeigt, dass in den USA rund 40 Prozent der etwa 100 000 Mathematik-Absolventen eines Jahrgangs in der Finanzwirtschaft unterkommen.

Der Berliner Mathematik-Professor Hans Föllmer ist Spezialist auf dem Gebiet "Stochastik der Finanzmärkte", der Kunst also, die Wahrscheinlichkeiten, Zufälle und Imponderabilien des Kapital- und Devisenhandels mittels mathematischer Modelle handhabbar zu machen. Föllmer sieht auch im deutschen Finanzsektor einen klaren Trend zum mathematischen Spezialisten. Bankhäuser bestätigen Föllmers Beobachtung. Die Dresdener Bank stellt nach eigenem Bekunden "vermehrt Mathematiker ein". Bei der Bankgesellschaft Berlin gibt es sogar, wie Personalmanager Bernd Plumhoff sagt, "eine deutlich steigende Tendenz in den kapitalmarktnahen Bereichen Mathematiker einzusetzen". Auch die Deutsche Bank sagt, dass sie in allen wichtigen Geschäftsbereichen nicht ohne Mathematiker auskommt.

Die "klassischen" Aufgabengebiet der Mathematiker bei den Banken sind Risikomanagement und Controlling. Daneben werden sie neuerdings verstärkt im Bereich IT und E-Commerce eingesetzt. Letzteres auch, um den Mangel an originären IT-Spezialisten zu kompensieren. Hochspezialisiertes mathematisches Know-how erfordert der sich dynamisch entwickelnde Bereich Investment Banking / Global Markets. Wolfgang-Michael Schmidt, Mathematiker im Global-Team der Deutschen Bank: "Hier werden Modelle entwickelt, die es erlauben, die komplexen Risiken bei Geschäften zu bewirtschaften, die auf Derivaten basieren". Mit anderen Worten: Mit welchen Kosten muss die Bank rechnen, wenn sie Handelsgeschäfte etwa gegen das Risiko eines fallenden Dollarkurses versichert?

Anders als bei einer Hausratsversicherung ist der Schadensfall hier kein singulärer, der durch das Gesetz der großen Zahl gedeckt ist, sondern er kommt einem Dammbruch auf breiter Front gleich, der alle Dollar-Geschäfte auf einmal mit sich reißt. Aufgabe des Mathematikers ist es, Gegenstrategien zu entwickeln. Es werden so genannte Hedging-Strategien entwickelt, mit denen die Währungskursschwanken aktiv beantwortet werden.

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