Finanzkrise : Auf die unsichere Bank

Der ehemalige US-Notenbankchef Alan Greenspan glaubt, die aktuelle Finanzkrise sei die schwerste seit dem Ende des Weltkriegs. Welche Auswirkungen könnte das auf deutsche Verbraucher haben?

Henrik Mortsiefer

Die 85 Jahre alte US-Investmentbank Bear Stearns ist beinahe zusammengebrochen. Drohen anderen Banken ähnliche Schieflagen – auch in Deutschland?



Die in letzter Sekunde vom Wettbewerber JP Morgan Chase übernommene Bear Stearns war an der Wall Street für draufgängerische Investments bekannt. In der Hoffnung, besonders hohe Renditen zu erzielen, engagierten sich die Banker mehr als andere auf dem inzwischen kollabierten Markt für schwach abgesicherte Wertpapiere des US- Hypothekenmarktes. Schon im Sommer 2007 trat die Krise zutage, als zwei von Bear Stearns gemanagte, milliardenschwere Hedge-Fonds zusammenbrachen. Inzwischen mehren sich die Anzeichen, dass auch Wall-Street-Größen wie Goldman Sachs, Morgan Stanley oder Lehman Brothers stärker in die Finanzkrise gerutscht sind als bislang angenommen. Spekuliert wird über weitere Milliardenabschreibungen und Massenentlassungen. Angeblich ist bei den US-Investmentbanken jeder fünfte Arbeitsplatz in Gefahr.

Auch deutsche Banken stehen unter massivem Druck. Die Ratingagentur Fitch teilte am Montag mit, Institute, die stark von der Refinanzierung über Kapitalmärkte abhängig sind, seien gegen weitere Probleme nicht gefeit. Die Krise an den Finanzmärkten habe gezeigt, dass nicht alle deutschen Banken ein tragfähiges Geschäftsmodell hätten, urteilten die Experten. Zudem hätten nicht alle Institute ein ausreichendes Risikomanagement. Gemeint sind damit vor allem die Landesbanken. WestLB, HSH Nordbank, LBBW oder die BayernLB mussten bis jetzt Milliardensummen abschreiben, weitere werden vermutlich folgen. Insgesamt erwies sich das deutsche Bankensystem nach Fitch-Einschätzung allerdings als robust, was auch an der Unterstützung des Bundes liege. Hinzu komme, dass die nicht so kreditlastige deutsche Volkswirtschaft von einer möglichen Rezession voraussichtlich weniger betroffen sei als andere Länder.

Müssen sich deutsche Bankkunden und Verbraucher vor einer Verschärfung der Finanzkrise fürchten?

Unmittelbar sind die Folgen überschaubar. Wer nicht zufällig Aktien von US-Investmentbanken im Depot hat, die am Montag dramatisch an Wert verloren haben, spürt die Krise zunächst nicht stärker als in den Wochen zuvor. Auch um die Ersparnisse, die bei deutschen und ausländischen Banken oder Sparkassen liegen, muss man sich keine Sorgen machen. Sie sind – für den Fall einer Bankenpleite – durch den Einlagesicherungsfonds nahezu unbegrenzt abgesichert und gesetzlich bei den meisten ausländischen Instituten bis zu einer Höhe 20 000 Euro. Mit Blick auf den schwachen Dollar hat die Krise für deutsche Verbraucher sogar etwas Gutes: Reisen in die USA und Einkäufe im Dollarraum sind deutlich preiswerter geworden. Die Euro-Aufwertung könnte sich jedoch auf lange Sicht auch als Nachteil erweisen. Verteuert sie doch die Exporte deutscher Firmen in den Dollarraum – mit Folgen für Gewinne und Beschäftigung.

Wird die deutsche Wirtschaft vom Abschwung in den USA angesteckt?

Die deutsche Wirtschaft ist robust ins neue Jahr gestartet. Gemessen an der hervorragenden Auftragslage der Unternehmen hat sie gute Chancen, 2008 um rund 1,7 Prozent zu wachsen (2007: rund zwei Prozent). Selbst der schwache Dollar – am Montag kostete ein Euro zeitweise mehr als 1,59 Dollar – hat den Exporteuren noch nicht auf breiter Front geschadet. Die Bundesbank schreibt in ihrem Monatsbericht, die Firmen hätten die Euro-Aufwertung „bisher deutlich abgefedert“. Aber: Die Absicherung von Wechselkursen ist für die Firmen teuer. Fiele die US-Wirtschaft zusätzlich in eine Rezession, könnten besonders exportintensive Branchen wie die Autoindustrie und der Maschinenbau härter getroffen werden. Da sie die meisten Arbeitsplätze in der Industrie stellen, würde dies auch auf die Beschäftigung, die Einkommen und den privaten Konsum durchschlagen. Letzterer soll 2008 die deutsche Konjunktur stützen, 2007 war die Abkühlung schon zu spüren. Wie das Statistische Bundesamt am Montag mitteilte, gingen die Ausfuhren in die USA um 5,9 Prozent auf 73,4 Milliarden Euro zurück. Die Vereinigten Staaten sind das wichtigste Exportland Deutschlands außerhalb Europas. Eine Rezession in den USA würde auch den Dollar weiter unter Druck setzen. Schon heute gilt der Euro vielen als Reservewährung. Mit negativen Folgen für die hiesige Wirtschaft: Wegen des hohen Kapitalzuflusses und gleichzeitig steigender Rohstoffpreise ist die Inflation kräftig gestiegen. Zuletzt lag die Quote in Deutschland bei 2,8 Prozent – weit über dem von der Europäischen Zentralbank tolerierten Niveau. Schlimmeres könnte deshalb noch bevorstehen: die Stagflation – also kein Wachstum bei weiter steigenden Preisen.

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